Warum lässt Gott das Leid zu?

Frage-Ich: Alexander

Antwort-Ich: Ja.

F: Es ist Sonntag.

A: Ja.

F: Es ist wieder soweit!

A: Was?

F: Ich habe Fragen.

A: Schon wieder?

F: Leider ja.

A: Und dein Thema diesmal?

F: Leid. Warum lässt Gott Leid zu?

A: Lies meinen Blog!

F: Keine Lust. Vielleicht können wir das Wesentliche nochmals gemeinsam zusammentragen.

A: Meinetwegen.

F: Dann los, warum lässt Gott Leid zu?

A: Darauf gibt es keine wirklich befriedigende Antwort.

F: Versuchen wir es mit den Unbefriedigenden. Ich frag vielleicht mal so herum, welche Arten von Leid gibt es überhaupt?

A: So wie ich das sehe, hauptsächlich zwei, das von Menschen verursachte Leid, siehe Auschwitz oder Verkehrsunfälle, und das durch die Natur verursachte Leid, siehe Erdbeben oder Naturkatastrophen. Und dann natürlich Mischformen wie die meisten Krankheiten.

F: Beispiel?

A: Naja, macht sich gerade ein Virus breit, werde ich möglicherweise krank, die Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn mir jemand in der Bahn direkt ins Gesicht niest.

F: Eklig.

A: Ja.

F: Mit dem von Menschen verursachten Leid habe ich persönlich nicht ganz so viele Probleme, da der Mensch ja streng genommen selbst dran Schuld ist. Wolfgang Niedecken von BAP hat das kürzlich in einer Talkshow mal ganz schön auf den Punkt gebracht: Nicht Gott sollte sich bei uns entschuldigen, sondern wir sollten uns für den ganzen Scheiß, den wir bauen, bei Gott entschuldigen.

A: Und dennoch könnte man natürlich fragen, ob Gott den Menschen nicht auch hätte anders schaffen können, friedlicher, vernünftiger.

F: Wir kommen darauf zurück. Lass uns dennoch erst einmal über das von der Natur verursachte Leid reden. Warum also ist die Natur nicht auch etwas friedliebender, etwas weniger gefährlich?

A: Eine aktuell beliebte Antwort darauf lautet: Die Natur ist so wie sie ist, weil sie den Menschen hervorgebracht hat. Ausgangspunkt ist das anthropische Prinzip, welches besagt, dass unter den gegebenen Naturgesetzen die Natur gar nicht anders konnte als auf kurz oder lang ein höher entwickeltes und vernunftbegabtes Wesen wie den Menschen zu evolvieren. Alternativ könnte man sich zwar eine Welt denken, die auf anderen Naturgesetzen beruht und daher friedlicher ist, aber weil andere Naturgesetze zu anderen Ergebnissen führen, wäre diese Welt eben nicht von Menschen bewohnt. Theologen sprechen diesbezüglich auch gerne von einem so genannten „Package Deal“, das heißt, weil die Naturgesetze sowohl für den Menschen als auch für das Leid verantwortlich sind, ist der Mensch nur unter den uns bekannten leidgeprüften Bedingungen zu haben, wenn ich das so formulieren darf.

F: Darfst du. Gibt es andere, vielleicht weniger evolutive Ansätze?

A: Man könnte natürlich auch sagen, dass eine Welt, die von mehr als einem Einwohner bewohnt wird, eine gewisse Eigendynamik haben muss, um allen Einwohnern gerecht zu werden. Mal also angenommen, ich wäre das einzig existierende Lebewesen und würde mich als Zusatzannahme immer vorhersehbar verhalten, dann wäre eine Welt denkbar, die auf mich hin zugeschnitten ist und mir daher optimale Lebensverhältnisse bietet, so dass die Sonne scheint und Regen fällt, so wie es für mich gerade das beste ist. Da dies aber nicht der Fall ist und die Welt von vielen Lebewesen bewohnt wird, die auch noch alle miteinander interagieren, muss die Natur ständig an den bestehenden Lebensverhältnissen herumdoktern, immer auf der Suche nach neuen, noch besser angepassten Lebensnischen. Wo aber gehobelt wird, da fallen Späne, und wo viel versucht wird, da gibt es auch viele Fehlversuche, die sich dann leider in Gendefekten oder anderen Fehlentwicklungen niederschlagen.

F: Weil also in der Natur viele Einzelakteure mehr oder weniger frei agieren und interagieren, muss auch die Natur mehr oder weniger frei sein, um die Freiheit der Einzelakteure überhaupt ermöglichen zu können?

A: Gut erkannt. Wobei es in Bezug auf die Natur vielleicht besser wäre, von Flexibilität als von Freiheit zu reden. Das heißt, schwimmen kann ich beispielsweise nur, weil sich Wasser verdrängen lässt, was wiederum für die Ameise am Beckenrand eine mittelschwere Katastrophe bedeutet.

F: Stichwort Schmetterlingseffekt.

A: Ja.

F: Trotzdem bin ich nicht sicher, ob sich damit alles erklären lässt, was ist mit Meteoriteneinschlägen?

A: Weiß ich auch nicht, trotzdem bleibe ich dabei, dass man Meteoriteneinschläge oder andere Naturkatastrophen nur in einer statisch geordneten Welt ausschließen könnte, nicht aber in einer Welt, in der eine dynamische Natur brodelt.

F: Du klingst leicht genervt, dann lass uns lieber einen Schritt weitergehen.

A: Gerne.

F: Die Bibel erweckt ja den Eindruck als sei der Mensch an allem Schuld, auch an dem von der Natur verursachten Leid.

A: Wie kommst du darauf?

F: Ich denke an das Bild vom Sündenfall. Alles ist gut. Der Mensch sündigt. Alles wendet sich zum Schlechten.

A: Ist das so? Wenn ich mich recht entsinne, ist im Paradies alles gut, dem Ort also, wo Gottes Gegenwart greifbar ist, während außerhalb des Paradieses bereits einige harte Ackerböden darauf warten, vom Menschen umgepflügt zu werden.

F: Und doch, hätte der Mensch nicht gesündigt, wäre ihm dieses Schicksal wohl erspart geblieben.

A: Dann müssen wir uns an dieser Stelle wohl fragen, was es mit dem Sündenfall auf sich hat. Der rote Faden, der sich durch die ganze Bibel zieht, ist meines Erachtens die Rede vom Bund: Ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein! Der Sündenfall macht deutlich, dass der Mensch das nicht will und stattdessen viel lieber selbst Gott spielen möchte. Denn nichts anderes bedeutet es ja, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, oder besser übersetzt, Schlechten zu essen: Nicht Gott soll entscheiden, was für den Menschen gut und schlecht ist, sondern der Mensch will es selbst entscheiden; er will sein eigener Herr sein.

F: Wenn ich kurz dazwischen dürfte, für mich hört sich das eher so an, als strebe der Mensch nach Mündigkeit, wogegen ja eigentlich nichts zu sagen ist.

A: Berechtigter Einwand, aber Mündigkeit würde bedeuten, aus dem Guten heraus das Richtige zu tun. Der Mensch handelt aber nicht aus dem Guten heraus, sondern er tritt aus dem Guten heraus, um dann zu handeln, so wie er es selbst und für sich selbst als richtig empfindet.

F: Und als Strafe der Rauswurf aus dem Paradies und ein anstrengendes und leidgeplagtes Leben auf dem Acker?

A: Ich sehe das so: Gott schafft die Welt, und zwar nach hebräischem Schriftverständnis und übrigens auch ganz im Einklang mit der modernen Naturwissenschaft so, dass sich das bestehende Chaos langsam in Ordnung verwandelt. Meteoriteneinschläge und Naturkatastrophen könnte man diesem Verständnis nach dem noch zu verwandelnden Restchaos zuschreiben, aber das nur am Rande. Auf jeden Fall sagt Gott nach getaner Arbeit, dass alles gut ist. Es wäre möglich, dass er damit nicht nur einem ästhetischen Gefühl nachgibt, sondern, wie soll ich das formulieren, eine Inanspruchnahme geltend macht. Wenn ich also sage, der 911er ist ein gutes Auto, dann meine ich damit nicht nur, dass er gut aussieht, sondern ich bringe meinen Wunsch zum Ausdruck, ihn zu fahren und bei 300 Sachen die 500 Pferde zu spüren. Sagt Gott dasselbe über die Welt, dann bringt er damit meines Erachtens seinen Wunsch zum Ausdruck, sie in Besitz zu nehmen und in ihr wohnen zu wollen. In diesem Sinne veranschaulicht das Bild vom Paradies, was es heißt, wenn Gott die Welt mit seiner Gegenwart erfüllt. Dagegen veranschaulicht das Bild vom Acker, was es heißt, sich auf einmal abseits der Gegenwart Gottes wiederzufinden.

F: Ich ahne, wo die Reise hingehst, vielleicht jetzt die Pointe.

A: Die Pointe lautet: Wenn Gott gegenwärtig ist, wenn er unser Gott ist und wir sein Volk sind, dann wird alles gut. Die Welt ist dafür geschaffen, von Gott durchdrungen zu werden. Die Natur ist dynamisch, aber ebenso wie ein Pferd gezügelt werden muss, damit es nicht ausbricht, muss Gott die Natur zügeln, damit sie nicht ins Chaos abdriftet.

F: Und weil Gott der Herr der Natur ist, würde der Mensch, wenn er Gott als seinen Herrn anerkennt, nicht mehr von den Naturgewalten, sondern von Gott abhängig sein?

A: So ungefähr. In der Bibel heißt es ja: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an!“ Betritt Gott unseren Lebensraum, dann wird es hell und die Finsternis und das Leid muss weichen.

F: Das klingt gut, wenngleich das Leben immer noch sehr nach Acker, nach Leid und Schmerz schmeckt, ich frage daher ganz konkret, wann hat das Warten auf Gott ein Ende?

A: Eine wichtige Frage, so wichtig sogar, dass ich sie zum Kern meiner Theodizee erklären würde. Man kann also fragen, warum Gott Leid zulässt, jedoch wird die Antwort aufgrund der menschlichen Begrenztheit immer unbefriedigend ausfallen. Man kann auch fragen, wozu Gott das Leid zulässt, allerdings besteht die große Gefahr, das Leid damit zu bonisieren, ihm also etwas Gutes abzugewinnen, was in Anbetracht von Auschwitz schnell zynisch wirkt. Natürlich ist es andererseits auch wahr, dass man im Leiden viel lernen kann und der Glaube geschärft wird, aber das ist noch lange kein Grund, es als etwas per se Gutes oder gar Gottgewolltes zu begreifen. Und daher, weil das Leid im Kern weder begreiflich noch sinnvoll ist, teile ich die Ansicht des Theologen Jürgen Moltmann, dass die Frage „Wie lange noch?“ eigentlich am meisten Früchte trägt, da sie einen Dialog mit Gott eröffnet, der sowohl Raum für Klage als auch für Hoffnung lässt.

F: Schön. Wie lange also noch?

A: Christen hoffen darauf, dass am Ende der Zeit, wenn der letzte Vorhang fällt, der Autor die Bühne betritt, um diese Welt ins Unvergängliche und somit Leidlose zu verwandeln, wie auch immer das aussehen wird. Christen glauben aber auch, dass der Same hierfür schon längst gelegt ist, beziehungsweise Gott in menschlicher Gestalt mit uns auf dem Acker steht, um das Zukünftige im Hier und Jetzt vorzubereiten; den Acker also zu lockern und den Samen zu gießen. Dass Gott aber bereits unter uns weilt, zeigt sich daran, dass in seiner Gegenwart die Dinge bereits jetzt schon anfangen sich zu verwandeln; auf dem Acker also bereits Pflanzen durchbrechen, Lahme gehen, Blinde sehen können und damals wie heute Zeichen und Wunder geschehen. Obwohl also trotz allem schlimme Dinge auf der Welt passieren, weicht die Angst einer gewissen, von seiner Gegenwart beseelten Vorfreude.

F: Das kann man, auch in Anbetracht der Zeit, sicherlich so stehen lassen, dann also jetzt noch in aller Kürze die Frage nach Auschwitz und dem von Menschen verursachten Leid. Warum kann Gott den Bösen nicht einfach davon abhalten, Böses zu tun?

A: Mit dem Theologen Klaus von Stosch gesprochen, weil Gott die Freiheit des Menschen so hoch schätzt, dass er ihn machen lässt, selbst wenn Schlimmes dabei herumkommt. Ist Gott also Liebe, dann zwingt er uns zu nichts, sondern wirbt um uns mit Mitteln der Liebe. Weil Gott aber durch Menschen um Menschen wirbt, liegt es an uns, dem liebenden Werben Gottes Gehör zu verschaffen. Ein Pfarrer hatte zu Nazizeiten einmal einen Traum, in welchem Adolf Hitler vor Gott steht und Gott ihn fragt, warum er so viel Übel über die Menschen gebracht hat. Hitlers Antwort war: Weil keiner mir gesagt hat, dass du mich liebst!

F: Ein guter Schlusspunkt, ich danke für das Gespräch. Hast du noch Literaturempfehlungen für mich?

A: Ich empfehle von Klaus von Stosch „Theodizee“, von Philip Yancey „Von Gott enttäuscht“ und von C.S. Lewis „Über den Schmerz“.

Advertisements

Jesus und das Leid

Ein Gedanke, etwas verspätet zu Karfreitag: Wenn Jesus wirklich der „heruntergekommene Gott“ ist, der in seinem kurzen Menschenleben von Hunger, Krankheit, Erniedrigung, Ablehnung, Verachtung bis hin zu einem extrem qualvollen Tod eigentlich alles an Leid erlebt, was das Leben so aufzuwarten hat, dann ist es gar nicht mehr so einfach, Gott für das, woran wir leiden, an den Pranger zu stellen. Denn nur, wenn Gott dem Leid diametral gegenübersteht, kann man ihn fragen, warum er es zulässt. Ist er aber mittendrin und leidet als Vater, Freund und Bruder an unserer Seite, macht die Frage eigentlich keinen Sinn mehr, bzw. dann kann man höchstens nur noch so fragen: Gott, wenn du allmächtig bist, warum ziehst du es vor, statt das Leid einfach aus der Welt zu schaffen, mit uns zu leiden?

Die Antworten darauf sind vielfältig, ich versuch es mal so: Ein Mann bringt jemanden um oder raubt ihn aus oder egal was. In jedem Fall wird er eingesperrt. Fortan sitzt er in einem dunklen Gefängnis, wird von den Wärtern geschlagen und bekommt aufgrund von Nässe und Kälte die schlimmsten Krankheiten. Weil sein Vater kein geringerer als der König des Landes ist, hat der Mann große Hoffnung, schnellstmöglich entlassen zu werden. Doch das passiert nicht. Stattdessen wird irgendwann die Gefängnistür aufgerissen und man schmeißt einen weiteren Sträfling hinein. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Mann, dass es sein Vater ist. Anstatt seinen Sohn abseits von Recht und Gesetz zu begnadigen, hat er sich dafür entschieden, ihm in seiner größten Not beizustehen.

Die Frage ist nun, was Vater und Sohn wirklich zusammenschweißt? Der Umstand, dass der Vater König ist und als solcher eine Amnestie unterschreiben könnte? Oder der Umstand, dass er von seinem Thron herabsteigt und selbst zum Sträfling wird, um so seinem Sohn in Dreck und Dunkelheit nahe zu sein? Die Antwort auf das Leid ist immer die Liebe. Die Antwort Gottes auf den Menschen ist immer das Kreuz.

Warum lässt Gott das Leid zu?

So eine Frage ist schnell gestellt, eine Antwort darauf zu finden, ziemlich schwer, weswegen das hier jetzt sicherlich auch nicht der ganz große Wurf wird, aber vielleicht sind ein paar Gedankenanstöße drin.

Eines vorweg: Als Jesus am Kreuz hing und die berühmten Worte „Eli, Eli, lama asabtani“ ausschrie, da hat er möglicherweise gar nicht gefragt „Mein Gott, warum hat du mich verlassen?“, sondern „Mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“, denn im Hebräischen gibt es für „Warum“ und „Wozu“ nur ein Wort. Und in der Tat glaube ich, dass das „Wozu“ im Hinblick auf die Frage des Leides wichtiger ist als das „Warum“. Denn wenn man mitten drin steckt in der Krise, dann macht es meistens gar keinen Sinn, in die Vergangenheit zu gucken und zu lamentieren, warum das passiert ist, sondern dann muss man in die Zukunft gucken und sich überlegen, wie man damit umgeht und wofür das vielleicht gut ist. Auf der anderen Seite gilt natürlich: Wenn man weiß, warum etwas passiert ist, dann kann es einem leichter fallen, auch die richtigen Schlüsse für das „Wozu“ zu ziehen.

Warum gibt es das Leid: Eine naturwissenschaftliche Antwort

Ich befürchte, die klügste Antwort, die man darauf seitens der Naturwissenschaft geben kann, lautet: Weil die Welt so ist, wie sie ist. Beziehungsweise nach dem anthroposophischen Prinzip: Weil es den Menschen gibt. Meint: Dieselben Umstände / Naturgesetze haben sowohl das Leid als auch den Menschen hervorgebracht. Wären aber die Umstände / Naturgesetze andere gewesen, dann gebe es möglicherweise eine Welt ohne Leid, aber halt auch eine Welt ohne Menschen.

Weg vom evolutionären Gedanken, sieht das z.B. auch C.S. Lewis ähnlich, denn auch er knüpft das menschliche Leben an die Umstände / Naturgesetze, die dieses gewährleisten. Allerdings bringt er dabei noch einen ganz anderen Gedanken ins Spiel: Angenommen, so sagt er, es gebe auf dieser Welt nur eine Person. Dann wäre es nur vernünftig, wenn sich die Natur zugunsten dieser Person verhalten würde. Da auf dieser Welt aber tausende von Personen und Lebensformen existieren, muss die Natur es nicht nur einem, sondern vielen Recht machen. Das aber setzt eine Natur voraus, die in sich autonom ist und es z.B. zu meinem „Leidwesen“, aber sehr zur Freude der Pflanzen, regnen lässt.

Dem folgend könnte man also sagen, dass die Beschaffenheit der Welt eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass es Leid gibt. Allerdings überspannt man den Bogen, wenn man daraus nun schließen will, dass Leid ein integraler und nicht wegzudenkender Bestandteil dieser Welt ist. Denn dass es eine autonome Natur geben muss, ist gut und richtig. Aber das, was wir wirklich unter Leid verstehen, hängt nicht mit einer Natur zusammen, die autonom ist, sondern mit einer Natur, die völlig außer Kontrolle geraten ist.

Warum gibt es das Leid: Eine theologische Antwort

Dass die Natur aber außer Kontrolle geraten ist, dafür finde ich in meinem Glauben, bzw. in der Theologie Antworten. Ich muss allerdings gleich vorweg schicken, dass mir eine bekannte, weit verbreitete Antwort zu kurz greift. Die lautet ungefähr so: Alles war gut. Dann kam der Sündenfall. Und dann wurde alles schlecht.

Stattdessen biete ich folgende Alternative: Die Welt ist gut und wunderbar geschaffen, aber möglicherweise unvollendet geblieben. Was ich meine: Gott hat alles getan, was er konnte, um aus dieser Welt einen tollen und lebenswerten Ort zu machen. Eine Sache aber gab es, die er nicht selbst tun konnte oder wollte – und das war, den Stecker in die Dose zu stecken. Oder, um es theologisch zu sagen: Gott hat vorgesehen, dass die Schöpfung erst dann wirklich vollendet ist, wenn Schöpfung und Schöpfer sich verbinden, so dass die Kraft des Schöpfers durch die Schöpfung fließt und er dadurch alles in allem kontrolliert und am Leben erhält.

Genau das aber haben Adam und Eva mächtig versaut, denn die standen (als Vorsteher der gesamten Schöpfung) vor genau dieser Frage: „Baum des Lebens“ und Gott übernimmt die Kontrolle oder „Baum der Erkenntnis“ und wir selbst übernehmen die Kontrolle. Dummerweise haben sich für letzteres entschieden und mussten dann schmerzlich erfahren, dass ohne Gott alles aus den Fugen gerät.

Doch zum Glück war das Spiel damit noch nicht ganz aus, denn mit Jesus kam dann irgendwann ein Mensch auf die Welt, der – wiederum stellvertretend für die gesamte Schöpfung – die radikale Entscheidung gegen Gott in eine radikale Entscheidung für Gott verwandelt hat. Was das aber für Auswirkungen haben kann, wenn nicht der Mensch, sondern Gott wieder am Steuer sitzt und seine Kraft wieder ungebremst in die Schöpfung fließt, das sehen wir auszugsweise an den Wundern, die Jesus getan hat.

Das aber, was in Jesus begonnen hat, wird am Ende der Zeit, wenn sich Himmel und Erde vereinen, zu Ende gebracht. Entsprechend heißt es dann im Buch der Offenbarung: „Siehe die Hütte Gottes bei den Menschen! Und Gott wird bei ihnen wohnen und er selbst wird ihr Gott sein. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird sein, denn das Erste ist vergangen“. Wenn man das aber ernst nimmt, dann gesellt sich zu der Frage nach dem „Warum“ noch eine weitere, nämlich: Wie lange müssen wir noch leiden?

Zu guter Letzt: Wozu gibt es das Leid?

In der guten Gewissheit, dass das Leid nur auf die Länge des Lebens begrenzt ist, welches gegenüber der Länge der Ewigkeit nicht so sehr ins Gewicht fällt, kann und sollte man dem Leid auch seine gute Seiten abgewinnen.

Zum Beispiel, dass wir durch das Leid eine Menge lernen. So hört man immer wieder, dass Menschen am Ende ihres Lebens zurückblickend sagen, dass die härtesten Zeiten die besten waren, denn in diesen hätten sie verstanden, was das Leben wirklich bedeutet und worauf es ankommt.

Zum Beispiel aber auch, dass Leid Menschen zusammenschweißt, weil sie merken, dass sie aufeinander angewiesen sind.

Und außerdem und abschließend, dass man speziell in den harten Zeiten des Lebens lernt, auf Gott zu vertrauen und seine Gegenwart sucht.

Das Leid und die Frage nach Gott

Immer wieder beobachte ich, auch an mir selbst, dass der Mensch dazu neigt, die Frage nach Gott von der eigenen Tagesform abhängig zu machen. Geht es mir also gut, ist Gott eine Selbstverständlichkeit – und zwar so selbstverständlich, dass man schnell aufhört, überhaupt nach ihm zu fragen. Geht es mir dagegen schlecht, kommen Zweifel auf und man beginnt ihn zu hinterfragen, wie er das zulassen kann. Das Leid und die Frage nach Gott weiterlesen

Warum Niederlagen zum Leben dazu gehören

Da sind gestern wieder eine Menge Krokodilstränen geflossen. Bei den Zuschauern, bei den Spielern. In Freiburg, in Paderborn. Und bald dann auch in Hamburg. Jedenfalls dachte ich mir, der ich das Ganze (als Dortmund-Fan) eher mit neutralen Gefühlen mit angesehen habe, dass etwas Leid zum Leben doch auch dazu gehört. Oder wo kämen wir hin, wenn ein ehemaliger Waldorfschüler zum nächsten DFB-Präsidenten gewählt würde und er als erste Amtshandlung die Abstiegsränge abschaffen würde, so dass am Ende der Saison alle lachen und keiner mehr weinen muss. Und wenn er schon dabei ist, würde er gleich noch die Meisterschaft mit abschaffen, denn wenn man ehrlich ist, gewinnen Gewinner ja sowieso immer nur auf Kosten von Verlieren. Punkte gebe es natürlich auch nicht mehr, nur noch Freundschaftsspiele. Keine Niederlagen, keine Gegner, kein brutales Umbolzen, keine Tränen. Eine Reform der Liebe und Menschlichkeit! Warum Niederlagen zum Leben dazu gehören weiterlesen