Krieg und Strafe im alten Testament

Wie ist das eigentlich zu erklären, dass ein liebender Gott, der das Beste für den Menschen will, im Alten Testament Kriege und Strafen anordnet? Eine hierfür eigentlich notwendige historisch-kritische Analyse einmal weggelassen, mache ich es mir an dieser Stelle ganz einfach und sage: Der Mensch ist ein Instrument Gottes, dazu geschaffen, seine Melodie zu spielen. Spricht die Bibel von dem (Sünden-)Fall des Menschen, dann heißt dies in meiner Sprache: Das Instrument ist verstimmt. Will Gott darauf aber trotzdem seine Melodie spielen, dann trifft er die richtigen Töne nur, wenn er falsch spielt.

Jemanden wegzusperren ist also zum Beispiel falsch. Hat dieser Jemand allerdings wen anders umgebracht, dann wird aus dem Falsch auf einmal ein Richtig, weil im Ergebnis durch Strafe und Gefängnis die durch den Mord entstellte Ordnung wieder (teilweise) hergestellt wird.

Weil es aber irgendwann auch nervt, ein Instrument ständig falsch spielen zu müssen und weil sich das Instrument auch nicht von selbst stimmt, kann es auf Dauer nur eine Lösung geben, und diesen Ausblick gewährt die Bibel von Beginn an: dass der Instrumentenbauer selbst tätig wird und den Schaden ein- für allemal repariert.

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Gedanken über den Tod

Wenn jemand stirbt, dann klingt das ja immer so nett: In Gedanken lebt er weiter! Aber richtig tröstlich ist das nicht, finde ich, denn letztlich sind es nicht seine, sondern meine Gedanken, in denen er, wenn man so will, weiterlebt. Und da ich selbst sterblich bin, sind auch meine Gedanken, ist jede Erinnerung, endlich. Und das ist der Punkt: Wir sind endlich. Oder wie Hegel es definiert: Wir sind endlich, weil etwas außerhalb unser selbst existiert, das uns begrenzt. Und dieses Außerhalb fängt früher an als man denkt. Die Heizung ist aus, meine Finger sind kalt. Ich würde schneller schreiben wollen, kann es aber nicht; meine Finger begrenzen mich.

Gott dagegen ist anders. Gott ist auch Person, denn auch er hat ein Innen und Außen. Aber das Außen begrenzt ihn nicht. Wollen wir etwas, dann reicht es nicht, dass wir es denken, wir müssen es uns mühsam erarbeiten. Will ich warme Finger haben, dann genügt es nicht, dass ich an warme Finger denke, ich muss mir Handschuhe anziehen, bzw. erst einmal welche stricken. Die Materie begrenzt uns. Indem wir sie formen, setzen wir die Grenzen immer wieder neu.

Wenn Gott dagegen etwas will und es denkt, dann ist es. Das gewollte Mögliche ist bei ihm das Wirkliche. Indem er spricht, ruft er ins Leben. Natürlich kann Gott nicht alles, das verbietet bereits die Logik. Gott kann aus Zwei und Zwei nicht Fünf machen. Er kann auch keine Fünfe gerade sein lassen. Aber einen Toten auferwecken, kraft seiner Gedanken; wenn er es will, dann kann er das.

Was nach dem Tod also bleibt, ist die Erinnerung. Die Erinnerung Gottes. Sein Gedanke an mich. Weil Gott aber unendlich ist und daher nicht von einem Außen begrenzt wird, ist seine Erinnerung von anderer Natur. Wir sind endlich, unsere Erinnerung formt sich aus der Außenperspektive. Wir können einander begegnen, können uns mitteilen, aber bleiben uns doch verschlossen. Gott hingegen kennt diese Außengrenze nicht; er schaut uns nicht vor den Kopf, er sieht ins Herz. Weil er uns aber besser kennt als wir uns selbst, ist seine Erinnerung an uns nicht fragmentiert; unsere vollständige Identität ruht in ihm. Sterben wir daher, dann lösen wir uns nicht auf, sondern wir gehen zugrunde; wir gehen in den Grund ein, der uns hervorgebracht hat; der uns wollte und will und in dem wir daher nicht nur Möglichkeit, sondern Wirklichkeit sind.

Weil uns Gott aber nicht nur als Mensch, als Einzelwesen, sondern als Menschen, als Gemeinschaftswesen, will, bedarf es auch nach dem Tod irgendeiner Form von Materie. Denn würden wir als Geist, als reines Ich-Bewusstsein weiterexistieren, dann gebe es nur noch Subjekte, nur noch Ich-Perspektiven, aber keine Objekte und somit auch kein Du. Materie ist das Medium der Intersubjektivität, sagt der Philosoph Holm Tetens. Ohne Materie, ohne etwas, das dem Geist eine Form gibt, stecken wir im Ich fest; wir bleiben auf uns selbst bezogen, von allen anderen isoliert.

Gemeinschaft, eine Beziehung zwischen Ich und Du, ist also nur um den Preis der Abgrenzung zu haben. Nur also, wenn ich endlich bin, wenn ich von einem Außen, einem Du, begrenzt werde, kann ich Gemeinschaft haben. Endlich ist das Leben also immer, selbst wenn es ewig ist, denn mein Ich endet an der Grenze des Anderen.

Diese Grenze zum Anderen bedrückt uns aber umso mehr, als dass der Andere nicht nur der Andere, sondern immer auch der Fremde ist. Denn der Andere, das ist der, der meinen Hunger stillt, es ist aber auch der, der mich verhungern lässt. Was uns befremdet, ist nicht die verschlossene Tür, sondern die Unsicherheit, nicht wissen zu können, was sich hinter dieser Tür verbirgt; Gutes oder Böses?

Wenn Gott also den Menschen will, wenn er mich und den Anderen will, aber ich den Anderen nicht will und er mich auch nicht, dann stellen wir uns Gott entgegen und das von Gott gewollte Leben kann nicht funktionieren. Ein Ich und ein Du kann es daher nur geben, wenn in dem Ich und Du derselbe Wille regiert; wenn hinter der verschlossenen Tür auf beiden Seiten der Geist Gottes weht. Weil das, was Gott will, aber immer auch eintritt, kann der Tod nicht das letzte Wort haben, denn wäre mit dem Tod alles vorbei, dann würde der Mensch, dann würde die Menschheit unversöhnt sterben und ein gemeinsames Leben im selben Geist und Willen nur Utopie bleiben.

Sind wir also (materialisierte) Gedanken Gottes, dann hat sich Gott scheinbar willentlich dazu entschieden, sich selbst zu begrenzen, indem er uns mit einem freien Willen ausstattet, der sich für oder gegen ihn entscheiden kann. Wenn man so will, ist Gottes Konflikt also, dass er einen anderen Willen außerhalb seiner selbst will, der Gottes Willen wollen soll, was die Möglichkeit inkludiert, weil es ein eigenständiger Wille ist, dass er Gottes Willen nicht will. Da es aber Gottes Wille ist, dass sein Wille gewollt wird, und weil das, was Gott will, immer auch passiert, gibt es nur die eine Möglichkeit: dass zum Schluss der Mensch das will, was Gott will. Eschatologisch löst sich dieser Konflikt (aus christlicher Perspektive), indem Gott sich selbst zum (materialisierten) Gedanken wird, um als Mensch den Willen Gottes zu wollen.

Widersprüche(?) in der Bibel am Beispiel der Kreuzworte

Matthäus schreibt in seinem Evangelium: „Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?…Und Jesus schrie abermals laut auf und verschied.“

Markus formuliert es in seinem Evangelium ähnlich.

Lukas schreibt in seinem Evangelium: „Und es kam eine Finsternis über das Land bis zur neunten Stunde…Und Jesus rief laut aus: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Und als er das gesagt hatte, verschied er.“

Johannes schreibt in seinem Evangelium: „Danach spricht Jesus: „Mich dürstet!“…Als nun Jesus den Essig genommen hatte, spricht er: „Es ist vollbracht!“ und neigte das Haupt und verschied.“

Die Frage ist nun, was hat Jesus am Kreuz wirklich gesagt, bzw. wenn drei von vier Evangelisten Jesus anders zitieren, müssen nicht mindestens zwei davon lügen?

Dies und andere scheinbare Widersprüche in der Bibel aufgreifend, verweist der englische Theologe  N.T. Wright auf Zeugenberichte nach einem Unfall. D.h. haben vier Zeugen den gleichen Unfall beobachtet, dann wird man notgedrungen vier unterschiedliche Zeugenberichte erhalten, da jeder den Unfall (aus seinem subjektiven Blickwinkel heraus) anders erlebt hat. Wären dagegen die vier Zeugenberichte völlig identisch, dann hätten sich die Zeugen höchstwahrscheinlich abgesprochen und ihre Berichte wären nutzlos.

Jesus stirbt am Kreuz nun nicht von jetzt auf gleich, sondern er stirbt über mehrere Stunden hinweg. Vermutlich hat er in dieser Zeit vieles gesagt (geschrien, gestöhnt, geflüstert) – aufgeschrieben haben die Evangelisten aber nur, was sie erstens mitbekommen haben und zweites für ihren Bericht bedeutend war. D.h. die Evangelisten sind keine Protokollanten, die stur aufschreiben, was sie hören, sondern sie fügen das, was sie hören, in den von ihnen gewählten Interpretationsrahmen ein. Liest man zwei Biografien über Helmut Schmidt, wird man mit dem gleichen Phänomen konfrontiert, da jeder Biograph, je nach Blickwinkel, erstens unterschiedliche Schwerpunkte setzt und zweitens die Schwerpunkte unterschiedlich ausleuchtet.

Glaubt man nun, dass die vier Evangelisten beim Schreiben vom Heiligen Geist inspiriert waren, dann ist Wahrheit nicht nur eine Frage der Historizität, sondern auch eine Frage der Geschichtsdeutung. D.h. wie beim Unfall ergibt sich Wahrheit nicht allein daraus, dass man etwas, das man hört oder sieht, aufschreibt, sondern Wahrheit entsteht, wenn man das, was man hört und sieht, verstehen will und hierfür in einen größeren Interpretationsrahmen einordnet. Genauso also wie der Kriminalbeamte danach fragt, wer die Unfallbeteiligten sind und was dem Unfall vorausgegangen ist, interpretieren die vier Evangelisten das Kreuzgeschehen auf das hin, was sie über Jesus und seine Vorgeschichte wissen und weitergeben wollen.

Indem Matthäus nun den Satz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ herausgreift, interpretiert er das Kreuzgeschehen im Rahmen von Psalm 23 und legt den (theologischen) Schwerpunkt darauf, dass Jesus als Mensch und stellvertretend für die Menschen stirbt. Besteht die Schuld des Menschen also darin, dass er sich von Gott abwendet und folgt daraus, dass der Mensch das Leben alleine händeln muss, dann erfährt Jesus, indem er am Kreuz stellvertretend für die Menschen stirbt, am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, von den Feinden überwältigt zu werden, ohne dass Gott eingreift.

Weil es (auch aus didaktischen Gründen) für die Textredaktion wichtig ist, in dem einmal gewählten Interpretationsrahmen zu bleiben, ist die Frage „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ der letzte (artikulierte) Satz, den Jesus im Matthäusevangelium von sich gibt. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Jesus den Lukas-Satz „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ gar nicht gesagt hat, sondern lediglich, dass Matthäus ihn aus narrativen Gründen auslässt. Indem man also wie Matthäus (oder Markus, Lukas oder Johannes) einen Text auf das subjektiv Wesentliche verkürzt, nimmt man in Kauf, dass man andere objektiv wichtige Passagen ausklammert und demzufolge Passagen aneinanderreiht, obwohl dazwischen eigentlich noch etwas passiert.

Im Gegensatz zu Matthäus bezieht sich Lukas mit dem Satz „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ aus den Psalm 31 und betont damit, dass Gott, obwohl sich der Mensch von ihm abwendet, am Ende doch der ist, auf den man sich auch in der selbst verschuldeten Not verlassen kann. Während Matthäus also die Schuld des Menschen betont, für die und infolge derer Jesus stirbt, betont Lukas die Treue Gottes, auf die man sich am Ende verlassen kann.

Auch wenn es gute (didaktische) Gründe dafür gibt, die Not zu betonen, die Jesus am Kreuz erleidet, heißt dies allerdings nicht, dass Matthäus Jesus hoffnungslos sterben lässt. Denn laut dem katholischen Religionsphilosophen Jörg Splett ist es in der jüdischen Erzähltradition scheinbar üblich, den Anfang eines Psalms zu zitieren und damit den ganzen Psalm anzudeuten. Insofern Jesus im Matthäusevangelium also den (hoffnungslosen) Anfang von Psalm 22 zitiert, klingt darin bereits das unbedingte Vertrauen auf Gott an, mit dem der Psalm endet.

Wie oft soll man vergeben?

Auf die Frage von Petrus, ob es genügen würde, jemandem 7mal zu vergeben, sagt Jesus, Quatsch, viel zu wenig, mindestens 70mal 7mal.

Der Religionsphilosoph Jörg Splett deutet dies so, dass Jesus dabei gar nicht (nur) gemeint hat, dem anderen 490 unterschiedliche Vergehen zu vergeben, sondern 490mal das Gleiche. Hat der andere mir also irgendetwas angetan, dann ringe ich mich zwar vielleicht nolens volens dazu durch, ihm zu vergeben, aber eine Stunde später denke ich schon wieder, was für ein Arschloch! Und dann vergebe ich ihm wieder und dann kommt der Groll wieder hoch und ich vergebe ihm wieder, bis der Groll immer kleiner wird und ich ihm irgendwann wirklich vergeben habe.

Nun schließt die eine Deutung die andere ja nicht aus, d.h. am besten fährt man wahrscheinlich, wenn man dem anderen sowohl in der Breite als auch in der Tiefe vergibt, also, wenn nötig, 490 unterschiedliche Vergehen und, wenn nötig, jedes Vergehen dann auch wieder 490mal.

Die Frage stellt sich allerdings, wie kommt Jesus eigentlich auf 490mal? Und ist das die Maximalmenge, d.h. sollen wir 490mal vergeben und dann ist Schluss?

Irgendwo gelesen habe ich, dass sich Petrus mit seiner Frage auf die Geschichte von Kain und Abel bezieht, in der es heißt, dass derjenige, der Kain etwas antut, 7mal gerächt werden soll. D.h. um zu verhindern, dass Kain etwas angetan wird, stellt Gott darauf eine 7mal so schwere Strafe in Aussicht. Lamech, der Sohn Metuschelachs, nimmt die Zahl später auf und prahlt damit, dass Kain zwar nur 7mal gerächt werden sollte, aber er, der große Lamech, würde 77mal gerächt werden.

Was also Petrus scheinbar bereits verstanden hatte, ist, dass es Jesus nicht um Rache, sondern um Vergebung geht, d.h. sieht das (in Kains spezieller Situation noch nützliche) Racheprinzip vor, dass ein Vergehen 7mal gerächt wird, denkt sich Petrus, dass es doch eine gute Sache wäre, dies Prinzip auf Vergebung zu übertragen. Was Jesus ihm (in Bezug auf Lamech) allerdings erst noch beibringen musste, ist, dass der Mensch dazu neigt, seine Rachegelüste zu multiplizieren, während Jesus ihn dazu auffordert, seine Vergebungsbereitschaft zu multiplizieren.

Kann Gott Wunder wirken?

Hin und wieder höre ich, dass Gott schon deswegen keine Wunder wirken kann, weil ein Einwirken Gottes in unser System dem Energieerhaltungsgesetz widersprechen würde. D.h. auch wenn gemäß dem zweiten thermodynamischen Gesetz Energie innerhalb eines Systems von einem (Objekt) auf das andere übergehen kann (also z.B. vom heißen Tee auf den kalten Teebecher, der durch den heißen Tee wärmer wird), ist es scheinbar doch unmöglich, dass die Gesamtenergiemenge ansteigt – weswegen es scheinbar auch unmöglich ist, dass Gott Wunder wirkt und somit durch sein Handeln unserem System von außen Energie zuführt.

Warum ich das Argument für nicht besonders stichhaltig halte, liegt daran, dass es m.E. insofern einen Zirkelschluss darstellt, als dass die physikalischen Gesetze immer nur (unbedingt) innerhalb eines geschlossenen Systems gelten. D.h. gibt es keinen Gott, dann ist unsere Welt ein geschlossenes System, und der Gott, den es nicht gibt, könnte auch nicht in die Welt eingreifen. Gibt es dagegen einen Gott, dann gibt es etwas, das über unsere Wirklichkeit hinausreicht und unsere Welt ist kein geschlossenes System – weswegen es dann wiederum möglich sein muss, dass sich Gott über die gegebenen physikalischen Gesetze hinwegsetzen und sehr wohl Wunder wirken kann.

Moral: Nietzsche, Kant und Jesus im Zwiegespräch

Nietzsche hatte versucht nachzuweisen, dass der Mensch im engeren Sinne gar kein moralisches Wesen ist, da jede seiner Handlungen, wenn man nur genau hinsieht, egoistischen Motiven entspringt. D.h. begleite ich eine alte Dame über die Straße, dann tue ich dies nach Nietzsche nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern ich hoffe auf eine Belohnung – und sei es, von den Umstehenden für meine gute Tat bewundert zu werden.

Kant würde dem wahrscheinlich entgegnen, dass es gar nicht so entscheidend ist, ob ein Mensch wirklich (zu hundert Prozent) moralisch handelt – entscheidend ist lediglich, dass er moralisch handeln soll. Denn stellt man Letzteres in Frage, dann stellt man damit das Menschsein selbst in Frage. Wäre das Leben also ein Dartspiel und ginge es darum, auf der Dartscheibe die rote Mitte zu treffen, dann wäre es fatal, die rote Mitte deswegen von der Dartscheibe entfernen zu wollen, weil sie noch nie jemand getroffen hat. Denn ohne rote Mitte würde dem Spiel das richtungsgebende Ziel abhandenkommen, welches die Spieler, wenngleich noch nie getroffen, bisher immerhin anvisiert hätten. Statt also wenigstens in der Nähe der roten Mitte einzuschlagen, würden die Pfeile auf einer Dartscheibe ohne rote Mitte irgendwo landen, bzw. dramatisch oft dort, wo sie auf gar keinen Fall landen dürfen.

Jesus hätte Nietzsche hingegen wahrscheinlich geantwortet, dass er völlig Recht habe und moralisches Handeln tatsächlich immer an egoistischen Motiven hängt. D.h. handelt der Mensch deswegen moralisch, weil er die Fähigkeit besitzt zu lieben und besitzt er die Fähigkeit deshalb, weil er geliebt wird, dann ist sein Wunsch, geliebt zu werden, zwar ein egoistisches, aber ein notwendiges Motiv für moralisches Handeln.

Nietzsche würde dem möglicherweise widersprechen und behaupten, dass es nicht der Wunsch sei, geliebt zu werden, der den Menschen antreibt, sondern sein naturgegebenes Streben nach Macht. D.h. wie es bei Pflanzen und Tieren ganz normal ist, dass sie ihren Lebensraum erweitern und dabei andere Pflanzen und Tiere verdrängen, so ist auch der Mensch darauf aus, seinen Geltungsbereich  und damit seinen Machtradius immer weiter auszudehnen.

Jesus würde darauf vielleicht ganz diplomatisch antworten, dass an dem Streben nach Macht möglicherweise etwas dran sei, aber man den Menschen dennoch nicht mit Pflanzen und Tieren vergleichen darf, da er von dieser Lebensebene weit entfernt ist (sich weit entfernt hat!, würde Darwin hereinrufen). D.h. genauso wie Menschen auch nicht ihre Neugeborenen auffressen, ist der Mensch um seines Menschseins willen dazu angehalten, das Streben nach Macht, welches ja immer auf Kosten der Anderen geht, aufzugeben. Letztlich, würde Jesus dann vielleicht sagen, hat der Mensch seine Identität nicht (mehr!, würde Darwin ergänzen) in der Natur, sondern in Gott. Soll der Mensch aber nicht die Natur, sondern Gott nachahmen, dann liegt es an Gott, ihm das nachzuahmende Verhalten vorzumachen. Daher wäre er Mensch geworden, würde Jesus dann eventuell fortfahren, nicht um sich die Füße waschen zu lassen, sondern um anderen die Füße zu waschen.

Nietzsche wäre wahrscheinlich nicht ganz einsichtig, und würde behaupten, dass auch hinter dem „Füße waschen“ niedere egoistische Motive stecken, z.B. dasjenige, andere Menschen durch gute, scheinbar demütige Taten emotional aufzuweichen und auf diese Weise gefügig zu machen.

Jesus würde wohl zugeben, dass man moralisches Verhalten in der Tat nicht beweisen kann, da immer nur die Handlung, aber nicht das Handlungsmotiv offenkundig ist. Aus dem gleichen Grund gebe es aber auch keinen Beweis dafür, dass jemand nicht moralisch handelt, weswegen es unklug wäre, diese Möglichkeit von vornherein auszuschließen. Wenn also jemand freiwillig seine Macht aufgibt und ohnmächtig am Kreuz stirbt, dann spricht manches dafür, dass er nach etwas Anderem strebt als nach Macht.

Aber wie schon gesagt, würde Jesus dann vielleicht ergänzen, wäre er auch nicht bedingungslos am Kreuz gestorben, sondern die Bedingung war, sich von seinem Vater geliebt zu wissen. Denn wer geliebt wird, der gilt etwas. Und wer etwas gilt, hat es gar nicht nötig, ständig seinen Geltungsbereich vergrößern zu müssen – sondern ganz im Gegenteil, der hat die Freiheit, ihn aufzugeben.

Ethik – was sollen wir tun?

Um meine Erinnerung wachzuhalten, ein paar einleitende Sätze zur Ethik. Gemeinhin unterscheidet man zwischen drei Ansätzen, die das Spektrum der Moralphilosophie nahezu vollständig abdecken. Erstens die Tugendethik, zweitens die deontologische Ethik und drittens die teleologische Ethik. Steht in der Tugendethik der Handelnde im Mittelpunkt, ist es bei der deontologischen Ethik die Handlung und bei der teleologischen Ethik die Handlungsfolge.

Tugendethik

Nach der Tugendethik, die auf Aristoteles zurückgeht und von den Kirchenvätern verfeinert, bzw. „verchristlicht“ wurde, handeln wir moralisch korrekt, wenn wir tugendhaft handeln, also gemäß den vier antiken Kardinaltugenden gerecht, besonnen, mutig und weise. Die Tugendethik ist in diesem Sinne keine funktionale Ethik, die das gesellschaftliche Leben regelt, sondern sie ist eine Individualethik, deren Aufgabe darin besteht, den Einzelnen besser, tugendhafter und somit insgesamt menschlicher zu machen. Aber selbst wenn die Tugendethik nicht die Gesellschaft als Ganzes im Auge hat, sondern den einzelnen Menschen, der um seiner selbst willen menschlich sein soll, ist es im Endeffekt doch die Gesellschaft, die von der Tugendhaftigkeit und Charakterstärke ihrer Mitglieder profitiert.

Deontologische Ethik

Nach der deontologischen Ethik, die auf Kant zurückgeht, handeln wir moralisch korrekt, wenn die Handlung selbst moralisch ist. D.h. weil wir in einer moralischen Welt leben, besteht die Lebenskunst darin, mit der Moral, die Kant als gegeben voraussetzt, übereinzustimmen. Wenn wir aber mit dem moralisch Gebotenen übereinstimmen, dann handeln wir nicht nur moralisch, sondern gleichzeitig auch frei. D.h. gemäß dem kategorischen Imperativ (Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit die Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnten) sollen wir etwas tun, z.B. dem Bettler Geld geben. Geht es nach uns, wollen wir ihm aber vielleicht gar nichts geben. Und zudem zwingt uns auch keiner, ihm etwas zu geben, d.h. eigentlich müssen wir ihm nichts geben. Aber da wir spüren, dass es moralisch geboten ist, ihm etwas zu geben, handeln wir frei, wenn wir diesem moralischen Gespür nachgeben und uns somit aus freien Stücken, ohne dass wir von außen dazu gezwungen werden, über unsere innere Triebfeder (in diesem Fall Geiz) hinwegsetzen. Wirklich frei sind wir demnach also, wenn wir etwas tun sollen, was wir weder tun wollen noch tun müssen.

Teleologische Ethik

Bei der teleologischen Ethik schließlich handeln wir moralisch korrekt, wenn die Handlungsfolge moralisch ist, insofern sie allen Beteiligten zum Guten dient. D.h. weil sie nicht nur mir selbst und auch nicht nur den Anderen zum Guten dienen soll, ist immer abzuwägen, welche Handlung sich am Günstigsten auf die Gesamtsituation auswirkt. Die bekannteste teleologische Morallehre ist sicherlich der Utilitarismus, wobei man diesen noch einmal in Handlungsutilitarismus und Regelutilitarismus aufteilt. Während man beim Handlungsutilitarismus für jede einzelne Handlung zu entscheiden hat, ob sie das für alle Beteiligten größtmögliche Glück fördert, empfiehlt der Regelutilitarismus, allgemeine Regeln aufzustellen, die man deduktiv auf die einzelnen Handlungen anwenden kann. Alltagstauglicher ist somit sicherlich der Regelutilitarismus, moralisch präziser der Handlungsutilitarismus, da Moral eben immer auch von den individuellen Bedingungen der Situation abhängt. Und hier schließt sich der Kreis zur Tugendethik, denn um in einer konkreten Situation überhaupt das moralisch Gebotene tun zu können, bedarf es einer guten moralischen Intuition, die wiederum auf (eingeübten) Individualqualitäten wie Tugendhaftigkeit und Charakterstärke beruht.

Was können wir wissen? Kant und die Dreieinigkeit Gottes

Die erkenntnistheoretische Antwort auf Kants Transzendentalphilosophie ist m.E. die Dreieinigkeit Gottes. Denn natürlich ist es wahr, dass wir Gott nicht denken können, weil unser Denken an Zeit und Raum gebunden ist. Und natürlich nehmen wir die Welt nicht so wahr wie sie ist, sondern nur so, wie sie uns vorkommt. D.h. wir können uns kein objektives Bild von der Welt machen, da alles, was sich in der Welt befindet, erst einmal unsere Sinne durchlaufen muss und  anschließend mithilfe unseres Denkvermögens subjektiv interpretiert wird. Farben zum Beispiel. Farben kommen in der Welt nicht vor, sondern wir sind es, die den Sinneseindruck interpretieren und als Farbe in die Welt hineinlesen. Wem nun mehr Wirklichkeit innewohnt, der farblosen Welt oder unserer gefärbten Wahrnehmung, ist schwer zu sagen; zumindest für uns selbst ist die subjektive Wirklichkeit wirklicher als die Wirklichkeit da draußen, was ja auch schon deshalb so sein muss, weil sie mehr in uns bewirkt, z.B. das Gefühl der Erhabenheit, wenn wir einen roten Sonnenuntergang sehen.

Das Problem aber, dass wir Gott nicht erkennen können, weil unser Denken an Raum und Zeit gebunden ist, das ist im christlichen Glauben insofern gelöst, als dass Gott in Raum und Zeit – in der Person Jesus Christus – Wirklichkeit geworden ist. Was wir demnach von Gott wissen können, ist das, was am Menschen Jesus sichtbar wird.

Und das Problem, dass uns die objektive Welt verschlossen ist, weil wir sie nur subjektiv oder höchstens intersubjektiv (durch Austausch mit anderen Menschen) erfahren, ist im christlichen Glauben insofern gelöst, als dass Gott durch den Heiligen Geist in uns wohnt und wir somit einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben. D.h. Gott umgeht unsere natürlichen Sinne und klingt sich auf übernatürliche Weise direkt in unser Denken ein, weiß Gott, wie er das macht. Und das ist keine Floskel, denn tatsächlich weiß nur Gott, wie er das macht. D.h. weil wir nach wir vor in Raum und Zeit verhaftet sind, hört unsere Wahrnehmung an der Schwelle zum Raum- und Zeitlosen auf und wir können zwar feststellen, dass Gott in der Welt und in uns wirkt, aber wir können uns das nicht erklären; wir können höchstens in der Evidenz seines Wirkens einen Hinweis darauf entdecken, dass seine Wirklichkeit in unserer Wirklichkeit wirkmächtig und daher wirklich ist.

Wohnt Gott aber in uns, dann stellt sich das Problem, dass wir nicht zwischen uns und ihm – zwischen dem, was wir selbst denken und dem, was er in unser Denken hineinlegt – trennscharf unterscheiden können. Dies allerdings birgt zwei große Gefahren. Erstens, Gott in der Form misszuverstehen, dass man sein Reden mit dem eigenen inneren Monolog verwechselt. Und zweitens, Gott in der Form zu missbrauchen, dass man so tut, als hätte er geredet, um damit dem eigenen Reden Gewicht zu verleihen. Beide Gefahren umgeht man m.E., indem man Gott trinitarisch denkt, bzw. das Reden des Heiligen Geistes an das Reden vom Sohn koppelt. Der Heilige Geist redet also nicht kraft seiner selbst und über sich, sondern kraft des Vaters und über den Sohn. Führt er uns, wie Jesus das formuliert, in alle Wahrheit, dann ist es seine Aufgabe, das Reden und Handeln Jesu von falschen und subjektiven Interpretationsweisen zu bereinigen und uns gleichzeitig zu helfen, die göttlich-objektiven Wahrheiten auf unsere subjektive Erfahrungswelt herunterzubrechen.

Warum so sein zu wollen wie Gott böse macht

Die Nadel ist zwar etwas abgekühlt, aber dennoch will ich noch einmal auf den letzten Beitrag zurückkommen. Und zwar beruht er auf der Erkenntnis, dass Adam und Eva vor dem Sündenfall ausschließlich positiv von Gott gedacht haben müssen. D.h. Gott war für sie jemand, der sich um sie kümmert, der für sie da ist und dem sie vollkommen vertrauen können – dessen Liebe also für die Menschen selbst diejenige einer Mutter Theresa tausendfach übersteigt. Und in diesen Kontext hinein macht ihnen die Schlange auf einmal das Angebot, wenn sie von einem bestimmten Baum essen, dann werden sie sein wie Gott. Also gemäß ihrem Verständnis von Gott genauso gut, fürsorglich und liebevoll. Warum so sein zu wollen wie Gott böse macht weiterlesen

Was ist die größte Sünde?

Was ist eigentlich die größtmögliche Sünde? Ich würde meinen, die größtmögliche Sünde ist die, welche alle anderen Sünden nach sich zieht. Und welche Sünde das ist, da spricht die Bibel gleich am Anfang eine klare Sprache: Der Mensch will so sein wie Gott! Wenn das aber die größtmögliche Sünde ist, so sein zu wollen wie Gott, müsste man fragen: Wer ist Gott? Und diesbezüglich lautet seine Selbstauskunft: Ich bin, der ich bin! So sein zu wollen wie Gott, würde demnach bedeuten, so zu sein wie man ist, bzw. so sein zu wollen wie man ist, also davon auszugehen, dass man genauso, wie man ist, richtig ist. Und das hört man eigentlich ziemlich oft: Ich bin, was ich bin, und das ist auch gut so. Was ist die größte Sünde? weiterlesen