EM-Special: Gott bei Kierkegaard auf Fußballerdeutsch

Das Leben ist wie Fußball, sagt Hegel. Wichtig ist das Spiel. Oder besser gesagt, die Idee vom Spiel, die von der Mannschaft auf den Rasen getragen wird. Alles Quatsch, sagt dagegen Kierkegaard. Wichtig ist nicht das Spiel, sondern wichtig ist der Spieler. Es geht im Leben nicht um eine abstrakte Idee, sondern um die konkrete Existenz. Um das konkrete Spiel am Ball.

Im Gegensatz zu Hegel hat Kierkegaard nun allerdings ein Problem, denn die konkrete Existenz, das konkrete Spiel am Ball, gestaltet sich am Fuß weitaus schwieriger als im Kopf. Theorie und Praxis klaffen auseinander. Boateng soll hinten alles dicht machen, aber dann entwischt ihm der Gegner doch. Gomez soll vorne den Ball reinmachen, aber er köpft daneben.

Da die Spieler in der ersten (ästhetischen) Phase des Spiels aber einfach nur Lust haben, Fußball zu spielen, fällt diese Diskrepanz zwischen Idealität und Realität (zwischen Anspruch und Wirklichkeit) kaum auf.

Fallen dann aber die ersten Gegentore, schlägt in einer zweiten (ethischen) Phase die Euphorie schnell in Frustration um. Den Spielern dämmert, dass ihr Rumgebolze mit Fußball wenig zu tun hat. Im Kopf weiß Müller zwar wie man Tore schießt, aber er kriegt die Idee nicht auf den Rasen, sie wird nicht Teil seiner konkreten Existenz. Und Götze weiß im Kopf auch, dass man eigentlich nicht über den Ball stolpern darf, aber er tut es doch, und das wurmt ihn ungemein, dieser Widerspruch zwischen Sein und Sollen.

Hegel ruft hinein, das sei alles gar nicht so schlimm, denn es geht ja nicht um die Spieler, sondern um das Spiel an sich, das die Mannschaft (in einem dialektischen Prozess) schon irgendwann lernen wird; und wenn nicht diese Mannschaft, dann die nächste oder zumindest die letzte Mannschaft, die jemals das Spielfeld  betreten wird.

Kierkegaard allerdings schüttelt vehement den Kopf. Nicht um das Spiel, es geht um den Spieler, seine subjektive Existenz und das ihm je eigene Universum.

Kant mischt sich auch ein, klopft Kierkegaard väterlich auf die Schulter, meint, man müsse dann halt einsehen, dass der Spieler – dass der Mensch – aus krummen Holz geschnitzt sei, aber das hilft Kierkegaard auch nicht weiter.

Das ganze Spiel, meint Kierkegaard, macht gar keinen Sinn, wenn die Spieler etwas spielen sollen, wovon sie zwar eine Idee im Kopf haben, aber mangels Vermögen nicht spielen können.

Und deshalb, so fügt er hinzu, wird den Spielern in einer dritten (religiösen) Phase dann auch klar, dass sie dieses Dilemma alleine nicht lösen können. Sie sind auf eine höhere Instanz angewiesen, die das Vermögen hat, den Widerspruch zwischen Sein und Sollen aufzuheben. Allerdings ohne die Spieler von oben mit Forderungen zu erdrücken. Nicht also die Fifa, sondern ein Fußballgott ist gefragt, der, ganz Gott und ganz Fußballer, die Spieler von unten auf das geforderte Niveau hinaufhebt. Ein Fußballgott, in dessen Geiste die Spieler die Grenze des Möglichen durchbrechen.

Denn das haben ja auch schon ganz andere große Fußballer erkannt: Wer will, den befähigt Gott, zu können – und die Wahrheit ist immer auf dem Platz.

Advertisements

Hegel und etwas Medienkritik

Ich nutze die feierabendlichen Stunden im Fitnessstudio, um noch etwas in Jörg Spletts Vorlesung zu Hegel reinzuhören. Die Entwicklung des Menschen betreffend spricht letzterer von einer menschenspezifischen Fähigkeit zur Reflexion, die Dinge nicht nur „für mich“, sondern „an sich“ zu erkennen. D.h. der Mensch sagt nicht mehr nur „Die Sonne ist ein gelber, warmer Ball“, sondern er ist dazu imstande, von sich selbst Abstand zu nehmen und z.B. festzustellen, dass die Sonne an sich aus Wasserstoff und Helium besteht. Da aber auch dieses Wissen nur Stückwerk ist und alles auch ganz anders sein kann, geht Hegel dann doch nicht so weit zu sagen, dass der Mensch die Dinge „an sich“ erkennt, sondern lediglich „an sich für mich“. D.h. der Mensch kann die Dinge zwar einordnen und bewerten, aber immer nur aus seiner Perspektive und auch nur mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln.

Sind nun echte und aufrichtige Wissenschaftler am Werk, dann sind sie in aller Regel bescheiden genug, dies anzuerkennen und z.B. wie der englische Gelehrte N.T. Wright zuzugeben, sich zwar darüber im Klaren zu sein, dass die Hälfte von alledem, was er zu sagen hat, falsch ist, er aber dummerweise nicht weiß, welche Hälfe dies betrifft.

Werden nun die wissenschaftlichen Erkenntnisse der breiten Masse zugänglich gemacht, dann passiert das größtenteils über die Medien. Weil es aber deren Aufgabe ist, die meist sehr komplexen Erkenntnisse irgendwie verständlich zu machen, werden diese üblicherweise zunächst einmal auf ein geistiges Minimum heruntergekocht. Schwachpunkte einer Erkenntnis oder gegensätzliche Meinungen werden dabei im Sinne der Einfachheit gerne ignoriert. Und weil die Medien zudem auch nicht unvoreingenommen an die Wissenschaft herantreten, sondern sich in der Regel nur diejenigen Erkenntnisse herauspicken, die ihre hausinterne Ideologie untermauern, werden eigentlich vage und vorläufige Ergebnisse schnell zur allgemeinen Norm erhoben. Diese findet dann dank viraler Verbreitung Einlass ins gesellschaftliche Miteinander und weil es der Einzelne auch nicht besser weiß, beugt er sich dem viralen Druck und integriert Dinge in sein Weltbild, die eigentlich noch auf Überprüfung warten. Aus der ehrlichen Weise, die Dinge „an sich für mich“ zu sehen, wird ein gefährliches „Die Dinge sind an sich so wie ich sie sehe!“, wobei die Möglichkeit, dass die Dinge auch völlig anders sein könnten, gar nicht mehr in Betracht gezogen wird.

So verlockend es daher für uns Herdentiere auch ist, sich einem gesellschaftlichen Konsens anzuschließen, stehen wir damit nicht zwangsläufig auf der richtigen Seite, sondern ich würde sogar ganz im Gegenteil den Verdacht äußern, dass hinter der (medialen) Vehemenz, mit der ein gesellschaftlicher Konsens vorangetrieben wird, meistens ganz andere Motive stecken als die reine Wahrheitsliebe.

Im Gespräch mit den Philosophen

Ich habe mich in den letzten Tagen noch einmal spaßeshalber mit den großen Philosophen von Thales bis Wittgenstein beschäftigt. Was am Ende der Lektüre bleibt, ist vor allem die wiederkehrende Einsicht, dass sich trotz aller gedanklichen Anstrengungen, das Transzendente – in meiner Sprache also Gott – dem verstandesmäßigen Erkennen entzieht. Wenn es also einen Gott gibt, und dieser hätte ein Interesse daran, dass wir etwas davon wissen, dann kann es nicht anders sein, als dass dafür göttliche Offenbarung notwendig ist. Doch selbst dann, da wir (spätestens seit Humboldt) eh alles nur in Wahrscheinlichkeiten begreifen, bleiben auch bei einer direkten göttlichen Offenbarung rationale Restzweifel. Der Verstand fällt also als sichere Erkenntnisquelle weg, was bleibt, ist Vertrauen. Und vielleicht muss das auch so sein, denn schließlich sind wir auch sonst so gestrickt, dass unser Sein und Handeln im Wesentlichen auf Vertrauen und erst nachgeordnet auf dem Verstand beruht. Das Gute dabei ist, dass es sich auf Vertrauen viel besser „ruht“ als auf den Wirren des Verstandes. Im Gespräch mit den Philosophen weiterlesen