Was ist im Himmel anders?

Mit einem selbst, mit seinen ganzen Vorstellungen, Einstellungen und Handlungsmotiven ist es ja im Grunde so ähnlich wie mit einer Badewanne: Lässt man 50° Grad warmes Wasser ein, dauert es nicht lange und das Wasser hat wieder Raumtemperatur. Entropie ist das Problem. Um aber trotzdem bei konstant 50° Grad zu baden, muss man immer wieder heißes Wasser nachlaufen lassen. Und um der zu sein, der man sein will, muss man sich konstant anstrengen, um nicht die Temperatur von Umfeld und Gesellschaft anzunehmen. Liegt nun die moralische Idealtemperatur bei, sagen wir, 30° Grad, dann unterscheiden sich Himmel und Erde wohl darin, dass es auf der Erde nur 10° Grad warm ist, so dass man immer Badewasser nachlaufen lassen muss, um nicht abzukühlen, wohingegen die Temperatur im Himmel bei exakt 30° Grad liegt und man sich überhaupt nicht anstrengen muss, das moralische Niveau zu halten. Da das Himmelreich aber bereits angebrochen hat, sollte die Aufgabe der Kirche eigentlich darin bestehen, die Atmosphäre im Hier und Jetzt bereits ein wenig aufzuheizen. 30° Grad sind natürlich utopisch, dafür ist der Gegenwind zu stark, aber selbst 11° Grad macht schon einen Unterschied.

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Darf man lügen?

Langweiliger Originaltitel: Wahrheit und Ordnung

Nun ist es ja nicht so, dass ich über Wahrheit noch nie etwas geschrieben hätte, und doch zuckt ein weiterer Gedanke im Kescher, bzw. im Kurzzeitgedächtnis, weswegen ich mich beeilen will, ihn auszuschreiben. Vorwegschicken würde ich aber trotzdem gerne ein Wort von Nietzsche, der einmal meinte, dass alle Philosophie sich am Leben messen muss. Und das gilt natürlich auch für die Wahrheit als Hauptinteresse der Philosophie. Mit dem Leben ist es aber so eine Sache, denn es gibt solches und solches. Es gibt Leben, das in Ordnung und sich daher gut anfühlt, und es gibt Leben, das in Unordnung ist und sich daher schrecklich anfühlt.

Letzte Woche war ich im KZ Buchenwald, Menschen zum Erdrosseln an Haken aufzuhängen ist ganz sicher Leben, das nicht in Ordnung ist, bzw. möglicherweise die Grenze dessen, was man als Leben bezeichnen kann, schon längst überschritten hat. Zu viel Unordnung bringt den Tod; einen Entzündungsherd kann der Körper vertragen, aber ist der ganze Körper entzündet, stirbt er irgendwann.

Ist Ordnung also eine Grundbedingung des Lebens, könnte man vielleicht sagen, dass es die wesentliche Funktion von Wahrheit ist, Ordnung herzustellen, das Leben also zu ordnen. Grammatik ist dabei insofern wahr, wenn sie das Verhältnis der Satzteile logisch ordnet. Sprache ist insofern wahr, wenn sie das Verhältnis der Dinge logisch ordnet.

Wahrheit ist aber nun nicht nur ein logischer Begriff, sondern vor allem ein moralischer, wobei das Prinzip vermutlich gleich ist. Das heißt, ebenso wie Sprache dient auch Moral dazu, die Wirklichkeit zu ordnen und damit das Leben zu fördern. Und ebenso wie die Sprache muss auch die Moral in Ordnung sein (also so gesehen eine moralische Grammatik besitzen), um überhaupt die Wirklichkeit ordnen zu können. Was passiert, wenn sie es nicht ist, sieht man beispielsweise im erwähnten KZ Buchenwald oder aktuell an den Machenschaften des IS.

Wenn Wahrheit aber dazu da ist, das Leben in Ordnung zu bringen, dann würde ich Kant widersprechen, dass man auf gar keinen Fall lügen darf, also auch nicht, wenn man in Nazideutschland Juden versteckt hält und diesbezüglich die Gestapo anlügt. Streng genommen würde man, wenigstens nach meiner Logik, sogar die Wahrheit sagen, bzw. zwar lügen, aber im Sinne der Wahrheit, da man Unrecht und damit Unordnung aufhalten und folglich das Leben fördern würde. Hinter dem Satz „Nein, ich habe keine Juden versteckt“ stünde also die Illokution (Intention): „Ja, ich habe Juden versteckt, aber um das Leben zu beschützen, werde ich dir Arschloch dies nicht verraten.“

Ist nun Jesus die Wahrheit in Person, dann ist er selbst in Ordnung und nur daher auch in der Lage, die Welt in Ordnung zu bringen. Sagt Platon lange vor Jesus, dass in einer ungerechten Welt der Gerechte unweigerlich aufgeknüpft wird, dann musste Jesus sterben, weil eine Welt, die sich an die Unordnung bereits so sehr gewöhnt hat, dass sie Unordnung mit Ordnung verwechselt, von einem Menschen, der in Ordnung ist, denken muss, dass er nicht in Ordnung ist und somit nur Chaos stiftet.

Moral: Nietzsche, Kant und Jesus im Zwiegespräch

Nietzsche hatte versucht nachzuweisen, dass der Mensch im engeren Sinne gar kein moralisches Wesen ist, da jede seiner Handlungen, wenn man nur genau hinsieht, egoistischen Motiven entspringt. D.h. begleite ich eine alte Dame über die Straße, dann tue ich dies nach Nietzsche nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern ich hoffe auf eine Belohnung – und sei es, von den Umstehenden für meine gute Tat bewundert zu werden.

Kant würde dem wahrscheinlich entgegnen, dass es gar nicht so entscheidend ist, ob ein Mensch wirklich (zu hundert Prozent) moralisch handelt – entscheidend ist lediglich, dass er moralisch handeln soll. Denn stellt man Letzteres in Frage, dann stellt man damit das Menschsein selbst in Frage. Wäre das Leben also ein Dartspiel und ginge es darum, auf der Dartscheibe die rote Mitte zu treffen, dann wäre es fatal, die rote Mitte deswegen von der Dartscheibe entfernen zu wollen, weil sie noch nie jemand getroffen hat. Denn ohne rote Mitte würde dem Spiel das richtungsgebende Ziel abhandenkommen, welches die Spieler, wenngleich noch nie getroffen, bisher immerhin anvisiert hätten. Statt also wenigstens in der Nähe der roten Mitte einzuschlagen, würden die Pfeile auf einer Dartscheibe ohne rote Mitte irgendwo landen, bzw. dramatisch oft dort, wo sie auf gar keinen Fall landen dürfen.

Jesus hätte Nietzsche hingegen wahrscheinlich geantwortet, dass er völlig Recht habe und moralisches Handeln tatsächlich immer an egoistischen Motiven hängt. D.h. handelt der Mensch deswegen moralisch, weil er die Fähigkeit besitzt zu lieben und besitzt er die Fähigkeit deshalb, weil er geliebt wird, dann ist sein Wunsch, geliebt zu werden, zwar ein egoistisches, aber ein notwendiges Motiv für moralisches Handeln.

Nietzsche würde dem möglicherweise widersprechen und behaupten, dass es nicht der Wunsch sei, geliebt zu werden, der den Menschen antreibt, sondern sein naturgegebenes Streben nach Macht. D.h. wie es bei Pflanzen und Tieren ganz normal ist, dass sie ihren Lebensraum erweitern und dabei andere Pflanzen und Tiere verdrängen, so ist auch der Mensch darauf aus, seinen Geltungsbereich  und damit seinen Machtradius immer weiter auszudehnen.

Jesus würde darauf vielleicht ganz diplomatisch antworten, dass an dem Streben nach Macht möglicherweise etwas dran sei, aber man den Menschen dennoch nicht mit Pflanzen und Tieren vergleichen darf, da er von dieser Lebensebene weit entfernt ist (sich weit entfernt hat!, würde Darwin hereinrufen). D.h. genauso wie Menschen auch nicht ihre Neugeborenen auffressen, ist der Mensch um seines Menschseins willen dazu angehalten, das Streben nach Macht, welches ja immer auf Kosten der Anderen geht, aufzugeben. Letztlich, würde Jesus dann vielleicht sagen, hat der Mensch seine Identität nicht (mehr!, würde Darwin ergänzen) in der Natur, sondern in Gott. Soll der Mensch aber nicht die Natur, sondern Gott nachahmen, dann liegt es an Gott, ihm das nachzuahmende Verhalten vorzumachen. Daher wäre er Mensch geworden, würde Jesus dann eventuell fortfahren, nicht um sich die Füße waschen zu lassen, sondern um anderen die Füße zu waschen.

Nietzsche wäre wahrscheinlich nicht ganz einsichtig, und würde behaupten, dass auch hinter dem „Füße waschen“ niedere egoistische Motive stecken, z.B. dasjenige, andere Menschen durch gute, scheinbar demütige Taten emotional aufzuweichen und auf diese Weise gefügig zu machen.

Jesus würde wohl zugeben, dass man moralisches Verhalten in der Tat nicht beweisen kann, da immer nur die Handlung, aber nicht das Handlungsmotiv offenkundig ist. Aus dem gleichen Grund gebe es aber auch keinen Beweis dafür, dass jemand nicht moralisch handelt, weswegen es unklug wäre, diese Möglichkeit von vornherein auszuschließen. Wenn also jemand freiwillig seine Macht aufgibt und ohnmächtig am Kreuz stirbt, dann spricht manches dafür, dass er nach etwas Anderem strebt als nach Macht.

Aber wie schon gesagt, würde Jesus dann vielleicht ergänzen, wäre er auch nicht bedingungslos am Kreuz gestorben, sondern die Bedingung war, sich von seinem Vater geliebt zu wissen. Denn wer geliebt wird, der gilt etwas. Und wer etwas gilt, hat es gar nicht nötig, ständig seinen Geltungsbereich vergrößern zu müssen – sondern ganz im Gegenteil, der hat die Freiheit, ihn aufzugeben.

Ethik – was sollen wir tun?

Um meine Erinnerung wachzuhalten, ein paar einleitende Sätze zur Ethik. Gemeinhin unterscheidet man zwischen drei Ansätzen, die das Spektrum der Moralphilosophie nahezu vollständig abdecken. Erstens die Tugendethik, zweitens die deontologische Ethik und drittens die teleologische Ethik. Steht in der Tugendethik der Handelnde im Mittelpunkt, ist es bei der deontologischen Ethik die Handlung und bei der teleologischen Ethik die Handlungsfolge.

Tugendethik

Nach der Tugendethik, die auf Aristoteles zurückgeht und von den Kirchenvätern verfeinert, bzw. „verchristlicht“ wurde, handeln wir moralisch korrekt, wenn wir tugendhaft handeln, also gemäß den vier antiken Kardinaltugenden gerecht, besonnen, mutig und weise. Die Tugendethik ist in diesem Sinne keine funktionale Ethik, die das gesellschaftliche Leben regelt, sondern sie ist eine Individualethik, deren Aufgabe darin besteht, den Einzelnen besser, tugendhafter und somit insgesamt menschlicher zu machen. Aber selbst wenn die Tugendethik nicht die Gesellschaft als Ganzes im Auge hat, sondern den einzelnen Menschen, der um seiner selbst willen menschlich sein soll, ist es im Endeffekt doch die Gesellschaft, die von der Tugendhaftigkeit und Charakterstärke ihrer Mitglieder profitiert.

Deontologische Ethik

Nach der deontologischen Ethik, die auf Kant zurückgeht, handeln wir moralisch korrekt, wenn die Handlung selbst moralisch ist. D.h. weil wir in einer moralischen Welt leben, besteht die Lebenskunst darin, mit der Moral, die Kant als gegeben voraussetzt, übereinzustimmen. Wenn wir aber mit dem moralisch Gebotenen übereinstimmen, dann handeln wir nicht nur moralisch, sondern gleichzeitig auch frei. D.h. gemäß dem kategorischen Imperativ (Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit die Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnten) sollen wir etwas tun, z.B. dem Bettler Geld geben. Geht es nach uns, wollen wir ihm aber vielleicht gar nichts geben. Und zudem zwingt uns auch keiner, ihm etwas zu geben, d.h. eigentlich müssen wir ihm nichts geben. Aber da wir spüren, dass es moralisch geboten ist, ihm etwas zu geben, handeln wir frei, wenn wir diesem moralischen Gespür nachgeben und uns somit aus freien Stücken, ohne dass wir von außen dazu gezwungen werden, über unsere innere Triebfeder (in diesem Fall Geiz) hinwegsetzen. Wirklich frei sind wir demnach also, wenn wir etwas tun sollen, was wir weder tun wollen noch tun müssen.

Teleologische Ethik

Bei der teleologischen Ethik schließlich handeln wir moralisch korrekt, wenn die Handlungsfolge moralisch ist, insofern sie allen Beteiligten zum Guten dient. D.h. weil sie nicht nur mir selbst und auch nicht nur den Anderen zum Guten dienen soll, ist immer abzuwägen, welche Handlung sich am Günstigsten auf die Gesamtsituation auswirkt. Die bekannteste teleologische Morallehre ist sicherlich der Utilitarismus, wobei man diesen noch einmal in Handlungsutilitarismus und Regelutilitarismus aufteilt. Während man beim Handlungsutilitarismus für jede einzelne Handlung zu entscheiden hat, ob sie das für alle Beteiligten größtmögliche Glück fördert, empfiehlt der Regelutilitarismus, allgemeine Regeln aufzustellen, die man deduktiv auf die einzelnen Handlungen anwenden kann. Alltagstauglicher ist somit sicherlich der Regelutilitarismus, moralisch präziser der Handlungsutilitarismus, da Moral eben immer auch von den individuellen Bedingungen der Situation abhängt. Und hier schließt sich der Kreis zur Tugendethik, denn um in einer konkreten Situation überhaupt das moralisch Gebotene tun zu können, bedarf es einer guten moralischen Intuition, die wiederum auf (eingeübten) Individualqualitäten wie Tugendhaftigkeit und Charakterstärke beruht.

Warum so sein zu wollen wie Gott böse macht

Die Nadel ist zwar etwas abgekühlt, aber dennoch will ich noch einmal auf den letzten Beitrag zurückkommen. Und zwar beruht er auf der Erkenntnis, dass Adam und Eva vor dem Sündenfall ausschließlich positiv von Gott gedacht haben müssen. D.h. Gott war für sie jemand, der sich um sie kümmert, der für sie da ist und dem sie vollkommen vertrauen können – dessen Liebe also für die Menschen selbst diejenige einer Mutter Theresa tausendfach übersteigt. Und in diesen Kontext hinein macht ihnen die Schlange auf einmal das Angebot, wenn sie von einem bestimmten Baum essen, dann werden sie sein wie Gott. Also gemäß ihrem Verständnis von Gott genauso gut, fürsorglich und liebevoll. Warum so sein zu wollen wie Gott böse macht weiterlesen

Über den Utilitarismus und fettige Fritten

Danach gefragt, welche die führende Moralphilosophie dieser Zeit  ist, würde ich sagen, hoch im Kurs steht momentan eine Mischung aus Utilitarismus und Kontraktualismus.

Laut Utilitarismus ist alles gut und erlaubt, was nützlich ist, wobei etwas nützlich ist, wenn es das persönliche und gesamtgesellschaftliche Glück fördert. Dieses Glück, und das war klassischen Moralphilosophen wie Jeremy Bentham oder John Stuart Mill, die den Utilitarismus überhaupt erst aus der Taufe gehoben haben, sehr wichtig zu betonen, ist aber kein „Schweineglück“, sondern von der Sorte Glück, die auf Tugend und Vernunft aufbaut. Dauerhaft glücklich macht also demgemäß nicht das, was naheliegt, sondern das, was sich der Mensch erarbeiten muss. Nicht also das Sofa, sondern das Laufband;  nicht RTL2, sondern vielleicht eher 3Sat; und auch nicht One-Hit-Wonder-Radio-Gedudel, sondern meinetwegen Steven Wilson; Musik also, für die man sich Zeit nehmen und die man sich erst einmal mühevoll aneignen muss.

Warum aber Leute dennoch sagen, RTL2 macht viel mehr Spaß als 3Sat, dazu würde Mill sagen, dass jemand, der auf Frauentausch gepolt ist, das Glück einer wirklich guten Dokumentation überhaupt nicht nachvollziehen kann und daher unwillkürlich davon ausgehen muss, dass Frauentausch das Maß aller Dinge ist.

Vergleiche ich nun aber die Quote von RTL2 mit der Quote von 3Sat oder die Auflage von BILD mit der Auflage von FAZ oder SZ, dann würde ich an diesem Punkt behaupten wollen, dass der Utilitarismus, so wie ihn ein John Stuart Mill geprägt hat, nicht mehr ganz den Puls der Zeit trifft, da der Trend jetzt irgendwie doch in Richtung Schweineglück geht.

Und an dieser Stelle kommt nun auch der Kontraktualismus ins Spiel, der die Moral, bzw. das, was man tun und lassen soll, nicht von irgendwelchen gesamtgesellschaftlichen Normen abhängig macht, sondern es den situationsbedingten zwischenmenschlichen Vereinbarungen überlässt, was richtig und falsch ist. Einigen sich also zwei Leute darauf, dieses oder jenes zu tun, und vollzieht sich die Einigung nicht unter Zwang, sondern freiwillig, und kommt auch kein Dritter zu Schaden, dann könnte man das, was die beiden vorhaben, moralisch absegnen. Oder wenigstens könnte man das laut Kontraktualismus; ich selber habe da so meine Zweifel, insbesondere daran, inwiefern der Mensch überhaupt zurechnungsfähig ist und es vermag, die Folgen seines Handelns für sich und andere richtig einzuschätzen. Und daher, und weil ich mir denke, dass der Mensch ein Herdentier ist, halte ich den Kontraktualismus sogar für ein ziemlich gefährliches Moralsystem, denn letztlich ist es wie es ist: bei McDonalds schmeckt`s halt prima und wenn sich alle das Zeug reinpfeifen, kann es so ungesund schon nicht sein.

Gott und Moral

Mindestens zwei Dinge fallen mir auf Anhieb ein, die a priori feststehen, ohne dass man sie noch groß begründen müsste. Das eine ist, dass aus Nichts nichts werden kann. Und das andere, dass der Mensch ein moralisches Wesen ist.

Ersteres ist selbstevident und bedarf daher keiner weiteren Erklärung, denn wenn ich daran zweifeln würde, dass auch Nichts nichts werden kann, dann muss ich auch gleichsam an meiner Logik zweifeln. Wenn ich aber erst einmal soweit bin, an meiner zuverlässigsten Denkmethode zu zweifeln, dann muss ich eigentlich gar nicht mehr nachdenken und dann ist auch egal, ob aus Nichts nichts oder doch etwas werden kann.

Hinsichtlich zweiterem könnte man zwar immer noch fragen, warum man moralisch sein soll, doch weil man, indem man die Frage stellt, bereits nicht mehr moralisch ist, da man nach Gründen sucht, welche die Moral rechtfertigen, erübrigt sich auch diese Frage. D.h. moralisch bin ich nur dann, wenn ich einsehe, dass man einen anderen Menschen per se nicht töten darf. Wenn ich anfange, nach Gründen zu suchen und z.B. sage, ich darf ihn nicht töten, weil ich dann eingesperrt werde, bin ich in dem Fall schon nicht mehr moralisch.

Wenn also zum Ersten aus Nichts nichts werden kann, dann muss das Universum – müssen wir – aus irgendetwas hervorgegangen sein. Weil aber das, woraus wir hervorgegangen sind, größer sein muss als wir sind, muss Gott, weil wir moralisch sind, mindestens auch moralisch sein. Weil Moral aber eine personale Eigenschaft ist, muss Gott mindestens Person sein.
Insofern aber zum Zweiten der Mensch a priori einsieht, sich moralisch verhalten zu sollen, aber es in vielen Fällen nicht tut, gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was der Mensch sein soll und dem, was der Mensch ist. Weil aber Gott es ist, der die Moral in den Menschen hineingelegt hat, gibt es somit auch eine Diskrepanz zwischen Mensch und Gott.

Das Dilemma dabei ist, dass es dem Menschen unmöglich ist, seinen eigenen Schaden zu reparieren. Gott wäre es zwar möglich, aber von außen kann er nicht viel tun. D.h. er könnte den Menschen zwar dazu zwingen, moralisch zu sein, doch weil der Mensch somit einen Grund hätte, moralisch sein zu müssen, wäre er schon nicht mehr moralisch. Oder er könnte auch den Menschen so ummogeln, dass er gar nicht anders kann als moralisch zu sein, aber weil Moral immer ein freiwilliger Akt ist, auch moralisch sein zu wollen, wäre er damit auch nicht mehr moralisch (ebenso wenig wie eine Maschine moralisch wäre, die sich moralisch verhält).
Weil sich der Mensch aber lediglich dazu entscheiden kann, moralisch sein zu wollen, aber nicht dazu, es auch zu sein (ein Alkoholiker kann zwar mit dem Trinken aufhören wollen, aber er kann nicht mit dem Trinken aufhören), ist die wahre freie Entscheidung, die er zu fällen hat, nicht die, zwischen „moralisch falsch“ und „moralisch richtig“, sondern die, für oder gegen einen moralischen Gott, der ihn dazu befähigt, das moralisch Richtige nicht nur zu wünschen, sondern auch zu wählen.

Ist der Mensch gut oder böse?

Auch wenn ich weder Lust noch Zeit habe, die Frage an dieser Stelle abschließend zu erörtern, glaube ich dennoch, dazu wenigstens das Folgende sagen zu können: Selbst wenn ein Mensch offensichtlich „gut“ handelt, kann man nie wissen, ob es auch wirklich gut gemeint ist. Wenn ein Mensch dagegen offensichtlich „böse“ handelt, kann man sich ziemlich sicher sein, dass auch seine Absichten böse sind. Ist der Mensch gut oder böse? weiterlesen

Freiheit: Nicht Wollen, sondern Sollen

Noch einmal kurz zur Freiheit. So wie ich ja beim letzten Mal schon festgestellt habe, dass im Empfangen mehr Freiheit steckt als im Tun, so steckt, frei nach Kant, im Sollen auch mehr Freiheit als im Wollen. Denn wenn ich etwas will, dann könnte man fragen, warum ich es will, wobei sich dann gemeinhin herausstellt, dass ich, alle Motive, warum ich es will, zusammen genommen, gar nicht anders kann als es zu wollen. Wenn ich aber etwas soll, dann könnte ich, obwohl ich anders wollte, trotzdem dem Sollen gehorsam sein. Freiheit: Nicht Wollen, sondern Sollen weiterlesen