Warum bin ich und wenn ja, wozu?

Wenn einem Menschen Leid zustößt, gibt es mindestens zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Man kann Ursachenforschung betreiben und nach dem „Warum“ fragen. Warum also ist mir dieses oder jenes zugestoßen? Oder man kann nach dem „Wozu“ fragen und sich überlegen, welchen Zweck das Leid hat und ob es möglicherweise zu irgendetwas Gutem führt. Warum bin ich und wenn ja, wozu? weiterlesen

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Muhammad

Es ist Markttag in Mekka, auf den Straßen herrscht wuseliges Treiben. Tausende sind unterwegs, drängeln sich dicht an dicht die Stände entlang. Man hört Kinder lachen, Frauen schnattern und Männer grölen. In der Luft liegt ein strenger Geruch, eine Mischung aus herrlich duftenden Gewürzen, Tierexkrementen und stinkendem Fisch, der in der prallen Mittagssonne vor sich hin fault. Ein verirrtes Schwein stößt wild grunzend gegen das Tischbein vom Obststand. Der Tisch bricht zusammen, dutzende Melonen rollen in alle Richtungen davon. Der Händler glotzt zunächst ungläubig, doch schon im nächsten Moment sieht man ihn laut fluchend hinter dem schrill quiekenden Schwein herjagen. Umher stehende Juden rümpfen die Nase. Von den Nachbarständen ertönt schadenfreudiges Gelächter.
„Tomaten, hier gibt’s frische Tomaten!“ versucht ein Gemüsehändler die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.
„Frisch?“, ruft der Gemüsehändler von Stand gegenüber, „diese runzeligen Dinger? Die stinken bis hier hin!“
„Was hier stinkt ist dein Atem!“, schallt es zurück, „hast dir vom eigenen verfaulten Gemüse den Magen verdorben!“
„Ach ja, verfaultes Gemüse? Dann probier` doch mal!“
Der Gemüsehändler wirft eine Tomate, die treffsicher im Gesicht des rüpelnden Standnachbarn landet. Dieser nimmt die Einladung gerne an und antwortet mit einem Auberginenhagel, begleitet von allerlei unschönen Verwünschungen. Unschuldige Passanten, die das Pech haben, sich gerade jetzt zwischen den beiden Ständen hindurch zu schlängeln, finden sich plötzlich in einer Gemüseschlacht wieder. Tomaten schlagen ein und besudeln die hübsch weißen Gewänder. Den größten Pechvögeln knallt eine ausgewachsene Papaya gegen die Stirn. Zum Obst und Gemüse mischt sich fauler Fisch, den der Fischhändler auf diese Weise endlich loswerden will, da er den Gestank selbst kaum noch aushält. Die Menge treibt fluchtartig auseinander. Weinende Kinder werden von meckernden Ziegen umgerissen, diese wiederum von meckernden Männern, wobei die meckernden Männer reihenweise auf den glatten Fischen ausrutschen und dabei laut stöhnend zu Boden krachen.

***

Ein paar Ecken entfernt geht es nicht weniger triebig zu. Eine bunte Schar langbärtiger Gelehrter hat sich im Schatten eines Olivenbaums versammelt, um lauthals miteinander zu disputieren. Mitten drin ein Mann namens Muhammad.
„Ihr mit euren Steingöttern und Quellgöttern“, schimpft er „ihr seid verblendet, es kann nur einen Gott geben, und das ist Allah!“
„Du wagst es, unseren Glauben in den Dreck zu ziehen?“, schlägt es ihm mehrstimmig entgegen, „den Glauben unserer Väter und Vorväter? Wer bist du, dass du denkst, du könntest uns ungestraft beleidigen?“
„Ich bin ein Mann mit Verstand, und ich sage euch noch einmal, es gibt nur einen Gott!“
Jemand mit hochrotem Kopf will antworten, doch ein anderer ist schneller. „Recht hat er, es gibt nur einen Gott, und das ist Jesus!“
„Und das ist Jesus?“ empört sich Muhammad, „ein Gott, der essen, trinken und auf den Abort muss? Das ist Gotteslästerung!“
„So ja auch nicht“, erwidert der andere nun etwas kleinlaut, „kein Gott muss essen und trinken und schon gar nicht auf den Abort, er hat nur so getan als ob, eine Rolle gespielt!“
„So ein Quatsch!“ rufen gleichzeitig Muhammad und zu dessen Verwunderung auch ein Bischof in Amtsrobe, dem er neugierig den Vortritt lässt.
„Natürlich war Jesus auf dem Abort“, stellt dieser klar,  „schließlich ist er nicht nur Gott, sondern auch Mensch, ein Halbgott, gezeugt von Gott Vater und der Gott Mutter Maria.“
Muhammad steht am Rande eines Schlaganfalls. „Gott Mutter Maria, jetzt habe ich aber endgültig genug!“
Noch ein anderer Disputant mischt sich ein. „Wehret dem Bösen!“, ruft er mystisch dreinblickend und in völliger Missachtung des vorausgehenden Dialogs. „Ich sage euch, Ahura Masda, der Wächter des Lichts, wird jeden vertilgen, der vom Bösen nicht lässt!“
„Du nennst uns böse?“ schreit nun einer aus der Stein- und Quellgötterfraktion, „na warte, dir zeig` ich, wer hier böse ist!“
Und während er noch redet, stürmt er auch schon auf den Mann los, der auf einmal gar nicht mehr mystisch dreinblickt, sondern eher etwas verstört, und verpasst ihm mit der Faust eins auf die Nase. Der Getroffene schwankt hin und her, findet aber schnell wieder ins Gleichgewicht, um nun seinerseits dem Angreifer eins überzubraten. Doch dieser duckt sich pfeilschnell weg, so dass die Faust nicht in seine Nase, sondern in die Nase des verdutzen Gnostikers dahinter einschlägt. Die anderen Christen eilen diesem zur Hilfe, dabei munter auf jeden einprügelnd, der sich ihnen in den Weg stellt. Es entwickelt sich eine derbe Schlägerei, an dessen Ende Muhammad so unglücklich an der Schläfe getroffen wird, dass er zur Seite weg kippt und benommen liegen bleibt. Das ganze Szenario wird von einem Jungen beobachtet, der anfänglich noch interessiert dem Disput lauscht, dann aber, als der Streit ins Uferlose ausartet, Zuflucht unter einem naheliegenden Tisch sucht. Von dort aus sieht er Muhammad wie tot im Staub liegen. Er sieht drei Männer, wie sie sich über den regungslosen Körper beugen. „Ergreift ihn!“ hört er den einen rufen. Hilflos muss er mit ansehen, wie sie Muhammad packen und wegschleifen. Er will hinterher, doch die Angst lähmt seine Beine.

***

Als Muhammad erwacht, findet er sich auf einem Bett in einem schlicht eingerichteten Zimmer wieder. Über sich entdeckt er das bärtige Gesicht eines Mannes mittleren Alters. Muhammad richtet sich auf. „Wo bin ich?“ Der Mann lächelt ihn an. „Ich weiß nicht, woran du dich erinnern kannst, aber zunächst einmal bist du in Sicherheit.“ Muhammad denkt nach. „Es gab Streit“, sagt er. „Wieder einmal“, fügt er hinzu. „Diese Ungläubigen, sie wollen nicht anerkennen, dass Gott Einer ist!“ Der Mann nickt. „Ich weiß, ich war dabei. Du hast deinen Standpunkt deutlich gemacht, kann man sagen, und bist am Ende dann doch eingeknickt.“ Das Lächeln verwandelt sich in ein breites Grinsen. Muhammad fasst sich an die Schläfe, er hat leichte Kopfschmerzen und wohl auch deswegen keinen Sinn für schlechte Scherze. Da er Gast in diesem Haus ist, lächelt er trotzdem.
„Wenn du dabei warst, auf welcher Seite stehst du?“, fragt er den Mann.
„Ich hoffe, und ich sage dies mit Furcht und Zittern, ich hoffe auf Gottes Seite.“
Muhammad wird hellhörig. „Dann glaubst du auch, dass Gott Einer ist?“
Der Mann steht auf, begibt sich zur Feuerstelle. „Ich mache Tee, willst du auch?“ Muhammad verneint. Der Mann setzt sich wieder hin, führt bedächtig die Teetasse zum Mund, pustet und nippt daran. „Ich glaube, dass Gott Liebe ist“, sagt er.
„Das habe ich schon einmal gehört“ erwidert Muhammad. „Von Christen. Bist du ein Christ?“
„Ich glaube an den Christus, ja.“
„Dann bist du einer von diesen Polytheisten und glaubst, dass Jesus ein Gott war? Gezeugt von Maria und…ich will es gar nicht aussprechen.“
„Ich glaube an den Gott der Liebe“, wiederholt der Mann, „an den unendlich großen Gott der Liebe. Aber wenn Gott uns liebt, die wir endlich und klein sind, und Liebe doch immer die Nähe des Geliebten sucht, muss Gott dann nicht selbst endlich und klein werden?“
„Aber Gott ist mir doch nah, er ist mir näher als meine Halsschlagader“, betont Muhammad.
„Und doch bleibt er der ewig Andere, der Unfassbare und damit immer auch der Fremde.“
Muhammad wirkt nachdenklich. „Dass aber Gott zum Menschen wird, dass der Unendliche endlich wird, das ist doch paradox, das ist doch mit dem Verstand gar nicht zu begreifen!“
Der Mann nickt zustimmend. „Und daher auch die vielen Legenden, dass Maria eine Göttin ist, dass Jesus nicht wirklich Mensch war, nicht wirklich gegessen und getrunken hat; die Menschen wollen verstehen, und wenn sie etwas nicht verstehen, dann legen sie es sich zurecht, zerlegen es in kleine Happen, die zwar bekömmlich sind, aber nicht satt machen.“
„Und dennoch weigere ich mich, einen Menschen Gott zu nennen“, sagt Muhammad mit fester Stimme. „Gott ist Gott, allmächtig und allwissend. Du willst doch nicht behaupten, dass Jesus allmächtig war?
Der Mann pustet und nippt ein weiteres Mal an der Tasse. „Den Dampf, den du siehst, kann man ihn Wasser nennen? Nein, Dampf ist Dampf. Und dennoch besteht beides, Wasser und Dampf, aus derselben Substanz. Wenn du mich also so fragst, dann sage ich, Jesus war genauso allmächtig wie ein Tropfen tief ist, und dennoch ist der Tropfen ein Teil vom Meer so wie Jesus ein Teil von Gott ist.“
Eine kleine Pause entsteht, der Mann trinkt seinen Tee, Muhammad starrt zum Fenster auf die Straße hinaus.
„Die Menschen“, überlegt er laut, „sie sind so beschäftigt mit ihrem täglichen Treiben, so abgelenkt von den kleinen Dingen des Lebens, so voller Sorgen, dass sie das Große, das Göttliche überhaupt nicht wahrnehmen.
„Vielleicht deswegen“, sagt der Mann, „vielleicht wird Gott deswegen Mensch. Wenn der Mensch es nicht schafft, die Hand vom Pflug zu nehmen, dann legt Gott eben seine Hand an den Pflug. Was der Mensch alleine nicht schafft, das schaffen sie dann zusammen.“
Muhammad schaut vom Fenster weg, jetzt dem Mann tief und eindringlich in die Augen. „Ich danke dir, dass du mich aufgenommen hast. Ich danke dir für deine Worte, über manches werde ich nachdenken. Jetzt aber muss ich gehen. Raus aus Mekka. Ich bin diese Menschen überdrüssig. Ich bin die Stadt überdrüssig. Das Laute und Enge. Es ist an der Zeit, ein neues Kapitel zu beginnen.“
Es sagt es und erhebt sich schwerfällig von seinem Platz. Das Becken schmerzt immer noch, aber das macht nichts. An der Tür umarmen sich die beiden Männer. Dann wünschen sie einander Frieden, bevor sich Muhammad im Schatten der Abendröte auf den Weg macht.

***

Als der Staub sich legt, kommt der Junge zögerlich aus seinem Versteck wieder hervor. Alle sind weg. Muhammad ist auch weg, verschleppt von bösen Männern. Der Junge kennt ihn schon lange, bewundert ihn und ist stolz darauf, denselben Namen zu tragen. Jeden Tag begibt sich der kleine Muhammad von nun an auf den Markt, um Ausschau nach dem verschollenen Namensvetter zu halten. Doch die Tage vergehen und mit den Tagen wächst die Gewissheit, dass er ihn niemals mehr wiedersehen wird. Im Laufe der Zeit wird aus dem Jungen ein Mann. Irgendwann zieht es ihn hinauf auf den Berg Hira. Als er wieder hinabsteigt, hält er eine Schriftrolle in der Hand.

Spagetti Bolognese

Ich gehe einkaufen. Vor mir das Fleischfach. Hackfleisch im Angebot. Günstig, denke ich, nur 1,49€ das Pfund. Ich bekomme Hunger auf Spagetti Bolognese. Knoblauch und Zwiebeln andünsten, Fleisch dazugeben, Tomatenmark, aber nicht zu knapp. Die Soße eher breiig als flüssig. Die Spagetti eher weich als hart. Dazu Rotwein, eher trocken als süß.

Mein Mund füllt sich mit Speichel. Meine Hand greift ins Fleischfach, fischt nach der Packung. Fleisch fischt Fleisch, kommt es mir in den Sinn. Leben und Tod so nah beieinander. Vor meinem inneren Auge sehe ich ein Ferkel schmatzend an der Zitze der Mutter saugen. Jemand entreißt es. Jemand kastriert es. Das Ferkel fängt hilflos an zu quieken. Es quiekt und hört damit nie wieder auf. Nicht im Stall. Nicht auf dem Lastwagen. Erst beim Schlachter findet es Ruhe.

Meine Hand weicht zurück. Eine junge Dame schlendert an mir vorbei. Auf ihrer Stirn steht: Ich verachte dich! Auf der Packung in ihrem Einkaufswagen steht: Tofu. Warum eigentlich nicht, denke ich. Tofu schmeckt zwar keinesfalls nach Fleisch, streng genommen nach gar nichts, aber es macht die Soße schön breiig. Und das Gewissen rein. Ich gehe hinüber zum Fleischersatz. Ein Klumpen Tofu 3,49€. Ob es wohl stimmt, dass man von Tofu Brüste bekommt? Ich will keine Brüste. Ich will auch kein Tofu. Ich will Spagetti mit Fleischsoße!

Ein Fach weiter befindet sich das Biosortiment. Fleisch von glücklichen Schweinen. Auf der Wiese herumtollen, im Schlamm wühlen und dann auf dem Höhepunkt, kurz bevor das Leben langweilig wird, schmerzfrei abtreten. Das Hackfleisch lächelt mich an, es sieht sogar jetzt noch glücklich aus. Mein Blick fällt auf das Preisschild. 8,49€ das Pfund. Auf der anderen Seite, wer weiß schon, wie es dem Schwein wirklich ergangen ist? BIO ist doch auch nur so eine Worthülse. Und tot ist tot. Und überhaupt, können Schweine Leid empfinden, sich also selbst reflektieren?

Ich trotte zurück zum bezahlbaren Fleisch. Es ist fast Mittag, ich habe Hunger. Mehr denn je auf Spagetti Bolognese. Zwei Angebotspackungen sind noch übrig. Im Parallelgang die junge Dame. Sie schaut immer noch verächtlich. Immer noch kann ich ihre Gedanken lesen: Sei ein Mensch, tue es nicht! Ich tue es doch. Ich greife nach der vorletzten Packung. Und auch nach der letzten. Ich mag es, wenn die Soße schön breiig ist.

Zu Hause angekommen begebe ich mich direkt ans Werk. Zwiebeln und Knoblauch in der Pfanne glasig dünsten, Hackfleisch dazugeben, gut durchbraten, eine Dose Tomaten, eine halbe Tube Tomatenmark, das Ganze mit einer Prise Salz, Pfeffer, Oregano und Basilikum würzen. Zum Schluss die gekochten Spagetti mit in die Pfanne geben, alles auf einen Teller drapieren, den Berg großflächig mit Parmesan bestreuen. Wie das duftet! Gierig führe ich die Gabel zum Mund. Der erste Bissen ist immer der Beste! Während ich esse, lese ich die Wochenzeitung. Eine Anzeige auf Seite 2 findet meine Aufmerksamkeit. Save the animals! Jetzt anrufen und mit nur 10€ Tierleben retten! Ich rufe an. Den Anruf nimmt eine freundliche junge Dame entgegen. Ich spende 20€. Die junge Dame freut sich. Ich freue mich, dass sie sich freut. Wir beide freuen uns für die Tiere. Ich lege auf. Die Spagetti schmecken auf einmal noch besser. Ich fühle mich satt und glücklich, lehne mich zurück, um herzhaft zu gähnen. Ein Rülpser bahnt sich seinen Weg. Es riecht nach Schwein.

Fischers Fritze fischt die letzten Fische

Die Meere sind völlig überfischt, aber egal ob Aldi, Lidl oder Plus, auf jeder einzelne Fischpackung steht so ein MSC Siegel für nachhaltige Fischerei. Ich frage mich, wie das zusammengeht. Vielleicht so:

Fischhändler (am Telefon): Ich würde gerne unseren Fisch zertifizieren lassen.

MSC: Dazu habe ich ein paar Fragen, fischen Sie mit Dynamit.

Fischhändler: Nein.

MSC: Töten oder quälen Sie zum Spaß Delphinbabys?

Fischhändler: Nein.

MSC: Testen Sie unter Wasser Atombomben?

Fischhändler: Nein.

MSC: Schreibt man Meer mit oder ohne h?

Fischhändler: Ohne.

MSC: Benutzen Sie Treibnetze?

Fischhändler: Ja.

MSC: Dann lassen Sie mich rechnen, 4 von 5 richtig, das sind 80 von 100 möglichen Punkten, 79 waren gefordert, somit haben Sie, wenn auch knapp, bestanden. Frohes Fischen also, und sollte das Netz einmal leer bleiben, wir zertifizieren auch Elfenbein.

Das Huhn

Das Huhn hat Spaß, es pickt und scharrt,
und aus`m Arsch  kackt`s zum Quadrat.

Das Huhn, das fühlt sich leicht und frei,
und legt, statt Brei, jetzt mal ein Ei.

Zum Huhn gesellt sich nun der Hahn,
umgarnt es so ganz zart und zahm.

Das Huhn, das fühlt sich wie ein Schwan,
geht auf und ab im Liebeswahn.

Und legt ins Nest, so ganz nebenbei,
ein ganz besonders hübsches Ei.

Das Ei, das hält das Huhn gut warm,
denn sicher freut das auch den Hahn:

Hier bricht sich neues Leben Bahn!

Marketing

Heute, 11Uhr in der Marketingabteilung des Convenience Food Herstellers Don Fantastico.

Marketingmanager 1: Ach du Scheiße!

Marketingmanager 2: Was?

M1: Ich lese gerade: Anders Breivik klagt gegen seine Haftbedingungen. Der ständige Verzehr von Fertiggerichten sei schlimmer als Waterboarding.

M2: Ach du Scheiße!

Marketingmanager 3: Wo?

M1: Bild.de

M3: Ach du Scheiße!

M1: Fertiggerichte als Foltermethode, das ist eine Katastrophe!

M2: Wir haben die Ökos am Hals, die Veggies und jetzt auch noch einen Massenmörder!

M3: Massenmörder hin oder her, der Kerl redet Schwachsinn.

M1: Und das in jeder Zeitung, Fertiggerichte als Folter, so was bleibt hängen.

M3: Den Kerl hätte man hängen sollen, dann könnte der keinen Schwachsinn erzählen.

M2: Die Frage ist, was machen?

M1: Vielleicht die Jetzt-ohne-Geschmacksverstärker-Kampagne vorziehen?

M3: Wir machen so eine Kampagne? Was ist mit Hefeextrakt?

M1: Hefeextrakt klingt harmlos, da denkt keiner an was Schlimmes. Und die Neuen, B324 und D539, sollen die uns erst mal nachweisen.

M2: Ich befürchte nur, das wird den Schaden nicht aufwiegen, wir müssen JETZT reagieren, das irgendwie entkräften.

M3: Oder doch erst mal abwarten? Ein Massenmörder, der was gegen Fertiggerichte sagt, das könnte uns auch in die Karten spielen.

M1: Du meinst, von wegen, Hitler war Vegetarier?

M3: Genau, was der Böse gut findet, ist böse und was der Böse böse findet, ist gut.

M2: Ich weiß nicht, Folter bleibt Folter.

M1: Dann halt Testimonials. Eine kranke Frau. Hühnersuppe hat mein Leben gerettet!

M2: Aber wie platzieren?

M1: Keine Ahnung, Talkshow, beiläufig im Nebensatz.

M3: Oder Flüchtlinge!

M1 und M2: Sehr gut!

M1: Essen verteilen an Flüchtlinge. Ausgehungert, und dann Ravioli essen.

M3: Mütter mit Kindern am besten. Nichts geht über lachende Kinder!

M2: Aber ich weiß nicht, das kann auch schnell billig wirken.

M3: Billig im Sinne von anbiedernd?

M2: Eher billig im Sinne von billiges Essen.

M1: Du hast Recht, imagemäßig machen wir seit Jahren einen auf Gourmetküche, das können wir nicht einfach aufs Spiel setzen, indem wir Flüchtlinge durchfüttern.

M3: Da ist was dran, wer Hunger hat, braucht Brot und kein Kaviar.

M2: Was also dann?

M1: Zur Not Studien. Ich hab da noch einige in der Hinterhand. Zum Beispiel diese hier: Glutamat wirkt scheinbar krebshemmend.

M2: Im Ernst?

M1: Laut dieser Studie schon.

M3: Das braucht aber zu lange, bis das viral geht, außerdem wird so was schnell zum Bumerang.

M1: Dann weiß ich auch nicht.

M3: Mist ist da alles!

M2: Oder doch wieder Bakterien?

M1 und M3: Sehr gut!

M1: Ein paar Biogurken kontaminieren, ein paar Dutzend Infizierte, und zack ist es vorbei mit dem Frischewahn.

M3: Und wir sind wieder im Rennen, sicheres Essen aus der Dose, das könnte klappen.

M1: Also los, Meeting mit der Geschäftsführung, heute 14Uhr. Kurze PowerPoint Präsentation. Inklusive Maßnahmenkatalog und voraussichtliche Umsatzentwicklung.

M2: Davor aber noch was Essen.

M3: Aber was Leichtes!

M2: Salatbar?

M3: Liebend gerne.

M1: Dann los.