Was ist im Himmel anders?

Mit einem selbst, mit seinen ganzen Vorstellungen, Einstellungen und Handlungsmotiven ist es ja im Grunde so ähnlich wie mit einer Badewanne: Lässt man 50° Grad warmes Wasser ein, dauert es nicht lange und das Wasser hat wieder Raumtemperatur. Entropie ist das Problem. Um aber trotzdem bei konstant 50° Grad zu baden, muss man immer wieder heißes Wasser nachlaufen lassen. Und um der zu sein, der man sein will, muss man sich konstant anstrengen, um nicht die Temperatur von Umfeld und Gesellschaft anzunehmen. Liegt nun die moralische Idealtemperatur bei, sagen wir, 30° Grad, dann unterscheiden sich Himmel und Erde wohl darin, dass es auf der Erde nur 10° Grad warm ist, so dass man immer Badewasser nachlaufen lassen muss, um nicht abzukühlen, wohingegen die Temperatur im Himmel bei exakt 30° Grad liegt und man sich überhaupt nicht anstrengen muss, das moralische Niveau zu halten. Da das Himmelreich aber bereits angebrochen hat, sollte die Aufgabe der Kirche eigentlich darin bestehen, die Atmosphäre im Hier und Jetzt bereits ein wenig aufzuheizen. 30° Grad sind natürlich utopisch, dafür ist der Gegenwind zu stark, aber selbst 11° Grad macht schon einen Unterschied.

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Wie oft soll man vergeben?

Auf die Frage von Petrus, ob es genügen würde, jemandem 7mal zu vergeben, sagt Jesus, Quatsch, viel zu wenig, mindestens 70mal 7mal.

Der Religionsphilosoph Jörg Splett deutet dies so, dass Jesus dabei gar nicht (nur) gemeint hat, dem anderen 490 unterschiedliche Vergehen zu vergeben, sondern 490mal das Gleiche. Hat der andere mir also irgendetwas angetan, dann ringe ich mich zwar vielleicht nolens volens dazu durch, ihm zu vergeben, aber eine Stunde später denke ich schon wieder, was für ein Arschloch! Und dann vergebe ich ihm wieder und dann kommt der Groll wieder hoch und ich vergebe ihm wieder, bis der Groll immer kleiner wird und ich ihm irgendwann wirklich vergeben habe.

Nun schließt die eine Deutung die andere ja nicht aus, d.h. am besten fährt man wahrscheinlich, wenn man dem anderen sowohl in der Breite als auch in der Tiefe vergibt, also, wenn nötig, 490 unterschiedliche Vergehen und, wenn nötig, jedes Vergehen dann auch wieder 490mal.

Die Frage stellt sich allerdings, wie kommt Jesus eigentlich auf 490mal? Und ist das die Maximalmenge, d.h. sollen wir 490mal vergeben und dann ist Schluss?

Irgendwo gelesen habe ich, dass sich Petrus mit seiner Frage auf die Geschichte von Kain und Abel bezieht, in der es heißt, dass derjenige, der Kain etwas antut, 7mal gerächt werden soll. D.h. um zu verhindern, dass Kain etwas angetan wird, stellt Gott darauf eine 7mal so schwere Strafe in Aussicht. Lamech, der Sohn Metuschelachs, nimmt die Zahl später auf und prahlt damit, dass Kain zwar nur 7mal gerächt werden sollte, aber er, der große Lamech, würde 77mal gerächt werden.

Was also Petrus scheinbar bereits verstanden hatte, ist, dass es Jesus nicht um Rache, sondern um Vergebung geht, d.h. sieht das (in Kains spezieller Situation noch nützliche) Racheprinzip vor, dass ein Vergehen 7mal gerächt wird, denkt sich Petrus, dass es doch eine gute Sache wäre, dies Prinzip auf Vergebung zu übertragen. Was Jesus ihm (in Bezug auf Lamech) allerdings erst noch beibringen musste, ist, dass der Mensch dazu neigt, seine Rachegelüste zu multiplizieren, während Jesus ihn dazu auffordert, seine Vergebungsbereitschaft zu multiplizieren.

Was ist die größte Sünde?

Was ist eigentlich die größtmögliche Sünde? Ich würde meinen, die größtmögliche Sünde ist die, welche alle anderen Sünden nach sich zieht. Und welche Sünde das ist, da spricht die Bibel gleich am Anfang eine klare Sprache: Der Mensch will so sein wie Gott! Wenn das aber die größtmögliche Sünde ist, so sein zu wollen wie Gott, müsste man fragen: Wer ist Gott? Und diesbezüglich lautet seine Selbstauskunft: Ich bin, der ich bin! So sein zu wollen wie Gott, würde demnach bedeuten, so zu sein wie man ist, bzw. so sein zu wollen wie man ist, also davon auszugehen, dass man genauso, wie man ist, richtig ist. Und das hört man eigentlich ziemlich oft: Ich bin, was ich bin, und das ist auch gut so. Was ist die größte Sünde? weiterlesen

Gedanke zur Willensfreiheit: Jeder ist sich selbst der Größte

Bezüglich der Sache mit dem freien Willen erinnere ich mich an ein Fallbeispiel des Psychologie-Professors Herrn Neumann (Grüße!), das ungefähr so ging:

Eine Frau wird von einem Psychologen in Trance versetzt und bekommt währenddessen einen posthypnotischen Befehl eingepflanzt, auf ein gewisses Stichwort hin bei der nächsten Sitzung doch bitteschön alle Blumen im Zimmer zu gießen. Und tatsächlich, die nächste Sitzung kommt, der Psychologe nennt das Stichwort und die Frau steht auf und fängt an, alle Blumen im Raum zu gießen. Auf die Frage des Psychologen hin, warum sie das getan hat, antwortet sie, ach ja, ihr wäre schon die ganze Zeit über aufgefallen, dass die Blumen ziemlich trocken seien und dringend Wasser benötigten. Gedanke zur Willensfreiheit: Jeder ist sich selbst der Größte weiterlesen

Auf der Suche nach Wahrheit

Dass es mit der Wahrheit so eine Sache ist, sieht man ja schon daran, dass ich sagen könnte, der Mensch ist eine Fett-Eiweiß-Verbindung und damit zwar Recht hätte, aber den Punkt irgendwie auch nicht richtig treffen würde; mal ganz davon abgesehen, welchen Ärger ich mir damit bei gewissen Frauen einheimsen könnte: „Was soll ich sein? Eine Fett-Verbindung? Du Arschloch!“ Und Klatsch. Wobei, im Fitnessstudio, unter den Jungs, käme so was wahrscheinlich sogar ganz gut an. „Alter im Ernst, ne` Eiweiß-Verbindung? Is` ja geil. Dann mal ran an die Geräte!“

Es wird deutlich, dass sich bei der Suche nach Wahrheit mindestens zwei Probleme auftun. Erstens hängt das, was hinten rauskommt, immer davon ab, was man vorne reinsteckt (auf einmal habe ich Hunger), die Antwort also davon ab, welche Frage man stellt. Und zweitens hört man sowieso nur das, was man hören will oder kann. Bestünde die Antwort auf alles also aus einer mathematischen Formel, würde ich als Mathe-Noob nur wohlwollend nicken können, aber, insofern andere Zeichen als Plus und Minus im Spiel sind, wahrscheinlich kein Wort verstehen.

Erschwerend kommt bei der Suche nach Wahrheit hinzu, dass man schon alles bedenken und hierfür alles wissen müsste, um überhaupt eine adäquate Antwort zu geben. Ansonsten bleibt es bei Popper und der Mensch kann immer nur sagen, was Wahrheit nicht ist, nicht aber, was Wahrheit ist.

Alles bedenken und alles wissen, das aber kann nur einer, Gott, und insofern wäre er die Wahrheit schlechthin. Das Problem ist nur, Gott ist absolut und der Mensch tut sich als relatives Wesen gewöhnlich ziemlich schwer damit, das Absolute zu denken. Wenn nun aber Jesus daherkommt und sagt „Ich bin die Wahrheit“, dann unterstreicht dies nicht nur seinen göttlichen Ursprung, sondern dann will er damit wohl auch betonen, dass er ist es, der Gott und Mensch verbindet; die ewigen Wahrheiten also auf unser endliches Niveau herunterbricht.

Und noch etwas will er wahrscheinlich sagen: Er ist es, dessen Antwort angemessen ist; die also genau die richtige Passgröße hat. Denn Wahrheit ist nichts, was man mit der Gießkanne ausschüttet, sondern wahr ist eine Antwort immer nur, wenn sie die subjektive Frage beantwortet. Und hierfür ist etwas mehr nötig als Wissen und Vernunft; darüber hinaus nämlich auch die Fähigkeit einer größtmöglichen Empathie, um sich in den anderen hineinversetzen und somit überhaupt die Frage und deren subjektive Intention erfassen zu können. Und zusätzlich natürlich eine größtmögliche moralische Integrität, denn genauso wie der Mensch nicht nur ein rationales, sondern auch ein moralisches Wesen ist, so ist Wahrheit nicht nur eine rationale, sondern auch eine moralische Größe, die dem Guten verpflichtet ist. Das heißt, weil wir in einem moralischen Universum leben, ist es schon intuitiv nicht wahr, dass Hitler gut und Mutter Theresa böse ist. Und so gesehen muss auch eine Antwort, will sie wahr sein, es auch immer gut mit dem Fragesteller meinen.

Hat die eigene Frau also um Weihnachten herum 5kg zugenommen, dann lautet die adäquate Antwort auf die Frage „Wie sehe ich aus?“ eben nicht „Du bist ganz schön fett geworden!“, sondern vielleicht eher „Ich liebe dich und je mehr es von dir gibt, desto besser!“ Aber auch diese Antwort wäre tatsächlich nicht adäquat, denn durch Schmeicheln lösen sich die Kilos zu viel ja nicht in Luft auf. (Ich merke gerade, ich bewege mich auf ganz dünnem Eis). Wenn also jemand dank übermäßigem Süßigkeitenkonsum, sagen wir, 100kg zunimmt und schon kurz vorm Herzinfarkt steht, dann hilft es nichts zu sagen: „Ich liebe dich, mach genauso weiter!“, sondern dann wäre es angemessen, die Person in aller Liebe auf das gesundheitliche Risiko hinzuweisen.

Die Betonung dabei liegt allerdings auf „In aller Liebe“, denn es gibt einen großen Unterschied zwischen „Etwas Liebes sagen“ und „Etwas in Liebe sagen“. Und genauso gibt es einen Unterschied zwischen „Etwas Wahres sagen“ und „Etwas in Wahrheit sagen“. Und wieder einmal bin ich bei Erich Fromm, denn Liebe und und Wahrheit, die kann man nicht einfach besitzen, sondern das sind Seinszustände, in die man hineinwachsen muss. Wenn also der Mensch ohne Gott verloren geht, dann wäre es lieblos, das nicht zu erwähnen, aber auf einem anderen Blatt steht, wie man es sagt. Und in diesem Sinne wäre es, egal, ob sich das wirklich so zugetragen hat oder nicht, dann auch nicht besonders hilfreich, wenn der Pastor bei der Beerdigung auf den Sarg klopft und in die Runde ruft: „Hört ihr, er brennt schon!“

Hängt, wie gesagt, die Wahrheit aber nicht nur von der Angemessenheit der Antwort, sondern auch von der Angemessenheit der Frage ab und ist der Mensch im Allgemeinen nicht besonders gut darin, angemessene Fragen zu stellen, dann würde ich vermuten, dass sich Gott gar nicht groß von unseren Fragen abhängig macht, sondern selbst die Initiative ergreift und uns die eine wesentliche Frage stellt, auf die wir zu antworten haben. Und die eine wesentliche Frage, auf die wir zu antworten haben und in deren Beantwortung sich Wahrheit heraus kristallisiert, ich würde meinen, diese Frage lautet: „Petrus, oder wer auch immer, der Name ist austauschbar, liebst du mich?“

Warum bewahrt Gott den einen und den anderen nicht?

Gott hat mich bewahrt, höre ich hin und wieder, vor, was weiß ich, diesem und jenem, einer Krankheit, einem Unfall, meinetwegen einem Stau, in den man hineingefahren wäre, hätte man nicht rechtzeitig die Ausfahrt genommen. Mir stellt sich dabei die Frage, wenn Gott bewahrt, warum den einen und den anderen nicht? Warum bleibt der eine gesund und der andere wird krank? Warum hat der eine freie Fahrt und der andere steht im Stau? Oder ganz global: Warum haben manche mehr als genug und andere gar nichts? Oder warum wird aus der einen eine Mutter Theresa und aus dem anderen ein Charles Manson? Warum bewahrt Gott den einen und den anderen nicht? weiterlesen

Mein MP3 Player und die Grundfesten des Glaubens

Im Grunde bin ich mit meinem MP3 Player sehr zufrieden. Kristallklarer Sound und ein Bass, da wummert es ordentlich in den Ohren. Einziges Manko: Die On/Off Taste ist leider sehr empfindlich, so dass das Ding manchmal einfach so angeht. Passiert das unbemerkt, frisst das den ganzen Akku auf, was dann, wenn ich ihn anschließend benutzen will, natürlich sehr ärgerlich ist. Fast hätte ich dazu letztens auch schon eine Amazon-Kundenrezension geschrieben, so von wegen, vier Punkte, super Teil, aber leider äußerst empfindliche On/Off Taste. Gott sei Dank habe ich es gelassen, denn gerade eben ist mir aufgefallen, dass sich versteckt an der Seite noch eine „Hold“-Taste befindet. Drücke ich diese, kann auch bei schwerster Erschütterung nichts mehr passieren.

Wie nun mit dem MP3 Player, so ist das im Grunde auch mit Gott. Das heißt, auch ihm gegenüber habe ich ein Grundgefühl, dass er gut ist und dementsprechend auch seine geschaffene Welt gut sein muss. Nehme ich nun wahr, dass Gott Dinge tut, die ich nicht verstehe (z.B. ganze Völker zu bestrafen oder auf scheinbar lässliche Vergehen drakonische Strafen zu verhängen) oder passieren auf seiner Welt Dinge, die ich nicht verstehe (z.B. Erdbeben oder Krankheiten), dann mahnt mich mein MP3 Player: Man sollte nicht vorschnell urteilen, sondern in der Grundüberzeugung, dass Gott gut ist, die Dinge auch mal stehen lassen können.

Die natürliche Richtung des (christlichen) Glaubens ist nämlich, dass man eine unmittelbare Gotteserfahrung macht, die sich tief in das menschliche Herz eingräbt und mittels Gefühl und Verstand die Überzeugung keimen lässt, dass Gott absolut vertrauenswürdig ist. Ist man aber erst einmal zu dieser Grundüberzeugung gelangt, dann wird man automatisch jede Erkenntnis oder Erfahrung, die man über oder mit Gott macht, diesem Grundgefühl unterordnen. So wie ein Kind von guten Eltern: Obwohl es hin und wieder bestraft wird oder etwas essen muss, was überhaupt nicht schmeckt, weiß es doch, dass die Eltern, in allem, was sie tun, es eigentlich gut mit einem meinen.

Die unnatürliche Richtung des Glaubens wäre hingegen, wenn man diese Grunderfahrung nie gemacht hätte und stattdessen, von einer Pro- und Contra-Liste ausgehend, zu der Überzeugung kommt, das Gott entweder gut oder böse ist, bzw. es ihn gar nicht gibt. Geht man so an die Dinge heran, stellt sich allerdings das Problem, dass man nie wirklich wissen kann, ob Gott gut, böse oder gar nicht vorhanden ist, da sowohl die Pro- als auch die Contra-Seite gezwungenermaßen, weil niemand alles weiß, immer unvollendet bleibt. D.h. selbst wenn man auf der Pro-Seite gerade drei Argumente mehr verbuchen kann, wird man sich niemals sicher sein können, ob, alles zusammen genommen, nicht doch die Contra-Seite länger ist.

Insofern das menschliche Erkenntnisvermögen also unvollkommen ist, kann verlässliche Erkenntnis über Gott nur aus Gott selbst kommen. Und demgemäß heißt es auch in einem meiner Lieblingsverse aus der Bibel:

„Denn derselbe Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht hervorstrahlen!, der hat es auch in unseren Herzen hell werden lassen, sodass wir in der Person von Jesus Christus den vollen Glanz von Gottes Herrlichkeit erkennen.“

Fernab von jedwedem Erlebnisglauben ist es also Gott, der still und heimlich die Erkenntnis Gottes direkt in unser Herz fließen lässt. Allerdings nicht als abstraktes Gefühl, dass Gott Liebe ist, sondern als konkreter Hinweis auf die Person Jesus. Denn wenn eben dieser sagt und danach handelt, dass niemand größere Liebe hat als der, welcher sein Leben für seine Freunde (und gar Feinde) lässt, dann führt die Grundüberzeugung, dass Gott gut ist, nur über die Grunderfahrung, dass Gott am Kreuz gestorben ist. In diesem Bewusstsein können viele Fragen unbeantwortet bleiben – und dennoch weiß man, dass es auf alles eine zufriedenstellende Antwort gibt. Und nur mit der tiefen Gewissheit, die Wahrheit bereits in sich zu tragen, kann man dann auch Zeiten der Ungewissheit ganz gut aushalten, so wie es sehr schön in einem Gedicht von Goethe beschrieben steht:

Wer will denn alles gleich ergründen! Sobald der Schnee schmilzt, wird sich’s finden.Hier hilft nun weiter kein Bemühn! Sind’s Rosen, nun sie werden blühn.

Kreativität als Lebensstil

Manchmal hat man einen Gedanken von so unglaublicher Schönheit, dass man es kaum wagt, ihn auszusprechen – aus Angst, er könne seinen Zauber verlieren. Der, den ich hatte, ist dieser: Gott ist kreativ! Gut, das klingt jetzt so dahin geschrieben nicht ganz so gewaltig, wie beabsichtigt, aber man bedenke, was sich davon so alles ableiten lässt. Kreativität als Lebensstil weiterlesen

Warum kaputte Menschen leichter an Gott glauben

Zwar führe ich darüber keine Statistik, dennoch kommt es mir so vor, als seien es gerade die kranken und vom Leben missbrauchten Menschen, die in großer Zahl zu Gott finden. Warum das so ist, das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass der Glaube an Gott sehr viel mit Selbstaufgabe zu tun hat. Denn wo ich Gott glaube, da kann ich nicht mehr mir selbst glauben, bzw. wo ich mich auf Gott verlasse, da muss ich mich zunächst einmal selbst verlassen. Und eben dies fällt Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, viel leichter als Menschen, die auf der Gewinnerseite des Lebens stehen.

Wenn Jesus also sagt, dass nicht die Gesunden einen Arzt brauchen, sondern die Kranken, dann wusste er sehr wohl, dass es gerade die Benachteiligten und Unterpriveligierten dieser Welt sind, die sich ihm als ehestes anvertrauen werden. Aus dieser Aussage von Jesus allerdings zu schließen, dass es Menschen gibt, die ihn brauchen und Menschen, die auch ohne ihn ganz gut klarkommen, das geht nur, wenn man die ironischen Obertöne überhört. Denn betrachtet man das Leben aus Gottes Perspektive, dann gibt es die scheinbar Gesunden gar nicht, sondern höchstens welche, die sich das einbilden. Ganz im Gegenteil sind aus Gottes Perspektive alle Menschen sogar so dermaßen krank, dass es überhaupt keinen Sinn macht, danach zu fragen, wer denn nun am Kränksten ist.

Möglicherweise stellen Raupen, die unter sich sind, auch ein Ranking auf, wer denn nun die schönste oder gesündeste Raupe oder umgekehrt die hässlichste oder kränkste Raupe ist. Aber schaut man von oben drauf, dann sieht man keine großen Unterschiede, sondern einfach nur Raupen. Und ebenso sieht auch Gott, wenn er auf die Menschen guckt, einfach nur Raupen. Das heißt, natürlich sieht er nicht „nur“ Raupen, sondern Raupen mit dem Potential, sich zu Schmetterlingen zu entwickeln. Das Problem dabei ist nur: Wenn die neue Lebensform beginnen soll, dann muss die alte aufhören. Hat man sich nun allerdings bereits in das Raupendasein verliebt, dann wird man mit dem Schmetterling nicht viel anfangen können. Ist man es dagegen satt, auf dem Boden herumzukrabbeln, weil man sich nun auch das zehnte Raupenbein gebrochen hat, dann freut man sich darauf, endlich fliegen zu können.

In dem Sinne also, dass Selbstaufgabe bedeutet, dass man das Alte aufgibt, um etwas Neues zu werden, kann man den Unterschied zwischen einem „Leben hin zu Gott“ und einem „Leben weg von Gott“ vielleicht auch ganz gut mit Worten von Martin Schleske kenntlich machen: Der eine stirbt dem Leben entgegen, während der andere seinem Tod entgegen lebt.

Warum Bodybuilder Jesus besser verstehen

Der Sommer ist da. T-Shirt Wetter! Damit das T aber auch gut zur Geltung kommt, hab ich mal wieder die Hanteln bewegt. Ich bin also gerade kräftig am Pumpen, da fällt mir ein, dass das doch irgendwie komisch ist. Denn man könnte ja auch denken, dass die Muskeln schwächer werden, je stärker man sie beansprucht. Aber von wegen, das Gegenteil ist der Fall: Je mehr Muskelkraft ich verliere, desto mehr Muskelmasse baue ich auf. Je mehr Kraft ich hingegen für mich behalte, desto mehr Pudding hab ich in den Armen, bis das mit dem T-Shirt irgendwann komisch aussieht.

Wie aber mit den Muskeln, so auch mit dem Gehirn. Nutze ich es, nimmt die Gehirnleistung zu. Will ich es dagegen lieber schonen, gehen im Oberstübchen irgendwann alle Lampen aus.
Wie aber mit dem Gehirn, so auch mit Geld. Jeder, der schon mal gespendet hat, kann das wahrscheinlich bestätigen. Je mehr ich bereit bin zu geben, desto mehr bekomme ich zurück. Nicht vielleicht in jedem Fall Geld. Aber immer an Lebensqualität. Bin ich dagegen geizig und will jeden Cent für mich behalten, werde ich zwar möglicherweise ein dickes Konto haben, aber dennoch arm und verbittert sterben.

Wie aber mit dem Geld, so auch mit der Liebe. Bin ich bereit, Liebe in andere zu investieren, sind andere umso mehr dazu bereit, Liebe in mich zu investieren. Hab ich dagegen nur für mich selbst Liebe übrig, werde ich irgendwann nicht mal mehr mich selbst lieben können. (Dieser Satz macht durchaus Sinn, man muss ihn vielleicht nur zweimal lesen).

Wie aber mit der Liebe, mit dem Geld, mit dem Gehirn oder den Muskeln, so auch mit ganz vielen anderen Dingen im Leben. Ja, sogar mit dem Leben selbst. Und deswegen ist es auch kein Wunder, dass Jesus als Lebensprinzip ausgibt, dass derjenige, der sein Leben erhalten will, es verlieren wird, wogegen derjenige, der es um seinetwillen verliert, es gewinnen wird.

Warum um seinetwillen, sollte auch klar sein. So klar wie ich heute reich wäre, wenn ich vor Jahren mein ganzes Geld in Apple Aktien investiert hätte. Nur halt geht’s bei Jesus nicht um Geld, sondern um Leben. Aber das Prinzip ist das Gleiche: Je mehr ich ihm von meinem Leben abgebe, desto mehr gibt er mir von seinem Leben ab. Bedenkt man dabei, dass ich nur irdisches Leben zu geben habe, während er mit ewigem Leben aufwartet, ist das ein ziemlich guter Tausch, würde ich meinen.

Das Problem von alledem ist nur: Uns, gerade hier im Westen, fällt das Geben extrem schwer. Und wie kann es auch anders sein, wenn wir von der ganzen Marketingmaschinerie täglich darauf gepolt werden, dass Nehmen seliger ist als Geben. Und so nehmen wir uns dies und nehmen uns auch das und merken dabei gar nicht, dass wir in dem Wahn, alles haben zu müssen, immer mehr an Sein verlieren.