EM-Special: Gott bei Kierkegaard auf Fußballerdeutsch

Das Leben ist wie Fußball, sagt Hegel. Wichtig ist das Spiel. Oder besser gesagt, die Idee vom Spiel, die von der Mannschaft auf den Rasen getragen wird. Alles Quatsch, sagt dagegen Kierkegaard. Wichtig ist nicht das Spiel, sondern wichtig ist der Spieler. Es geht im Leben nicht um eine abstrakte Idee, sondern um die konkrete Existenz. Um das konkrete Spiel am Ball.

Im Gegensatz zu Hegel hat Kierkegaard nun allerdings ein Problem, denn die konkrete Existenz, das konkrete Spiel am Ball, gestaltet sich am Fuß weitaus schwieriger als im Kopf. Theorie und Praxis klaffen auseinander. Boateng soll hinten alles dicht machen, aber dann entwischt ihm der Gegner doch. Gomez soll vorne den Ball reinmachen, aber er köpft daneben.

Da die Spieler in der ersten (ästhetischen) Phase des Spiels aber einfach nur Lust haben, Fußball zu spielen, fällt diese Diskrepanz zwischen Idealität und Realität (zwischen Anspruch und Wirklichkeit) kaum auf.

Fallen dann aber die ersten Gegentore, schlägt in einer zweiten (ethischen) Phase die Euphorie schnell in Frustration um. Den Spielern dämmert, dass ihr Rumgebolze mit Fußball wenig zu tun hat. Im Kopf weiß Müller zwar wie man Tore schießt, aber er kriegt die Idee nicht auf den Rasen, sie wird nicht Teil seiner konkreten Existenz. Und Götze weiß im Kopf auch, dass man eigentlich nicht über den Ball stolpern darf, aber er tut es doch, und das wurmt ihn ungemein, dieser Widerspruch zwischen Sein und Sollen.

Hegel ruft hinein, das sei alles gar nicht so schlimm, denn es geht ja nicht um die Spieler, sondern um das Spiel an sich, das die Mannschaft (in einem dialektischen Prozess) schon irgendwann lernen wird; und wenn nicht diese Mannschaft, dann die nächste oder zumindest die letzte Mannschaft, die jemals das Spielfeld  betreten wird.

Kierkegaard allerdings schüttelt vehement den Kopf. Nicht um das Spiel, es geht um den Spieler, seine subjektive Existenz und das ihm je eigene Universum.

Kant mischt sich auch ein, klopft Kierkegaard väterlich auf die Schulter, meint, man müsse dann halt einsehen, dass der Spieler – dass der Mensch – aus krummen Holz geschnitzt sei, aber das hilft Kierkegaard auch nicht weiter.

Das ganze Spiel, meint Kierkegaard, macht gar keinen Sinn, wenn die Spieler etwas spielen sollen, wovon sie zwar eine Idee im Kopf haben, aber mangels Vermögen nicht spielen können.

Und deshalb, so fügt er hinzu, wird den Spielern in einer dritten (religiösen) Phase dann auch klar, dass sie dieses Dilemma alleine nicht lösen können. Sie sind auf eine höhere Instanz angewiesen, die das Vermögen hat, den Widerspruch zwischen Sein und Sollen aufzuheben. Allerdings ohne die Spieler von oben mit Forderungen zu erdrücken. Nicht also die Fifa, sondern ein Fußballgott ist gefragt, der, ganz Gott und ganz Fußballer, die Spieler von unten auf das geforderte Niveau hinaufhebt. Ein Fußballgott, in dessen Geiste die Spieler die Grenze des Möglichen durchbrechen.

Denn das haben ja auch schon ganz andere große Fußballer erkannt: Wer will, den befähigt Gott, zu können – und die Wahrheit ist immer auf dem Platz.

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Antifragilität und Gott

Noch eine Ergänzung zum letzten Beitrag. Laut dem Philosophen Karl Jaspers ist das Leben auf eine ganz existentielle Weise immer mit Schuldgefühlen verbunden, da man nicht leben kann, ohne zu verdrängen. Das heißt, wenn ich einen Weg asphaltiere, verdränge ich die Natur. Wenn sich ein Arbeitgeber für mich entscheidet, verdränge ich die Mitbewerber. Ebenso, wenn sich eine Frau für mich entscheidet. Und selbst, wenn ich nur hier sitze und schreibe, verdränge ich Naturressourcen wie Sauerstoff und Energie. Und das ganze Spiel geht früh los, denn zwar kann ich dankbar sein, die Eizelle als Erster erreicht zu haben, aber ein bisschen leid für die Mitstreiter tut es mir doch.

Bei allem Mitgefühl ist es aber laut Nassim Nicholas Taleb (Autor von „Antifragilität“) so, dass gerade diese Verdrängungsprozesse das Leben voranbringen und besser machen. Denn bin ich mir der Tatsache bewusst, dass ein Job oder eine Frau auch von anderen umworben wird, muss ich mich extrem anstrengen, ihn oder sie zu bekommen. Und führe ich ein eigenes Unternehmen, oder bin beispielsweise an einem Versandhandel für Boxspringbetten beteiligt, ist die Konkurrenz extrem groß und ich muss immer mein bestes geben, um nicht verdrängt zu werden, wovon letztendlich der Kunde profitiert.

Habe ich nun im letzten Beitrag erwähnt, dass dem Leben Ordnung zugrunde liegt und sage ich jetzt, dass es auf Verdrängung beruht, dann schließt sich das nicht unbedingt aus, sofern man Verdrängung als ordnendes Prinzip begreift. Wobei ich an dieser Stelle aufpassen muss, nicht missverstanden zu werden, denn natürlich kann Verdrängung auch Unordnung stiften. Das heißt, wenn ein Kunde bei uns sein Bett kauft und nicht bei der Konkurrenz, weil wir ihm ein gutes Bett zum fairen Preis verkaufen, dann ist das, obwohl ich einen Konkurrenten verdrängt habe, in Ordnung. Wenn er dagegen bei uns kauft, weil wir ihm Ramsch zum Billigpreis verkaufen, dann bringt das auf lange Sicht die ganze Branche in Unordnung. Letztlich ist also immer die Frage, ob Verdrängung stattfindet, weil sich jemand für den Kunden / den Partner / den Menschen / das Leben einsetzt und somit Ordnung stiftet oder gegen den Kunden / den Partner / den Menschen / das Leben handelt und somit Unordnung anrichtet.

Wie ist Verdrängung als Prinzip aber mit einem Gott in Einklang zu bringen, der das Beste für jeden Menschen will? Denn letztlich drängt jede Verdrängung irgendwen ins Unglück, zum Beispiel denjenigen, der seinen Job verliert.

Vielleicht kann man so sagen: Wer unglücklich ist, der leidet an einem Verlust, z.B. den des Jobs oder eines Menschen oder von Gesundheit. Jeder Verlust ist aber der Verlust von Beziehung (zum Job, zu einem anderen Menschen, zu sich selbst, zu seinem Körper oder zu Dingen). Da sich aber unsere Identität aus Beziehungen speist, ist ein Verlust von Beziehung gleichzeitig ein Verlust von Identität. Ist es nun aber so, dass unsere Identität im Kern durch unsere Beziehung zu Gott bestimmt wird, dann kann Verdrängung auch bedeuten, nicht ins Unglück gedrängt zu werden, sondern zu Gott hin gedrängt zu werden, um in dessen Gegenwart seine eigentliche Identität zu finden. Diese Identität wäre aber nun wiederum in diesem Sinne identitätsstiftend, als dass durch die Beziehung zu Gott alle anderen Beziehungen neu angeordnet werden.

Letztlich hat der Mensch also zwei Identitäten, eine in der Natur und eine in Gott. Während erstere allerdings vom Leben getötet und vom Tod begraben werden kann, ist zweite sicher bei Gott verwahrt. Mit Nassim Nicholas Taleb gesprochen ist das Leben in diesem Sinne tatsächlich antifragil, also nicht fragil, weil es weder vom Leben noch vom Tod zerstört werden kann, aber auch nicht stabil, weil es zwar unzerstörbar, aber nicht unantastbar ist, sondern ganz im Gegenteil sogar angetastet (beschnitten) werden muss, um überhaupt wachsen zu können.

Darf man lügen?

Langweiliger Originaltitel: Wahrheit und Ordnung

Nun ist es ja nicht so, dass ich über Wahrheit noch nie etwas geschrieben hätte, und doch zuckt ein weiterer Gedanke im Kescher, bzw. im Kurzzeitgedächtnis, weswegen ich mich beeilen will, ihn auszuschreiben. Vorwegschicken würde ich aber trotzdem gerne ein Wort von Nietzsche, der einmal meinte, dass alle Philosophie sich am Leben messen muss. Und das gilt natürlich auch für die Wahrheit als Hauptinteresse der Philosophie. Mit dem Leben ist es aber so eine Sache, denn es gibt solches und solches. Es gibt Leben, das in Ordnung und sich daher gut anfühlt, und es gibt Leben, das in Unordnung ist und sich daher schrecklich anfühlt.

Letzte Woche war ich im KZ Buchenwald, Menschen zum Erdrosseln an Haken aufzuhängen ist ganz sicher Leben, das nicht in Ordnung ist, bzw. möglicherweise die Grenze dessen, was man als Leben bezeichnen kann, schon längst überschritten hat. Zu viel Unordnung bringt den Tod; einen Entzündungsherd kann der Körper vertragen, aber ist der ganze Körper entzündet, stirbt er irgendwann.

Ist Ordnung also eine Grundbedingung des Lebens, könnte man vielleicht sagen, dass es die wesentliche Funktion von Wahrheit ist, Ordnung herzustellen, das Leben also zu ordnen. Grammatik ist dabei insofern wahr, wenn sie das Verhältnis der Satzteile logisch ordnet. Sprache ist insofern wahr, wenn sie das Verhältnis der Dinge logisch ordnet.

Wahrheit ist aber nun nicht nur ein logischer Begriff, sondern vor allem ein moralischer, wobei das Prinzip vermutlich gleich ist. Das heißt, ebenso wie Sprache dient auch Moral dazu, die Wirklichkeit zu ordnen und damit das Leben zu fördern. Und ebenso wie die Sprache muss auch die Moral in Ordnung sein (also so gesehen eine moralische Grammatik besitzen), um überhaupt die Wirklichkeit ordnen zu können. Was passiert, wenn sie es nicht ist, sieht man beispielsweise im erwähnten KZ Buchenwald oder aktuell an den Machenschaften des IS.

Wenn Wahrheit aber dazu da ist, das Leben in Ordnung zu bringen, dann würde ich Kant widersprechen, dass man auf gar keinen Fall lügen darf, also auch nicht, wenn man in Nazideutschland Juden versteckt hält und diesbezüglich die Gestapo anlügt. Streng genommen würde man, wenigstens nach meiner Logik, sogar die Wahrheit sagen, bzw. zwar lügen, aber im Sinne der Wahrheit, da man Unrecht und damit Unordnung aufhalten und folglich das Leben fördern würde. Hinter dem Satz „Nein, ich habe keine Juden versteckt“ stünde also die Illokution (Intention): „Ja, ich habe Juden versteckt, aber um das Leben zu beschützen, werde ich dir Arschloch dies nicht verraten.“

Ist nun Jesus die Wahrheit in Person, dann ist er selbst in Ordnung und nur daher auch in der Lage, die Welt in Ordnung zu bringen. Sagt Platon lange vor Jesus, dass in einer ungerechten Welt der Gerechte unweigerlich aufgeknüpft wird, dann musste Jesus sterben, weil eine Welt, die sich an die Unordnung bereits so sehr gewöhnt hat, dass sie Unordnung mit Ordnung verwechselt, von einem Menschen, der in Ordnung ist, denken muss, dass er nicht in Ordnung ist und somit nur Chaos stiftet.

Gedanken über den Tod

Wenn jemand stirbt, dann klingt das ja immer so nett: In Gedanken lebt er weiter! Aber richtig tröstlich ist das nicht, finde ich, denn letztlich sind es nicht seine, sondern meine Gedanken, in denen er, wenn man so will, weiterlebt. Und da ich selbst sterblich bin, sind auch meine Gedanken, ist jede Erinnerung, endlich. Und das ist der Punkt: Wir sind endlich. Oder wie Hegel es definiert: Wir sind endlich, weil etwas außerhalb unser selbst existiert, das uns begrenzt. Und dieses Außerhalb fängt früher an als man denkt. Die Heizung ist aus, meine Finger sind kalt. Ich würde schneller schreiben wollen, kann es aber nicht; meine Finger begrenzen mich.

Gott dagegen ist anders. Gott ist auch Person, denn auch er hat ein Innen und Außen. Aber das Außen begrenzt ihn nicht. Wollen wir etwas, dann reicht es nicht, dass wir es denken, wir müssen es uns mühsam erarbeiten. Will ich warme Finger haben, dann genügt es nicht, dass ich an warme Finger denke, ich muss mir Handschuhe anziehen, bzw. erst einmal welche stricken. Die Materie begrenzt uns. Indem wir sie formen, setzen wir die Grenzen immer wieder neu.

Wenn Gott dagegen etwas will und es denkt, dann ist es. Das gewollte Mögliche ist bei ihm das Wirkliche. Indem er spricht, ruft er ins Leben. Natürlich kann Gott nicht alles, das verbietet bereits die Logik. Gott kann aus Zwei und Zwei nicht Fünf machen. Er kann auch keine Fünfe gerade sein lassen. Aber einen Toten auferwecken, kraft seiner Gedanken; wenn er es will, dann kann er das.

Was nach dem Tod also bleibt, ist die Erinnerung. Die Erinnerung Gottes. Sein Gedanke an mich. Weil Gott aber unendlich ist und daher nicht von einem Außen begrenzt wird, ist seine Erinnerung von anderer Natur. Wir sind endlich, unsere Erinnerung formt sich aus der Außenperspektive. Wir können einander begegnen, können uns mitteilen, aber bleiben uns doch verschlossen. Gott hingegen kennt diese Außengrenze nicht; er schaut uns nicht vor den Kopf, er sieht ins Herz. Weil er uns aber besser kennt als wir uns selbst, ist seine Erinnerung an uns nicht fragmentiert; unsere vollständige Identität ruht in ihm. Sterben wir daher, dann lösen wir uns nicht auf, sondern wir gehen zugrunde; wir gehen in den Grund ein, der uns hervorgebracht hat; der uns wollte und will und in dem wir daher nicht nur Möglichkeit, sondern Wirklichkeit sind.

Weil uns Gott aber nicht nur als Mensch, als Einzelwesen, sondern als Menschen, als Gemeinschaftswesen, will, bedarf es auch nach dem Tod irgendeiner Form von Materie. Denn würden wir als Geist, als reines Ich-Bewusstsein weiterexistieren, dann gebe es nur noch Subjekte, nur noch Ich-Perspektiven, aber keine Objekte und somit auch kein Du. Materie ist das Medium der Intersubjektivität, sagt der Philosoph Holm Tetens. Ohne Materie, ohne etwas, das dem Geist eine Form gibt, stecken wir im Ich fest; wir bleiben auf uns selbst bezogen, von allen anderen isoliert.

Gemeinschaft, eine Beziehung zwischen Ich und Du, ist also nur um den Preis der Abgrenzung zu haben. Nur also, wenn ich endlich bin, wenn ich von einem Außen, einem Du, begrenzt werde, kann ich Gemeinschaft haben. Endlich ist das Leben also immer, selbst wenn es ewig ist, denn mein Ich endet an der Grenze des Anderen.

Diese Grenze zum Anderen bedrückt uns aber umso mehr, als dass der Andere nicht nur der Andere, sondern immer auch der Fremde ist. Denn der Andere, das ist der, der meinen Hunger stillt, es ist aber auch der, der mich verhungern lässt. Was uns befremdet, ist nicht die verschlossene Tür, sondern die Unsicherheit, nicht wissen zu können, was sich hinter dieser Tür verbirgt; Gutes oder Böses?

Wenn Gott also den Menschen will, wenn er mich und den Anderen will, aber ich den Anderen nicht will und er mich auch nicht, dann stellen wir uns Gott entgegen und das von Gott gewollte Leben kann nicht funktionieren. Ein Ich und ein Du kann es daher nur geben, wenn in dem Ich und Du derselbe Wille regiert; wenn hinter der verschlossenen Tür auf beiden Seiten der Geist Gottes weht. Weil das, was Gott will, aber immer auch eintritt, kann der Tod nicht das letzte Wort haben, denn wäre mit dem Tod alles vorbei, dann würde der Mensch, dann würde die Menschheit unversöhnt sterben und ein gemeinsames Leben im selben Geist und Willen nur Utopie bleiben.

Sind wir also (materialisierte) Gedanken Gottes, dann hat sich Gott scheinbar willentlich dazu entschieden, sich selbst zu begrenzen, indem er uns mit einem freien Willen ausstattet, der sich für oder gegen ihn entscheiden kann. Wenn man so will, ist Gottes Konflikt also, dass er einen anderen Willen außerhalb seiner selbst will, der Gottes Willen wollen soll, was die Möglichkeit inkludiert, weil es ein eigenständiger Wille ist, dass er Gottes Willen nicht will. Da es aber Gottes Wille ist, dass sein Wille gewollt wird, und weil das, was Gott will, immer auch passiert, gibt es nur die eine Möglichkeit: dass zum Schluss der Mensch das will, was Gott will. Eschatologisch löst sich dieser Konflikt (aus christlicher Perspektive), indem Gott sich selbst zum (materialisierten) Gedanken wird, um als Mensch den Willen Gottes zu wollen.

Moral: Nietzsche, Kant und Jesus im Zwiegespräch

Nietzsche hatte versucht nachzuweisen, dass der Mensch im engeren Sinne gar kein moralisches Wesen ist, da jede seiner Handlungen, wenn man nur genau hinsieht, egoistischen Motiven entspringt. D.h. begleite ich eine alte Dame über die Straße, dann tue ich dies nach Nietzsche nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern ich hoffe auf eine Belohnung – und sei es, von den Umstehenden für meine gute Tat bewundert zu werden.

Kant würde dem wahrscheinlich entgegnen, dass es gar nicht so entscheidend ist, ob ein Mensch wirklich (zu hundert Prozent) moralisch handelt – entscheidend ist lediglich, dass er moralisch handeln soll. Denn stellt man Letzteres in Frage, dann stellt man damit das Menschsein selbst in Frage. Wäre das Leben also ein Dartspiel und ginge es darum, auf der Dartscheibe die rote Mitte zu treffen, dann wäre es fatal, die rote Mitte deswegen von der Dartscheibe entfernen zu wollen, weil sie noch nie jemand getroffen hat. Denn ohne rote Mitte würde dem Spiel das richtungsgebende Ziel abhandenkommen, welches die Spieler, wenngleich noch nie getroffen, bisher immerhin anvisiert hätten. Statt also wenigstens in der Nähe der roten Mitte einzuschlagen, würden die Pfeile auf einer Dartscheibe ohne rote Mitte irgendwo landen, bzw. dramatisch oft dort, wo sie auf gar keinen Fall landen dürfen.

Jesus hätte Nietzsche hingegen wahrscheinlich geantwortet, dass er völlig Recht habe und moralisches Handeln tatsächlich immer an egoistischen Motiven hängt. D.h. handelt der Mensch deswegen moralisch, weil er die Fähigkeit besitzt zu lieben und besitzt er die Fähigkeit deshalb, weil er geliebt wird, dann ist sein Wunsch, geliebt zu werden, zwar ein egoistisches, aber ein notwendiges Motiv für moralisches Handeln.

Nietzsche würde dem möglicherweise widersprechen und behaupten, dass es nicht der Wunsch sei, geliebt zu werden, der den Menschen antreibt, sondern sein naturgegebenes Streben nach Macht. D.h. wie es bei Pflanzen und Tieren ganz normal ist, dass sie ihren Lebensraum erweitern und dabei andere Pflanzen und Tiere verdrängen, so ist auch der Mensch darauf aus, seinen Geltungsbereich  und damit seinen Machtradius immer weiter auszudehnen.

Jesus würde darauf vielleicht ganz diplomatisch antworten, dass an dem Streben nach Macht möglicherweise etwas dran sei, aber man den Menschen dennoch nicht mit Pflanzen und Tieren vergleichen darf, da er von dieser Lebensebene weit entfernt ist (sich weit entfernt hat!, würde Darwin hereinrufen). D.h. genauso wie Menschen auch nicht ihre Neugeborenen auffressen, ist der Mensch um seines Menschseins willen dazu angehalten, das Streben nach Macht, welches ja immer auf Kosten der Anderen geht, aufzugeben. Letztlich, würde Jesus dann vielleicht sagen, hat der Mensch seine Identität nicht (mehr!, würde Darwin ergänzen) in der Natur, sondern in Gott. Soll der Mensch aber nicht die Natur, sondern Gott nachahmen, dann liegt es an Gott, ihm das nachzuahmende Verhalten vorzumachen. Daher wäre er Mensch geworden, würde Jesus dann eventuell fortfahren, nicht um sich die Füße waschen zu lassen, sondern um anderen die Füße zu waschen.

Nietzsche wäre wahrscheinlich nicht ganz einsichtig, und würde behaupten, dass auch hinter dem „Füße waschen“ niedere egoistische Motive stecken, z.B. dasjenige, andere Menschen durch gute, scheinbar demütige Taten emotional aufzuweichen und auf diese Weise gefügig zu machen.

Jesus würde wohl zugeben, dass man moralisches Verhalten in der Tat nicht beweisen kann, da immer nur die Handlung, aber nicht das Handlungsmotiv offenkundig ist. Aus dem gleichen Grund gebe es aber auch keinen Beweis dafür, dass jemand nicht moralisch handelt, weswegen es unklug wäre, diese Möglichkeit von vornherein auszuschließen. Wenn also jemand freiwillig seine Macht aufgibt und ohnmächtig am Kreuz stirbt, dann spricht manches dafür, dass er nach etwas Anderem strebt als nach Macht.

Aber wie schon gesagt, würde Jesus dann vielleicht ergänzen, wäre er auch nicht bedingungslos am Kreuz gestorben, sondern die Bedingung war, sich von seinem Vater geliebt zu wissen. Denn wer geliebt wird, der gilt etwas. Und wer etwas gilt, hat es gar nicht nötig, ständig seinen Geltungsbereich vergrößern zu müssen – sondern ganz im Gegenteil, der hat die Freiheit, ihn aufzugeben.

Ethik – was sollen wir tun?

Um meine Erinnerung wachzuhalten, ein paar einleitende Sätze zur Ethik. Gemeinhin unterscheidet man zwischen drei Ansätzen, die das Spektrum der Moralphilosophie nahezu vollständig abdecken. Erstens die Tugendethik, zweitens die deontologische Ethik und drittens die teleologische Ethik. Steht in der Tugendethik der Handelnde im Mittelpunkt, ist es bei der deontologischen Ethik die Handlung und bei der teleologischen Ethik die Handlungsfolge.

Tugendethik

Nach der Tugendethik, die auf Aristoteles zurückgeht und von den Kirchenvätern verfeinert, bzw. „verchristlicht“ wurde, handeln wir moralisch korrekt, wenn wir tugendhaft handeln, also gemäß den vier antiken Kardinaltugenden gerecht, besonnen, mutig und weise. Die Tugendethik ist in diesem Sinne keine funktionale Ethik, die das gesellschaftliche Leben regelt, sondern sie ist eine Individualethik, deren Aufgabe darin besteht, den Einzelnen besser, tugendhafter und somit insgesamt menschlicher zu machen. Aber selbst wenn die Tugendethik nicht die Gesellschaft als Ganzes im Auge hat, sondern den einzelnen Menschen, der um seiner selbst willen menschlich sein soll, ist es im Endeffekt doch die Gesellschaft, die von der Tugendhaftigkeit und Charakterstärke ihrer Mitglieder profitiert.

Deontologische Ethik

Nach der deontologischen Ethik, die auf Kant zurückgeht, handeln wir moralisch korrekt, wenn die Handlung selbst moralisch ist. D.h. weil wir in einer moralischen Welt leben, besteht die Lebenskunst darin, mit der Moral, die Kant als gegeben voraussetzt, übereinzustimmen. Wenn wir aber mit dem moralisch Gebotenen übereinstimmen, dann handeln wir nicht nur moralisch, sondern gleichzeitig auch frei. D.h. gemäß dem kategorischen Imperativ (Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit die Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnten) sollen wir etwas tun, z.B. dem Bettler Geld geben. Geht es nach uns, wollen wir ihm aber vielleicht gar nichts geben. Und zudem zwingt uns auch keiner, ihm etwas zu geben, d.h. eigentlich müssen wir ihm nichts geben. Aber da wir spüren, dass es moralisch geboten ist, ihm etwas zu geben, handeln wir frei, wenn wir diesem moralischen Gespür nachgeben und uns somit aus freien Stücken, ohne dass wir von außen dazu gezwungen werden, über unsere innere Triebfeder (in diesem Fall Geiz) hinwegsetzen. Wirklich frei sind wir demnach also, wenn wir etwas tun sollen, was wir weder tun wollen noch tun müssen.

Teleologische Ethik

Bei der teleologischen Ethik schließlich handeln wir moralisch korrekt, wenn die Handlungsfolge moralisch ist, insofern sie allen Beteiligten zum Guten dient. D.h. weil sie nicht nur mir selbst und auch nicht nur den Anderen zum Guten dienen soll, ist immer abzuwägen, welche Handlung sich am Günstigsten auf die Gesamtsituation auswirkt. Die bekannteste teleologische Morallehre ist sicherlich der Utilitarismus, wobei man diesen noch einmal in Handlungsutilitarismus und Regelutilitarismus aufteilt. Während man beim Handlungsutilitarismus für jede einzelne Handlung zu entscheiden hat, ob sie das für alle Beteiligten größtmögliche Glück fördert, empfiehlt der Regelutilitarismus, allgemeine Regeln aufzustellen, die man deduktiv auf die einzelnen Handlungen anwenden kann. Alltagstauglicher ist somit sicherlich der Regelutilitarismus, moralisch präziser der Handlungsutilitarismus, da Moral eben immer auch von den individuellen Bedingungen der Situation abhängt. Und hier schließt sich der Kreis zur Tugendethik, denn um in einer konkreten Situation überhaupt das moralisch Gebotene tun zu können, bedarf es einer guten moralischen Intuition, die wiederum auf (eingeübten) Individualqualitäten wie Tugendhaftigkeit und Charakterstärke beruht.

Was können wir wissen? Kant und die Dreieinigkeit Gottes

Die erkenntnistheoretische Antwort auf Kants Transzendentalphilosophie ist m.E. die Dreieinigkeit Gottes. Denn natürlich ist es wahr, dass wir Gott nicht denken können, weil unser Denken an Zeit und Raum gebunden ist. Und natürlich nehmen wir die Welt nicht so wahr wie sie ist, sondern nur so, wie sie uns vorkommt. D.h. wir können uns kein objektives Bild von der Welt machen, da alles, was sich in der Welt befindet, erst einmal unsere Sinne durchlaufen muss und  anschließend mithilfe unseres Denkvermögens subjektiv interpretiert wird. Farben zum Beispiel. Farben kommen in der Welt nicht vor, sondern wir sind es, die den Sinneseindruck interpretieren und als Farbe in die Welt hineinlesen. Wem nun mehr Wirklichkeit innewohnt, der farblosen Welt oder unserer gefärbten Wahrnehmung, ist schwer zu sagen; zumindest für uns selbst ist die subjektive Wirklichkeit wirklicher als die Wirklichkeit da draußen, was ja auch schon deshalb so sein muss, weil sie mehr in uns bewirkt, z.B. das Gefühl der Erhabenheit, wenn wir einen roten Sonnenuntergang sehen.

Das Problem aber, dass wir Gott nicht erkennen können, weil unser Denken an Raum und Zeit gebunden ist, das ist im christlichen Glauben insofern gelöst, als dass Gott in Raum und Zeit – in der Person Jesus Christus – Wirklichkeit geworden ist. Was wir demnach von Gott wissen können, ist das, was am Menschen Jesus sichtbar wird.

Und das Problem, dass uns die objektive Welt verschlossen ist, weil wir sie nur subjektiv oder höchstens intersubjektiv (durch Austausch mit anderen Menschen) erfahren, ist im christlichen Glauben insofern gelöst, als dass Gott durch den Heiligen Geist in uns wohnt und wir somit einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben. D.h. Gott umgeht unsere natürlichen Sinne und klingt sich auf übernatürliche Weise direkt in unser Denken ein, weiß Gott, wie er das macht. Und das ist keine Floskel, denn tatsächlich weiß nur Gott, wie er das macht. D.h. weil wir nach wir vor in Raum und Zeit verhaftet sind, hört unsere Wahrnehmung an der Schwelle zum Raum- und Zeitlosen auf und wir können zwar feststellen, dass Gott in der Welt und in uns wirkt, aber wir können uns das nicht erklären; wir können höchstens in der Evidenz seines Wirkens einen Hinweis darauf entdecken, dass seine Wirklichkeit in unserer Wirklichkeit wirkmächtig und daher wirklich ist.

Wohnt Gott aber in uns, dann stellt sich das Problem, dass wir nicht zwischen uns und ihm – zwischen dem, was wir selbst denken und dem, was er in unser Denken hineinlegt – trennscharf unterscheiden können. Dies allerdings birgt zwei große Gefahren. Erstens, Gott in der Form misszuverstehen, dass man sein Reden mit dem eigenen inneren Monolog verwechselt. Und zweitens, Gott in der Form zu missbrauchen, dass man so tut, als hätte er geredet, um damit dem eigenen Reden Gewicht zu verleihen. Beide Gefahren umgeht man m.E., indem man Gott trinitarisch denkt, bzw. das Reden des Heiligen Geistes an das Reden vom Sohn koppelt. Der Heilige Geist redet also nicht kraft seiner selbst und über sich, sondern kraft des Vaters und über den Sohn. Führt er uns, wie Jesus das formuliert, in alle Wahrheit, dann ist es seine Aufgabe, das Reden und Handeln Jesu von falschen und subjektiven Interpretationsweisen zu bereinigen und uns gleichzeitig zu helfen, die göttlich-objektiven Wahrheiten auf unsere subjektive Erfahrungswelt herunterzubrechen.

Über den Utilitarismus und fettige Fritten

Danach gefragt, welche die führende Moralphilosophie dieser Zeit  ist, würde ich sagen, hoch im Kurs steht momentan eine Mischung aus Utilitarismus und Kontraktualismus.

Laut Utilitarismus ist alles gut und erlaubt, was nützlich ist, wobei etwas nützlich ist, wenn es das persönliche und gesamtgesellschaftliche Glück fördert. Dieses Glück, und das war klassischen Moralphilosophen wie Jeremy Bentham oder John Stuart Mill, die den Utilitarismus überhaupt erst aus der Taufe gehoben haben, sehr wichtig zu betonen, ist aber kein „Schweineglück“, sondern von der Sorte Glück, die auf Tugend und Vernunft aufbaut. Dauerhaft glücklich macht also demgemäß nicht das, was naheliegt, sondern das, was sich der Mensch erarbeiten muss. Nicht also das Sofa, sondern das Laufband;  nicht RTL2, sondern vielleicht eher 3Sat; und auch nicht One-Hit-Wonder-Radio-Gedudel, sondern meinetwegen Steven Wilson; Musik also, für die man sich Zeit nehmen und die man sich erst einmal mühevoll aneignen muss.

Warum aber Leute dennoch sagen, RTL2 macht viel mehr Spaß als 3Sat, dazu würde Mill sagen, dass jemand, der auf Frauentausch gepolt ist, das Glück einer wirklich guten Dokumentation überhaupt nicht nachvollziehen kann und daher unwillkürlich davon ausgehen muss, dass Frauentausch das Maß aller Dinge ist.

Vergleiche ich nun aber die Quote von RTL2 mit der Quote von 3Sat oder die Auflage von BILD mit der Auflage von FAZ oder SZ, dann würde ich an diesem Punkt behaupten wollen, dass der Utilitarismus, so wie ihn ein John Stuart Mill geprägt hat, nicht mehr ganz den Puls der Zeit trifft, da der Trend jetzt irgendwie doch in Richtung Schweineglück geht.

Und an dieser Stelle kommt nun auch der Kontraktualismus ins Spiel, der die Moral, bzw. das, was man tun und lassen soll, nicht von irgendwelchen gesamtgesellschaftlichen Normen abhängig macht, sondern es den situationsbedingten zwischenmenschlichen Vereinbarungen überlässt, was richtig und falsch ist. Einigen sich also zwei Leute darauf, dieses oder jenes zu tun, und vollzieht sich die Einigung nicht unter Zwang, sondern freiwillig, und kommt auch kein Dritter zu Schaden, dann könnte man das, was die beiden vorhaben, moralisch absegnen. Oder wenigstens könnte man das laut Kontraktualismus; ich selber habe da so meine Zweifel, insbesondere daran, inwiefern der Mensch überhaupt zurechnungsfähig ist und es vermag, die Folgen seines Handelns für sich und andere richtig einzuschätzen. Und daher, und weil ich mir denke, dass der Mensch ein Herdentier ist, halte ich den Kontraktualismus sogar für ein ziemlich gefährliches Moralsystem, denn letztlich ist es wie es ist: bei McDonalds schmeckt`s halt prima und wenn sich alle das Zeug reinpfeifen, kann es so ungesund schon nicht sein.

Auf der Suche nach Wahrheit

Dass es mit der Wahrheit so eine Sache ist, sieht man ja schon daran, dass ich sagen könnte, der Mensch ist eine Fett-Eiweiß-Verbindung und damit zwar Recht hätte, aber den Punkt irgendwie auch nicht richtig treffen würde; mal ganz davon abgesehen, welchen Ärger ich mir damit bei gewissen Frauen einheimsen könnte: „Was soll ich sein? Eine Fett-Verbindung? Du Arschloch!“ Und Klatsch. Wobei, im Fitnessstudio, unter den Jungs, käme so was wahrscheinlich sogar ganz gut an. „Alter im Ernst, ne` Eiweiß-Verbindung? Is` ja geil. Dann mal ran an die Geräte!“

Es wird deutlich, dass sich bei der Suche nach Wahrheit mindestens zwei Probleme auftun. Erstens hängt das, was hinten rauskommt, immer davon ab, was man vorne reinsteckt (auf einmal habe ich Hunger), die Antwort also davon ab, welche Frage man stellt. Und zweitens hört man sowieso nur das, was man hören will oder kann. Bestünde die Antwort auf alles also aus einer mathematischen Formel, würde ich als Mathe-Noob nur wohlwollend nicken können, aber, insofern andere Zeichen als Plus und Minus im Spiel sind, wahrscheinlich kein Wort verstehen.

Erschwerend kommt bei der Suche nach Wahrheit hinzu, dass man schon alles bedenken und hierfür alles wissen müsste, um überhaupt eine adäquate Antwort zu geben. Ansonsten bleibt es bei Popper und der Mensch kann immer nur sagen, was Wahrheit nicht ist, nicht aber, was Wahrheit ist.

Alles bedenken und alles wissen, das aber kann nur einer, Gott, und insofern wäre er die Wahrheit schlechthin. Das Problem ist nur, Gott ist absolut und der Mensch tut sich als relatives Wesen gewöhnlich ziemlich schwer damit, das Absolute zu denken. Wenn nun aber Jesus daherkommt und sagt „Ich bin die Wahrheit“, dann unterstreicht dies nicht nur seinen göttlichen Ursprung, sondern dann will er damit wohl auch betonen, dass er ist es, der Gott und Mensch verbindet; die ewigen Wahrheiten also auf unser endliches Niveau herunterbricht.

Und noch etwas will er wahrscheinlich sagen: Er ist es, dessen Antwort angemessen ist; die also genau die richtige Passgröße hat. Denn Wahrheit ist nichts, was man mit der Gießkanne ausschüttet, sondern wahr ist eine Antwort immer nur, wenn sie die subjektive Frage beantwortet. Und hierfür ist etwas mehr nötig als Wissen und Vernunft; darüber hinaus nämlich auch die Fähigkeit einer größtmöglichen Empathie, um sich in den anderen hineinversetzen und somit überhaupt die Frage und deren subjektive Intention erfassen zu können. Und zusätzlich natürlich eine größtmögliche moralische Integrität, denn genauso wie der Mensch nicht nur ein rationales, sondern auch ein moralisches Wesen ist, so ist Wahrheit nicht nur eine rationale, sondern auch eine moralische Größe, die dem Guten verpflichtet ist. Das heißt, weil wir in einem moralischen Universum leben, ist es schon intuitiv nicht wahr, dass Hitler gut und Mutter Theresa böse ist. Und so gesehen muss auch eine Antwort, will sie wahr sein, es auch immer gut mit dem Fragesteller meinen.

Hat die eigene Frau also um Weihnachten herum 5kg zugenommen, dann lautet die adäquate Antwort auf die Frage „Wie sehe ich aus?“ eben nicht „Du bist ganz schön fett geworden!“, sondern vielleicht eher „Ich liebe dich und je mehr es von dir gibt, desto besser!“ Aber auch diese Antwort wäre tatsächlich nicht adäquat, denn durch Schmeicheln lösen sich die Kilos zu viel ja nicht in Luft auf. (Ich merke gerade, ich bewege mich auf ganz dünnem Eis). Wenn also jemand dank übermäßigem Süßigkeitenkonsum, sagen wir, 100kg zunimmt und schon kurz vorm Herzinfarkt steht, dann hilft es nichts zu sagen: „Ich liebe dich, mach genauso weiter!“, sondern dann wäre es angemessen, die Person in aller Liebe auf das gesundheitliche Risiko hinzuweisen.

Die Betonung dabei liegt allerdings auf „In aller Liebe“, denn es gibt einen großen Unterschied zwischen „Etwas Liebes sagen“ und „Etwas in Liebe sagen“. Und genauso gibt es einen Unterschied zwischen „Etwas Wahres sagen“ und „Etwas in Wahrheit sagen“. Und wieder einmal bin ich bei Erich Fromm, denn Liebe und und Wahrheit, die kann man nicht einfach besitzen, sondern das sind Seinszustände, in die man hineinwachsen muss. Wenn also der Mensch ohne Gott verloren geht, dann wäre es lieblos, das nicht zu erwähnen, aber auf einem anderen Blatt steht, wie man es sagt. Und in diesem Sinne wäre es, egal, ob sich das wirklich so zugetragen hat oder nicht, dann auch nicht besonders hilfreich, wenn der Pastor bei der Beerdigung auf den Sarg klopft und in die Runde ruft: „Hört ihr, er brennt schon!“

Hängt, wie gesagt, die Wahrheit aber nicht nur von der Angemessenheit der Antwort, sondern auch von der Angemessenheit der Frage ab und ist der Mensch im Allgemeinen nicht besonders gut darin, angemessene Fragen zu stellen, dann würde ich vermuten, dass sich Gott gar nicht groß von unseren Fragen abhängig macht, sondern selbst die Initiative ergreift und uns die eine wesentliche Frage stellt, auf die wir zu antworten haben. Und die eine wesentliche Frage, auf die wir zu antworten haben und in deren Beantwortung sich Wahrheit heraus kristallisiert, ich würde meinen, diese Frage lautet: „Petrus, oder wer auch immer, der Name ist austauschbar, liebst du mich?“

Gott und die Wissenschaft

Summa summarum sieht es für den Verbleib Gottes in der Wissenschaft gar nicht so schlecht aus. Jedenfalls weit besser als noch vor, sagen wir, 200 Jahren, wo man sich wenigstens in bestimmten Kreisen ziemlich schwer tat, weiter an ihm festzuhalten. Oder wie meinte der Physiker Laplace noch mal zu Kaiser Napoleon? „Gott? Ich brauche diese Hypothese nicht mehr! Gott und die Wissenschaft weiterlesen