Warum ich an Gott glaube – ein Interview

Wieder einmal war es an der Zeit, mich mit mir zusammenzusetzen, diesmal, um über den Glauben an Gott ins Gespräch zu kommen.

Frage-Ich: Alexander, lass uns über deinen Glauben reden.

Antwort-Ich: Schwierig.

F: Wieso schwierig?

A: Es ist schwierig, das Unfassbare in Worte zu fassen.

F: Du kannst nicht in Worte fassen, woran du glaubst?

A: Ich kann Gründe angeben. Aber hinter all den Gründen verbirgt sich etwas, das nur mir, und das auch nur in seltenen Momenten zugänglich ist; ein Sehen ins Unsichtbare hinein, wenn man so will; ein Gefühl von Mehr, von Ewigkeit, davon, dass Gott da ist und ich in ihm aufgehoben bin.

F: Und dieses Gefühl ist selten?

A: Leider ja, leider gibt es so viele Gewohnheitsgefühle, die dem Außergewöhnlichen den Platz rauben; Hunger zum Beispiel, Müdigkeit, Stress, Trägheit oder das Gefühl, dass Dortmund doch noch Meister wird.

F: Das heißt, der Alltag steht dem Glauben im Weg?

A: So würde ich das nicht ausdrücken, ich würde eher sagen, dass wir uns an das Leben gewöhnt haben und die Macht der Gewohnheit uns dazu zwingt, es einfach hinzunehmen, abzuarbeiten, aber nicht mehr zu hinterfragen und auch im Alltäglichen offen für das Ungewöhnliche zu sein.

F: Dann lass uns jetzt, wo wir hier beim sonntäglichen Tee so gemütlich beieinander sitzen, die Gelegenheit nutzen, das Ungewöhnliche doch noch zu fassen zu kriegen, ich frag daher noch einmal konkret, woran glaubst du?

A: Ohne dir das Heft aus der Hand nehmen zu wollen, vielleicht sollte man zunächst einmal fragen, unter welchen Bedingungen ich überhaupt bereit bin, an etwas zu glauben.

F: Meinetwegen, unter welchen Bedingungen bist du bereit, überhaupt an etwas zu glauben?

A: Oder noch besser, vielleicht sollte man damit anfangen zu fragen, unter welchen Bedingungen ich nicht glauben würde.

F: Wie du meinst, also?

A: Also was?

F: Unter welchen Bedingungen würdest du nicht glauben?

A: Schön, dass du fragst, zum Beispiel unter denen, dass Gott nur das abstrakte Resultat einer Denkanstrengung oder eines Gefühls wäre, das ich in mir trage. Das wäre mir zu wenig, um darauf mein Leben aufzubauen. Zudem mein Denken und meine Gefühle mich oft genug in die Irre leiten. Nein, wenn es einen Gott gibt, an den ich glauben soll, dann kommt er um eine Selbstoffenbarung nicht herum.

F: Aber angenommen, Gott würde sich uns tatsächlich offenbaren, dann erleben wir dies, mit Kant gesprochen, ja nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar über unsere Sinne, Gedanken und Gefühle. Das heißt, wir sind auch in diesem Fall von unseren Gedanken und Gefühlen abhängig, die uns täuschen können.

A: Das ist richtig, jedoch ist es ein Unterschied, Gott lediglich zu denken ober über Gott nachzudenken. Das heißt, erst wenn sich Gott offenbart, steht eine konkrete Wahrheit im Raum, die ich mit meinen Mensch gegebenen Mitteln überprüfen kann. Ebenso ist es ja auch ein Unterschied, an UFOs zu glauben oder plötzlich ein notgelandetes UFO im Garten stehen zu haben und entscheiden zu müssen, ob dieses untertassenförmige Gebilde tatsächlich ein UFO ist.

F: Verstehe. Nur mit UFOs ist es ja meistens so, dass UFO-gläubige Personen nur irgendein flackerndes Licht am Himmel sehen müssen und schon davon überzeugt sind, wieder einmal eine Begegnung der dritten Art gehabt zu haben. Es hängt also vom Interpretationsrahmen ab. Glaube ich an UFOs, dann sehe ich überall UFOs. Glaube ich an Gott, dann sehe ich überall Gott.

A: Da muss sich natürlich jeder selbst fragen, wie überzeugend die eigenen Überzeugungen und Vorannahmen sind. Bezogen auf Gott würde ich schon sagen, dass es nicht nur gute Gründe dafür gibt, dass Gott existiert, sondern auch gute Gründe, dass Gott, sofern er existiert, an einer Selbstoffenbarung gelegen ist.

F: Und welche Gründe wären das?

A: Zunächst einmal würde ich mit Karl Rahner sagen: Von nichts kommt nichts. Weil die Natur aber nicht nur sächlich, sondern auch personal ist und somit Eigenschaften wie Vernunft und Liebe beinhaltet, würde ich induktiv annehmen, dass die Natur nicht nur von einem Gott geschaffen ist, sondern dass dieser Gott ebenso ein personales Wesen ist. Egal also, wer Gott ist, wenn er die Welt geschaffen hat, darf er nicht weniger sein als die Welt; nicht weniger also als Person, Vernunft und Liebe.

F: Und weil du davon ausgehst, dass Gott Person ist und dass der Mensch Person ist, schließt du daraus, dass Gott und Mensch „beziehungskompatibel“ sind und die Welt daher auf eine Selbstoffenbarung Gottes ausgelegt ist.

A: So könnte man das ausdrücken, ja; vielleicht mit dem Zusatz, dass Gott meinem Verständnis nach ja nicht nur Person, sondern Liebe ist, also Liebe in Person, wobei Liebe nie für sich bleibt, sondern immer die Nähe des Anderen, des Geliebten sucht.

F: Wie aber soll ich mir vorstellen, dass Gott sich selbst offenbart? Denn wenn ich das richtig sehe, hat er, wenn er die Welt geschaffen hat, und die Ursache größer ist als die Wirkung, keinen Platz in der Welt, ebenso wenig wie der Eiffelturm hier in diesem Zimmer Platz finden würde. Wo und wie findet also die Selbstoffenbarung statt?

A: Nun, hat Gott die Welt geschaffen, dann hat er auch die Endlichkeit geschaffen und ist somit selbst unendlich. Definiert man den Menschen als endliches Wesen aber so, dass es etwas gibt, das ihn begrenzt, dann gibt es für Gott als unendliches Wesen nichts, das ihn begrenzt. In diesem Sinne steht er als Schöpfer einerseits über der Schöpfung, aber durchdringt sie andererseits auch, da auch die Schöpfung ihn nicht begrenzt. Einen Zuschauergott, wie ihn der Deismus annimmt, kann es also so gesehen nicht geben. Wenn er aber alles durchdringt, dann kann er sich auch theoretisch in allem offenbaren.

F: Das heißt, Gott offenbart sich in der Schöpfung, in der Natur?

A: Die Schöpfung zeugt von einem Schöpfer, aber wenn sich Gott explizit offenbart, dann findet, weil er Person ist, eine Ansprache statt. In der Bibel finden sich hierfür Bilder wie zum Beispiel der brennende Dornbusch oder der rauchende Berg, aus oder auf dem Gott spricht.

F: Und wenn Gott spricht?

A: Es hat wahrscheinlich seinen Grund, dass die Ansprache Gottes in der Bibel oft mit einem „Du sollst!“ verbunden ist. Denn ist Gott wirklich an einer Beziehung zum Menschen gelegen, und beruht Beziehung auf einer gegenseitigen freiheitlichen Entscheidung füreinander, dann muss Gott den Menschen zunächst einmal zur Freiheit befähigen. Dies tut er, indem er Gebote aufstellt, die der Mensch befolgen soll, und ihn dadurch zur Mündigkeit erzieht. Frei handelt der Mensch also nicht, wenn er so darf wie er will, denn dann wäre er Sklave seiner selbst. Frei handelt er auch nicht, indem er so muss wie Gott will, denn dann wäre er Sklave Gottes. Wirklich frei handelt er, wenn er etwas tut, was er vielleicht gar nicht tun will, aber insgeheim weiß, dass er es tun sollte.

F: Verstehe ich nicht, bitte noch einmal.

A: Naja, wärst du nicht ein zugegebenermaßen äußerst attraktiver Mann, sondern eine attraktive Frau, und wir hätten eine Beziehung, dann könnte das nur funktionieren, wenn einer den anderen weder zu etwas zwingen noch für seine eigenen Zwecke ausnutzen würde. Moral hilft uns dabei, den Blick von unserem eigenen Nabel ab- und dem Anderen zuzuwenden, auch wenn man sich möglicherweise viel lieber um die eigene Achse drehen würde.

F: Alles klar. Wenn Gott uns aber zwar durchdringt, uns jedoch aufgrund seiner Wesensverschiedenheit verborgen bleibt, besteht dann nicht die Gefahr, Gott und Moral miteinander zu verwechseln, so dass sich die Qualität der Beziehung alleine dadurch definiert, dass man moralisch lebt und sich somit im Einklang mit Gott befindet, ohne dass Gott ein echtes Gegenüber und Ansprechpartner ist?

A: Das würde ich ähnlich formulieren, und daher gipfeln der christliche und somit ja auch mein Glaube darin, dass Gott Mensch wird und dadurch eine echte Beziehung auf Augenhöhe stattfinden kann. Oder um es trinitarisch auszudrücken: Gott wacht als Vater über den Menschen, Gott wohnt als Geist in den Menschen, Gott lebt aber auch als Bruder unter den Menschen. Das heißt, indem Gott Mensch wird, wird er buchstäblich begreifbar; Gott der Vater umgreift uns, aber Gott, den Sohn, kann der Mensch umgreifen.

F: Und im Hier und Jetzt, was bedeutet das für deinen persönlichen Glauben?

A: Ich denke, ohne die Person Jesus würde es mir generell schwer fallen, überhaupt an Gott zu glauben. Es macht für mich Sinn, dass Gott, sofern ihm an einer Beziehung zu uns gelegen ist, sich auf unser Niveau herablassen muss. Es ist aber auch klar, dass Gott sich nicht auf unser verkommendes moralisches Niveau herablassen kann, sondern ganz im Gegenteil, uns auf sein moralisches Niveau heraufziehen will. Und deswegen wird Gott ja auch nicht nur Mensch, um dem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sondern Gott wird Mensch, um die Welt in Ordnung zu bringen, beziehungsweise, Ostern steht vor der Tür, in der Kraft seiner Auferstehung die Tür zu einer Ordnung mit Ewigkeitsqualität aufzustoßen.

F: Und noch einmal gefragt, was heißt das für dich persönlich?

A: Glauben heißt für mich einerseits, in diese Geschichte, dass Gott Mensch wird, einzutauchen. Diesbezüglich kann man die Bedeutung der Bibel wohl nicht hoch genug hängen, die mich in die vergangenen Großereignisse mit hineinnimmt und sie mir gleichzeitig aufschließt. Glauben heißt für mich andererseits aber auch, die Geschichte fortzuschreiben, indem ich meinen Teil dazu beitrage, die Welt unter die Ordnung Gottes zu bringen. Und wiederum trinitarisch formuliert, heißt Glauben für mich schließlich und zusammenfassend, die Gegenwart Gottes über mir, in mir und neben mir Wirklichkeit werden zu lassen, was zugegebenermaßen ein wohl lebenslanges Unterfangen ist.

F: Warum?

A: Ich würde sagen, weil unabhängig von menschlichen Zweifeln und Unzulänglichkeiten weder ich noch die Geschichte vollendet sind und daher Glauben immer auch bedeutet, auf eine Vollendung der Dinge in der Zukunft zu hoffen.

F: Ich danke für das Gespräch.

Advertisements