Warum ich an Gott glaube – ein Interview

Wieder einmal war es an der Zeit, mich mit mir zusammenzusetzen, diesmal, um über den Glauben an Gott ins Gespräch zu kommen.

Frage-Ich: Alexander, lass uns über deinen Glauben reden.

Antwort-Ich: Schwierig.

F: Wieso schwierig?

A: Es ist schwierig, das Unfassbare in Worte zu fassen.

F: Du kannst nicht in Worte fassen, woran du glaubst?

A: Ich kann Gründe angeben. Aber hinter all den Gründen verbirgt sich etwas, das nur mir, und das auch nur in seltenen Momenten zugänglich ist; ein Sehen ins Unsichtbare hinein, wenn man so will; ein Gefühl von Mehr, von Ewigkeit, davon, dass Gott da ist und ich in ihm aufgehoben bin.

F: Und dieses Gefühl ist selten?

A: Leider ja, leider gibt es so viele Gewohnheitsgefühle, die dem Außergewöhnlichen den Platz rauben; Hunger zum Beispiel, Müdigkeit, Stress, Trägheit oder das Gefühl, dass Dortmund doch noch Meister wird.

F: Das heißt, der Alltag steht dem Glauben im Weg?

A: So würde ich das nicht ausdrücken, ich würde eher sagen, dass wir uns an das Leben gewöhnt haben und die Macht der Gewohnheit uns dazu zwingt, es einfach hinzunehmen, abzuarbeiten, aber nicht mehr zu hinterfragen und auch im Alltäglichen offen für das Ungewöhnliche zu sein.

F: Dann lass uns jetzt, wo wir hier beim sonntäglichen Tee so gemütlich beieinander sitzen, die Gelegenheit nutzen, das Ungewöhnliche doch noch zu fassen zu kriegen, ich frag daher noch einmal konkret, woran glaubst du?

A: Ohne dir das Heft aus der Hand nehmen zu wollen, vielleicht sollte man zunächst einmal fragen, unter welchen Bedingungen ich überhaupt bereit bin, an etwas zu glauben.

F: Meinetwegen, unter welchen Bedingungen bist du bereit, überhaupt an etwas zu glauben?

A: Oder noch besser, vielleicht sollte man damit anfangen zu fragen, unter welchen Bedingungen ich nicht glauben würde.

F: Wie du meinst, also?

A: Also was?

F: Unter welchen Bedingungen würdest du nicht glauben?

A: Schön, dass du fragst, zum Beispiel unter denen, dass Gott nur das abstrakte Resultat einer Denkanstrengung oder eines Gefühls wäre, das ich in mir trage. Das wäre mir zu wenig, um darauf mein Leben aufzubauen. Zudem mein Denken und meine Gefühle mich oft genug in die Irre leiten. Nein, wenn es einen Gott gibt, an den ich glauben soll, dann kommt er um eine Selbstoffenbarung nicht herum.

F: Aber angenommen, Gott würde sich uns tatsächlich offenbaren, dann erleben wir dies, mit Kant gesprochen, ja nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar über unsere Sinne, Gedanken und Gefühle. Das heißt, wir sind auch in diesem Fall von unseren Gedanken und Gefühlen abhängig, die uns täuschen können.

A: Das ist richtig, jedoch ist es ein Unterschied, Gott lediglich zu denken ober über Gott nachzudenken. Das heißt, erst wenn sich Gott offenbart, steht eine konkrete Wahrheit im Raum, die ich mit meinen Mensch gegebenen Mitteln überprüfen kann. Ebenso ist es ja auch ein Unterschied, an UFOs zu glauben oder plötzlich ein notgelandetes UFO im Garten stehen zu haben und entscheiden zu müssen, ob dieses untertassenförmige Gebilde tatsächlich ein UFO ist.

F: Verstehe. Nur mit UFOs ist es ja meistens so, dass UFO-gläubige Personen nur irgendein flackerndes Licht am Himmel sehen müssen und schon davon überzeugt sind, wieder einmal eine Begegnung der dritten Art gehabt zu haben. Es hängt also vom Interpretationsrahmen ab. Glaube ich an UFOs, dann sehe ich überall UFOs. Glaube ich an Gott, dann sehe ich überall Gott.

A: Da muss sich natürlich jeder selbst fragen, wie überzeugend die eigenen Überzeugungen und Vorannahmen sind. Bezogen auf Gott würde ich schon sagen, dass es nicht nur gute Gründe dafür gibt, dass Gott existiert, sondern auch gute Gründe, dass Gott, sofern er existiert, an einer Selbstoffenbarung gelegen ist.

F: Und welche Gründe wären das?

A: Zunächst einmal würde ich mit Karl Rahner sagen: Von nichts kommt nichts. Weil die Natur aber nicht nur sächlich, sondern auch personal ist und somit Eigenschaften wie Vernunft und Liebe beinhaltet, würde ich induktiv annehmen, dass die Natur nicht nur von einem Gott geschaffen ist, sondern dass dieser Gott ebenso ein personales Wesen ist. Egal also, wer Gott ist, wenn er die Welt geschaffen hat, darf er nicht weniger sein als die Welt; nicht weniger also als Person, Vernunft und Liebe.

F: Und weil du davon ausgehst, dass Gott Person ist und dass der Mensch Person ist, schließt du daraus, dass Gott und Mensch „beziehungskompatibel“ sind und die Welt daher auf eine Selbstoffenbarung Gottes ausgelegt ist.

A: So könnte man das ausdrücken, ja; vielleicht mit dem Zusatz, dass Gott meinem Verständnis nach ja nicht nur Person, sondern Liebe ist, also Liebe in Person, wobei Liebe nie für sich bleibt, sondern immer die Nähe des Anderen, des Geliebten sucht.

F: Wie aber soll ich mir vorstellen, dass Gott sich selbst offenbart? Denn wenn ich das richtig sehe, hat er, wenn er die Welt geschaffen hat, und die Ursache größer ist als die Wirkung, keinen Platz in der Welt, ebenso wenig wie der Eiffelturm hier in diesem Zimmer Platz finden würde. Wo und wie findet also die Selbstoffenbarung statt?

A: Nun, hat Gott die Welt geschaffen, dann hat er auch die Endlichkeit geschaffen und ist somit selbst unendlich. Definiert man den Menschen als endliches Wesen aber so, dass es etwas gibt, das ihn begrenzt, dann gibt es für Gott als unendliches Wesen nichts, das ihn begrenzt. In diesem Sinne steht er als Schöpfer einerseits über der Schöpfung, aber durchdringt sie andererseits auch, da auch die Schöpfung ihn nicht begrenzt. Einen Zuschauergott, wie ihn der Deismus annimmt, kann es also so gesehen nicht geben. Wenn er aber alles durchdringt, dann kann er sich auch theoretisch in allem offenbaren.

F: Das heißt, Gott offenbart sich in der Schöpfung, in der Natur?

A: Die Schöpfung zeugt von einem Schöpfer, aber wenn sich Gott explizit offenbart, dann findet, weil er Person ist, eine Ansprache statt. In der Bibel finden sich hierfür Bilder wie zum Beispiel der brennende Dornbusch oder der rauchende Berg, aus oder auf dem Gott spricht.

F: Und wenn Gott spricht?

A: Es hat wahrscheinlich seinen Grund, dass die Ansprache Gottes in der Bibel oft mit einem „Du sollst!“ verbunden ist. Denn ist Gott wirklich an einer Beziehung zum Menschen gelegen, und beruht Beziehung auf einer gegenseitigen freiheitlichen Entscheidung füreinander, dann muss Gott den Menschen zunächst einmal zur Freiheit befähigen. Dies tut er, indem er Gebote aufstellt, die der Mensch befolgen soll, und ihn dadurch zur Mündigkeit erzieht. Frei handelt der Mensch also nicht, wenn er so darf wie er will, denn dann wäre er Sklave seiner selbst. Frei handelt er auch nicht, indem er so muss wie Gott will, denn dann wäre er Sklave Gottes. Wirklich frei handelt er, wenn er etwas tut, was er vielleicht gar nicht tun will, aber insgeheim weiß, dass er es tun sollte.

F: Verstehe ich nicht, bitte noch einmal.

A: Naja, wärst du nicht ein zugegebenermaßen äußerst attraktiver Mann, sondern eine attraktive Frau, und wir hätten eine Beziehung, dann könnte das nur funktionieren, wenn einer den anderen weder zu etwas zwingen noch für seine eigenen Zwecke ausnutzen würde. Moral hilft uns dabei, den Blick von unserem eigenen Nabel ab- und dem Anderen zuzuwenden, auch wenn man sich möglicherweise viel lieber um die eigene Achse drehen würde.

F: Alles klar. Wenn Gott uns aber zwar durchdringt, uns jedoch aufgrund seiner Wesensverschiedenheit verborgen bleibt, besteht dann nicht die Gefahr, Gott und Moral miteinander zu verwechseln, so dass sich die Qualität der Beziehung alleine dadurch definiert, dass man moralisch lebt und sich somit im Einklang mit Gott befindet, ohne dass Gott ein echtes Gegenüber und Ansprechpartner ist?

A: Das würde ich ähnlich formulieren, und daher gipfeln der christliche und somit ja auch mein Glaube darin, dass Gott Mensch wird und dadurch eine echte Beziehung auf Augenhöhe stattfinden kann. Oder um es trinitarisch auszudrücken: Gott wacht als Vater über den Menschen, Gott wohnt als Geist in den Menschen, Gott lebt aber auch als Bruder unter den Menschen. Das heißt, indem Gott Mensch wird, wird er buchstäblich begreifbar; Gott der Vater umgreift uns, aber Gott, den Sohn, kann der Mensch umgreifen.

F: Und im Hier und Jetzt, was bedeutet das für deinen persönlichen Glauben?

A: Ich denke, ohne die Person Jesus würde es mir generell schwer fallen, überhaupt an Gott zu glauben. Es macht für mich Sinn, dass Gott, sofern ihm an einer Beziehung zu uns gelegen ist, sich auf unser Niveau herablassen muss. Es ist aber auch klar, dass Gott sich nicht auf unser verkommendes moralisches Niveau herablassen kann, sondern ganz im Gegenteil, uns auf sein moralisches Niveau heraufziehen will. Und deswegen wird Gott ja auch nicht nur Mensch, um dem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sondern Gott wird Mensch, um die Welt in Ordnung zu bringen, beziehungsweise, Ostern steht vor der Tür, in der Kraft seiner Auferstehung die Tür zu einer Ordnung mit Ewigkeitsqualität aufzustoßen.

F: Und noch einmal gefragt, was heißt das für dich persönlich?

A: Glauben heißt für mich einerseits, in diese Geschichte, dass Gott Mensch wird, einzutauchen. Diesbezüglich kann man die Bedeutung der Bibel wohl nicht hoch genug hängen, die mich in die vergangenen Großereignisse mit hineinnimmt und sie mir gleichzeitig aufschließt. Glauben heißt für mich andererseits aber auch, die Geschichte fortzuschreiben, indem ich meinen Teil dazu beitrage, die Welt unter die Ordnung Gottes zu bringen. Und wiederum trinitarisch formuliert, heißt Glauben für mich schließlich und zusammenfassend, die Gegenwart Gottes über mir, in mir und neben mir Wirklichkeit werden zu lassen, was zugegebenermaßen ein wohl lebenslanges Unterfangen ist.

F: Warum?

A: Ich würde sagen, weil unabhängig von menschlichen Zweifeln und Unzulänglichkeiten weder ich noch die Geschichte vollendet sind und daher Glauben immer auch bedeutet, auf eine Vollendung der Dinge in der Zukunft zu hoffen.

F: Ich danke für das Gespräch.

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(Weitere) Gedanken zur Trinität Gottes

Die Trinität Gottes leite ich mir, wie bereits erwähnt und ganz im Sinne der sozialen Trinitätslehre so her, dass Gott einerseits vollkommen und andererseits Liebe ist, also so gesehen vollkommene Liebe. Da nun Gott nicht von seiner Schöpfung abhängig ist, muss man ihn auch für sich genommen, ohne Schöpfung, denken können. Ist er aber seinem Wesen nach vollkommene Liebe, dann ist er auch für sich genommen, ohne Schöpfung, vollkommene Liebe. So gesehen kann er ein Einzelner deswegen nicht sein, weil eine nur auf sich selbst konzentrierte Liebe weit von dem Idealbild einer vollkommenen, sich selbst verschenkenden Liebe entfernt ist. Würde er aber aus diesem Grund nicht eine, sondern zwei Personen in sich vereinen, dann wäre seine Liebe zwar immerhin nicht mehr nach innen gekehrt, sondern auf ein Gegenüber gerichtet, jedoch entspräche dies auch nicht dem Idealbild vollkommener Liebe, da zwei, die sich gegenüber stehen, erst eins werden, indem sie sich gemeinsam auf etwas Drittes ausrichten. In einem ewigen Wechselspiel der Liebe würden sich also demnach Gott Vater und Gott Geist um Gott Sohn drehen, Gott Sohn und Gott Geist um Gott Vater und Gott Vater und Gott Sohn um Gott Geist.

So weit, so gut, das Problem ist natürlich jetzt, dass eine Vorstellung, die Gott in drei Personen unterteilt, in großer Gefahr steht, die Einheit Gottes auf eine nicht mehr mit dem Monotheismus vereinbare Weise zu unterlaufen.

Nun sollte man mit allzu menschlichen Bildern immer vorsichtig sein, wenn man von Gott spricht, aber um trotzdem an der Trinitätslehre festzuhalten, würde ich einen Vergleich zum menschlichen Bewusstsein ziehen wollen, das ja nicht einfach da ist, sondern auf einer einzigartigen neuronalen Struktur sattelt. Demgemäß kann ich mir vorstellen, dass auch Gott zwar keine neuronale, aber eine wie auch immer geartete einzigartige Wesensstruktur besitzt, aus der allerdings nicht nur eine, sondern drei Bewusstseinsformen hervorgehen. Ähnlich vielleicht einer Software, die auf Notebook, Tablet und Handy zum Einsatz kommt, wobei sie durch die unterschiedlichen Geräte hindurch dazu imstande ist, mit sich selbst zu kommunizieren.

Krieg und Strafe im alten Testament

Wie ist das eigentlich zu erklären, dass ein liebender Gott, der das Beste für den Menschen will, im Alten Testament Kriege und Strafen anordnet? Eine hierfür eigentlich notwendige historisch-kritische Analyse einmal weggelassen, mache ich es mir an dieser Stelle ganz einfach und sage: Der Mensch ist ein Instrument Gottes, dazu geschaffen, seine Melodie zu spielen. Spricht die Bibel von dem (Sünden-)Fall des Menschen, dann heißt dies in meiner Sprache: Das Instrument ist verstimmt. Will Gott darauf aber trotzdem seine Melodie spielen, dann trifft er die richtigen Töne nur, wenn er falsch spielt.

Jemanden wegzusperren ist also zum Beispiel falsch. Hat dieser Jemand allerdings wen anders umgebracht, dann wird aus dem Falsch auf einmal ein Richtig, weil im Ergebnis durch Strafe und Gefängnis die durch den Mord entstellte Ordnung wieder (teilweise) hergestellt wird.

Weil es aber irgendwann auch nervt, ein Instrument ständig falsch spielen zu müssen und weil sich das Instrument auch nicht von selbst stimmt, kann es auf Dauer nur eine Lösung geben, und diesen Ausblick gewährt die Bibel von Beginn an: dass der Instrumentenbauer selbst tätig wird und den Schaden ein- für allemal repariert.

Gedanken über den Tod

Wenn jemand stirbt, dann klingt das ja immer so nett: In Gedanken lebt er weiter! Aber richtig tröstlich ist das nicht, finde ich, denn letztlich sind es nicht seine, sondern meine Gedanken, in denen er, wenn man so will, weiterlebt. Und da ich selbst sterblich bin, sind auch meine Gedanken, ist jede Erinnerung, endlich. Und das ist der Punkt: Wir sind endlich. Oder wie Hegel es definiert: Wir sind endlich, weil etwas außerhalb unser selbst existiert, das uns begrenzt. Und dieses Außerhalb fängt früher an als man denkt. Die Heizung ist aus, meine Finger sind kalt. Ich würde schneller schreiben wollen, kann es aber nicht; meine Finger begrenzen mich.

Gott dagegen ist anders. Gott ist auch Person, denn auch er hat ein Innen und Außen. Aber das Außen begrenzt ihn nicht. Wollen wir etwas, dann reicht es nicht, dass wir es denken, wir müssen es uns mühsam erarbeiten. Will ich warme Finger haben, dann genügt es nicht, dass ich an warme Finger denke, ich muss mir Handschuhe anziehen, bzw. erst einmal welche stricken. Die Materie begrenzt uns. Indem wir sie formen, setzen wir die Grenzen immer wieder neu.

Wenn Gott dagegen etwas will und es denkt, dann ist es. Das gewollte Mögliche ist bei ihm das Wirkliche. Indem er spricht, ruft er ins Leben. Natürlich kann Gott nicht alles, das verbietet bereits die Logik. Gott kann aus Zwei und Zwei nicht Fünf machen. Er kann auch keine Fünfe gerade sein lassen. Aber einen Toten auferwecken, kraft seiner Gedanken; wenn er es will, dann kann er das.

Was nach dem Tod also bleibt, ist die Erinnerung. Die Erinnerung Gottes. Sein Gedanke an mich. Weil Gott aber unendlich ist und daher nicht von einem Außen begrenzt wird, ist seine Erinnerung von anderer Natur. Wir sind endlich, unsere Erinnerung formt sich aus der Außenperspektive. Wir können einander begegnen, können uns mitteilen, aber bleiben uns doch verschlossen. Gott hingegen kennt diese Außengrenze nicht; er schaut uns nicht vor den Kopf, er sieht ins Herz. Weil er uns aber besser kennt als wir uns selbst, ist seine Erinnerung an uns nicht fragmentiert; unsere vollständige Identität ruht in ihm. Sterben wir daher, dann lösen wir uns nicht auf, sondern wir gehen zugrunde; wir gehen in den Grund ein, der uns hervorgebracht hat; der uns wollte und will und in dem wir daher nicht nur Möglichkeit, sondern Wirklichkeit sind.

Weil uns Gott aber nicht nur als Mensch, als Einzelwesen, sondern als Menschen, als Gemeinschaftswesen, will, bedarf es auch nach dem Tod irgendeiner Form von Materie. Denn würden wir als Geist, als reines Ich-Bewusstsein weiterexistieren, dann gebe es nur noch Subjekte, nur noch Ich-Perspektiven, aber keine Objekte und somit auch kein Du. Materie ist das Medium der Intersubjektivität, sagt der Philosoph Holm Tetens. Ohne Materie, ohne etwas, das dem Geist eine Form gibt, stecken wir im Ich fest; wir bleiben auf uns selbst bezogen, von allen anderen isoliert.

Gemeinschaft, eine Beziehung zwischen Ich und Du, ist also nur um den Preis der Abgrenzung zu haben. Nur also, wenn ich endlich bin, wenn ich von einem Außen, einem Du, begrenzt werde, kann ich Gemeinschaft haben. Endlich ist das Leben also immer, selbst wenn es ewig ist, denn mein Ich endet an der Grenze des Anderen.

Diese Grenze zum Anderen bedrückt uns aber umso mehr, als dass der Andere nicht nur der Andere, sondern immer auch der Fremde ist. Denn der Andere, das ist der, der meinen Hunger stillt, es ist aber auch der, der mich verhungern lässt. Was uns befremdet, ist nicht die verschlossene Tür, sondern die Unsicherheit, nicht wissen zu können, was sich hinter dieser Tür verbirgt; Gutes oder Böses?

Wenn Gott also den Menschen will, wenn er mich und den Anderen will, aber ich den Anderen nicht will und er mich auch nicht, dann stellen wir uns Gott entgegen und das von Gott gewollte Leben kann nicht funktionieren. Ein Ich und ein Du kann es daher nur geben, wenn in dem Ich und Du derselbe Wille regiert; wenn hinter der verschlossenen Tür auf beiden Seiten der Geist Gottes weht. Weil das, was Gott will, aber immer auch eintritt, kann der Tod nicht das letzte Wort haben, denn wäre mit dem Tod alles vorbei, dann würde der Mensch, dann würde die Menschheit unversöhnt sterben und ein gemeinsames Leben im selben Geist und Willen nur Utopie bleiben.

Sind wir also (materialisierte) Gedanken Gottes, dann hat sich Gott scheinbar willentlich dazu entschieden, sich selbst zu begrenzen, indem er uns mit einem freien Willen ausstattet, der sich für oder gegen ihn entscheiden kann. Wenn man so will, ist Gottes Konflikt also, dass er einen anderen Willen außerhalb seiner selbst will, der Gottes Willen wollen soll, was die Möglichkeit inkludiert, weil es ein eigenständiger Wille ist, dass er Gottes Willen nicht will. Da es aber Gottes Wille ist, dass sein Wille gewollt wird, und weil das, was Gott will, immer auch passiert, gibt es nur die eine Möglichkeit: dass zum Schluss der Mensch das will, was Gott will. Eschatologisch löst sich dieser Konflikt (aus christlicher Perspektive), indem Gott sich selbst zum (materialisierten) Gedanken wird, um als Mensch den Willen Gottes zu wollen.

Warum so sein zu wollen wie Gott böse macht

Die Nadel ist zwar etwas abgekühlt, aber dennoch will ich noch einmal auf den letzten Beitrag zurückkommen. Und zwar beruht er auf der Erkenntnis, dass Adam und Eva vor dem Sündenfall ausschließlich positiv von Gott gedacht haben müssen. D.h. Gott war für sie jemand, der sich um sie kümmert, der für sie da ist und dem sie vollkommen vertrauen können – dessen Liebe also für die Menschen selbst diejenige einer Mutter Theresa tausendfach übersteigt. Und in diesen Kontext hinein macht ihnen die Schlange auf einmal das Angebot, wenn sie von einem bestimmten Baum essen, dann werden sie sein wie Gott. Also gemäß ihrem Verständnis von Gott genauso gut, fürsorglich und liebevoll. Warum so sein zu wollen wie Gott böse macht weiterlesen

Was ist die größte Sünde?

Was ist eigentlich die größtmögliche Sünde? Ich würde meinen, die größtmögliche Sünde ist die, welche alle anderen Sünden nach sich zieht. Und welche Sünde das ist, da spricht die Bibel gleich am Anfang eine klare Sprache: Der Mensch will so sein wie Gott! Wenn das aber die größtmögliche Sünde ist, so sein zu wollen wie Gott, müsste man fragen: Wer ist Gott? Und diesbezüglich lautet seine Selbstauskunft: Ich bin, der ich bin! So sein zu wollen wie Gott, würde demnach bedeuten, so zu sein wie man ist, bzw. so sein zu wollen wie man ist, also davon auszugehen, dass man genauso, wie man ist, richtig ist. Und das hört man eigentlich ziemlich oft: Ich bin, was ich bin, und das ist auch gut so. Was ist die größte Sünde? weiterlesen

Abraham soll seinen Sohn opfern

Mir gefällt die Auslegung von Jörg Splett, dass es bei der betreffenden Geschichte, die ich einfach mal als bekannt voraussetze, mehr um Glauben als um Gehorsam geht. D.h. es geht gar nicht so sehr darum, dass Abraham Gott in allem und selbst darin gehorsam ist, seinen Sohn zu opfern, sondern es geht eher darum, dass Abraham trotz allem an Gottes Verheißung festhält, dass Gott ihm in Isaak, und in keinem anderen, ein großes Volk bereiten wird. Letztlich geht es also um das Paradox, dass Gott Abraham einerseits verheißt, dass Isaak viele Nachkommen haben wird und andererseits Abraham befiehlt, Isaak zu opfern. Unfähig, das Paradox aufzulösen, bleibt Abraham nichts anderes übrig, als einerseits Gott zu glauben, indem er ihm gehorsam ist und andererseits Gott zu glauben, indem er auf seine Verheißung vertraut. Für Abraham gibt es so gesehen nur die eine Option: Isaak zu opfern und gleichzeitig darauf zu vertrauen, dass Gott ihn entweder im letzten Moment davon abhalten oder Isaak aus dem Tod wieder auferwecken wird. Und so heißt es im neuen Testament, z.B. im Hebräerbrief, ja dann auch, dass Abraham durch den Glauben gerecht wurde, weil er trotz allem an der Verheißung festhielt und sich dachte: „Gott kann auch von den Toten erwecken!“

Den irritierenden Opfergedanken einmal beiseitegelassen, wäre es somit ungefähr das Gleiche, wenn Gott mich dazu anhalten würde, einen Lottoschein zu kaufen, wobei er mir versprechen würde, dass mich genau dieser Lottoschein und kein anderer zum Millionär machen wird. Nachdem aber nun tatsächlich die sechs Lottozahlen, die ich angekreuzt habe, gezogen werden, würde mich Gott auf einmal auffordern, den Lottoschein nicht einzulösen, sondern aufzuessen. Halte ich trotzdem an seinem Versprechen fest, dass mich genau dieser Lottoschein zum Millionär machen wird, dann können eigentlich nur zwei Dinge passieren: Entweder Gott hält mich in letzter Sekunde davon ab, den Lottoschein aufzuessen oder der Lottoschein verlässt meinen Körper genauso wie er ihn betreten hat (was ich allerdings beim Einlösen lieber für mich behalte).

Bezogen auf den Abraham-Glauben spricht Paulus im Römerbrief von einer Hoffnung wider alle Hoffnung. Er hofft also nicht nur, sondern er hofft, obwohl es eigentlich gar nichts mehr zu hoffen gibt. Wenn also Gott Heil und Leben ist und daher echtes Leben nur von ihm kommt, währenddessen unser Leben mit Leid und Tod verbunden ist, dann geht es im Glauben wohl darum, auch im Leid und mit dem Tod vor Augen trotzdem an dem Gott des Heils und Lebens festzuhalten, um dadurch in eine tiefe Beziehung hineinzuwachsen, durch die überhaupt erst echtes Leben fließen kann.

Rosamunde Pilcher und die Hölle

Ob man etwas als „Hölle auf Erden“ bezeichnet, hängt natürlich immer auch davon ab, welche Abneigungen man so pflegt. Für mich wäre zum Beispiel die Hölle, mir von Anfang bis Ende einen Rosamunde Pilcher Film ansehen zu müssen, was vor allem daran liegt, dass ich mit dieser süßlichen Art, über Liebe zu reden, nicht viel anfangen kann.

Nun frage ich mich allerdings, was wohl wäre, wenn ich so weit entmenschlicht wäre, dass ich nicht nur mit Rosamunde Pilcher, sondern mit Liebe an sich nichts anfangen könnte. So Adolf Hitler im Endstadium.

Im Buch der Offenbarung gibt es ja diesen Vers: „Und der Teufel, der sie verführte, wurde geworfen in den Pfuhl von Feuer und Schwefel, wo auch das Tier und der falsche Prophet waren; und sie werden gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Wenn ich das lese, frage ich mich, wer quält hier eigentlich? Kann es möglicherweise sein, dass es Gottes Liebe ist, die auch in der Hölle brennt, aber weil der Teufel und die Seinen und Gleichgesinnten sie scheuen wie das Weihwasser, wird das, was eigentlich heilsam ist, ihnen zur Qual? Und hier muss ich nun an Hannelore Kohl denken, die aufgrund einer Lichtallergie ihren Lebensabend mehr oder weniger im dunklen Keller verbracht hat. Wenn Gott also Licht ist, dann hat möglicherweise auch der Teufel so eine Art Lichtallergie, aber es gibt in der Hölle keinen Keller, wo man sich vor diesem Licht verstecken könnte.

Ist das so, drängt sich natürlich die Frage auf, warum überhaupt ein von Gott geschaffenes Wesen so sehr entwurzelt sein kann, dass es lieber vor Gott flüchtet, als sich seiner Liebe auszusetzen. Dazu zwei Gedanken:

Erstens kennt man ja vom Menschen, dass sich die eigenen selbst verschuldeten Qualen auf eine seltsame, selbstgefällige Art auch sehr gut anfühlen können – so gut, dass man lieber darin verharrt, anstatt seine Schuld einzugestehen. Man denke dabei – früh übt sich – zum Beispiel an einen Vierjährigen, der lieber hungrig ins Bett geht, anstatt sich bei seiner Mutter zu entschuldigen. Oder man denke an den Spruch „Wer anderen etwas nachträgt, der hat die meiste Last“. Würde sich diese Last nicht auch irgendwie gut anfühlen, dann gäbe es keinen Grund, sie noch länger mit sich herumzuschleppen.

Und nun zweitens kennt man ja leider auch vom Menschen, und hier bin ich wieder bei Hitler, dass das Böse so sehr von einer Person Besitz ergreifen kann, dass irgendwann beide miteinander verschmelzen und man nicht mehr weiß, wo die Person anfängt und das Böse aufhört. So wie mit meinem Pausenbrot, das ich als Schuljunge in meinem Ranzen vergessen hatte, da hätte man nach 7 Wochen auch nicht geahnt, dass der schrumpelige grüne Schimmelschwamm einmal essbar war. Was ich sagen will, wenn also alle Stimmen, die in einer Person „Zurück!“ rufen, erst einmal verstummt sind, dann kann es für diese Person eigentlich auch kein Zurück mehr geben.

Und jetzt wäre ich eigentlich fertig, aber ich muss noch an den reichen Mann denken, der in dem Lazarus-Gleichnis von Jesus in der Hölle landet und dort Qualen leidet. Aus dem, was er sagt, kann man nicht schließen, dass er Gottes Liebe per se nicht erträgt, denn sonst würde er sich nicht in Abrahams Schoß wünschen. Wenn aber nicht das, dann kann ich mir stattdessen gut vorstellen, dass seine Qualen daher rühren, dass er in dem klaren Licht der Liebe Gottes auf einmal einen ungetrübten Blick auf sein bisheriges Leben hat und mit Schrecken erkennt, was er sich und seinen Mitmenschen so alles angetan hat. So gesehen wäre ein großer Unterschied zwischen Himmel und Hölle, dass man im Himmel aus angenommener Vergebung lebt, während man in der Hölle von dem eigenen Versagen aufgefressen wird.

Den ungehorsamen Sohn steinigen?

In Bezug auf Dinge, die man nicht versteht, gibt es mindestens drei Möglichkeiten, damit umzugehen. Erstens, man kann sie ignorieren, was ich in dem Fall für angemessen halte, wenn es sich um banale oder irrelevante Dinge handelt, die man auch nicht unbedingt verstehen muss. Zweitens, man kann sie so stehen lassen und abwarten, ob man nicht im Laufe der Zeit auf befriedigende Antworten stößt. (Wenigstens in meinem Leben ist es dann meistens auch genauso gekommen). Und drittens, man kann sein Gehirn anschmeißen und schauen, ob man nicht auch durch Nachdenken weiterkommt. Im folgenden Fall will ich es mal mit Methode Nr. 3 versuchen, wobei ich keinerlei Gewähr darauf geben kann, ob das, was hinten rauskommt, richtig ist. Den ungehorsamen Sohn steinigen? weiterlesen