Warum stirbt Jesus am Kreuz?

Ausgangssituation:
Person A fügt Person B materiellen, körperlichen oder seelischen Schaden zu. Einige Zeit später tut Person A leid, was sie Person B angetan hat und bittet Gott um Vergebung.

Problem 1:
Eigentlich ist es doch Person B, der Schaden zugefügt wurde. Was hat Gott damit zu tun?

Lösungsansatz:
Geht man davon aus, dass Gott unendlich ist, dann durchdringt er den Menschen in einer Weise, dass er denken und fühlen kann, was der Mensch denkt und fühlt. Insofern er damit an dem Ichsein des Menschen partizpiert, betrifft das, was Menschen sich gegenseitig antun, unmittelbar Gott.

Problem 2:
Wenn aber Gott Person A ohne Zustimmung von Person B vergibt, wird diese in ihrem Geschädigtsein überhaupt ernst genommen?

Lösungsansatz:
Nimmt man die Freiheit des Menschen ernst, dann kann Gott nur unter zwei Bedingungen vergeben. Erstens unter der Bedingung, dass Person A sich freien Willens als schuldig bekennt und zweitens unter der Bedingung, dass Person B freien Willens Person A vergeben möchte. Eine notwendige Voraussetzung hierfür ist, dass Person A weiß, was sie Person B angetan hat und Person B weiß, was ihr von Person A angetan wurde. Das Problem hierbei ist, dass beide aufgrund ihrer Schuldverstrickung eine nur sehr begrenzte Schulderkenntnis haben – sie sind sich der Tiefe der Schuld und den daraus folgenden Konsequenzen nicht vollständig bewusst.

Einschub: Was heißt Schuldverstrickung?
Aufgrund der Ursünde ist jeder Mensch soweit in Schuld verstrickt, dass er, weil er selbst betroffen ist, keine objektive Erkenntnis davon haben kann, was Schuld bedeutet. Die Ursünde lautet: Der Mensch will sein wie Gott und wissen, was gut und schlecht (für ihn und die anderen) ist. Der Mensch will also etwas, wozu er als endliches Wesen mit einer nur begrenzten Einsicht in sich selbst und den Anderen gar nicht imstande ist. Da er denkt, er könne das Leben überblicken, nimmt er sich heraus, anstatt „JA“ zu dem anderen „Ja“ für den anderen zu sagen. Anstatt sich also für den Anderen zu entscheiden, entscheidet er für den Anderen – und zwingt ihn dadurch, auf das Leben nur noch reagieren, statt frei agieren zu können. Aus den wechselseitigen Störungen, die sich hieraus für die Beziehung ergeben, resultieren alle anderen „Sünden“, die in der Summe ein komplexes und undurchschaubares Sündengeflecht bilden, in welches der Mensch verstrickt ist.

Da also sowohl Person A als auch Person B in Schuld verstrickt sind, weiß weder Person A, was sie Person B wirklich angetan hat, noch Person B, was ihr von Person A wirklich angetan wurde. Somit kann weder Person A restlos um Vergebung bitten noch kann Person B restlos vergeben. Weil dagegen nur Gott das Leben und somit alle menschlichen Motive und Verstickungen vollständig überblickt, ist er der einzige, der sowohl restlos vergeben also auch restlos um Vergebung bitten kann. Die Berechtigung hierfür hat er, wie gesehen, aufgrund seiner Unendlichkeit: Weil er die Grenzen der menschlichen Innerlichkeit durchdringt und somit an seinem Sein partiziert, ist er von jeder Schuld, die dem Menschen angetan wird, unmittelbar betroffen. Dieses unmittelbare Mitleiden Gottes mit den Menschen findet im Kreuz seine realsymbolische Entsprechung. Bittet dort Jesus „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ dann schließt dies jede Sünde mit ein, die Menschen einander (und somit Gott) jemals angetan haben. Als Mensch bittet Jesus also für das, was ihm als Mensch angetan wurde, als Gott für das, was Menschen einander angetan und somit Gott angetan haben.

Dass Gott Schuld vergibt, macht die Vergebung zwischen Menschen also nicht überflüssig, sondern es ist vielmehr die Voraussetzung dafür, dass Person A (restlos) um Vergebung bitten und Person B (restlos) vergeben kann. Denn im Angesicht der eigenen menschlichen Begrenztheit, kann sich Vergebung zwar nur auf die Schuld beziehen, die der Mensch erkennt – aber im Angesicht des Kreuzes kann der Mensch dem Anderen (und auch sich selbst) auch das vergeben, was nur Gott erkennt (und durch das Kreuz offengelegt hat).

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Widersprüche(?) in der Bibel am Beispiel der Kreuzworte

Matthäus schreibt in seinem Evangelium: „Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?…Und Jesus schrie abermals laut auf und verschied.“

Markus formuliert es in seinem Evangelium ähnlich.

Lukas schreibt in seinem Evangelium: „Und es kam eine Finsternis über das Land bis zur neunten Stunde…Und Jesus rief laut aus: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Und als er das gesagt hatte, verschied er.“

Johannes schreibt in seinem Evangelium: „Danach spricht Jesus: „Mich dürstet!“…Als nun Jesus den Essig genommen hatte, spricht er: „Es ist vollbracht!“ und neigte das Haupt und verschied.“

Die Frage ist nun, was hat Jesus am Kreuz wirklich gesagt, bzw. wenn drei von vier Evangelisten Jesus anders zitieren, müssen nicht mindestens zwei davon lügen?

Dies und andere scheinbare Widersprüche in der Bibel aufgreifend, verweist der englische Theologe  N.T. Wright auf Zeugenberichte nach einem Unfall. D.h. haben vier Zeugen den gleichen Unfall beobachtet, dann wird man notgedrungen vier unterschiedliche Zeugenberichte erhalten, da jeder den Unfall (aus seinem subjektiven Blickwinkel heraus) anders erlebt hat. Wären dagegen die vier Zeugenberichte völlig identisch, dann hätten sich die Zeugen höchstwahrscheinlich abgesprochen und ihre Berichte wären nutzlos.

Jesus stirbt am Kreuz nun nicht von jetzt auf gleich, sondern er stirbt über mehrere Stunden hinweg. Vermutlich hat er in dieser Zeit vieles gesagt (geschrien, gestöhnt, geflüstert) – aufgeschrieben haben die Evangelisten aber nur, was sie erstens mitbekommen haben und zweites für ihren Bericht bedeutend war. D.h. die Evangelisten sind keine Protokollanten, die stur aufschreiben, was sie hören, sondern sie fügen das, was sie hören, in den von ihnen gewählten Interpretationsrahmen ein. Liest man zwei Biografien über Helmut Schmidt, wird man mit dem gleichen Phänomen konfrontiert, da jeder Biograph, je nach Blickwinkel, erstens unterschiedliche Schwerpunkte setzt und zweitens die Schwerpunkte unterschiedlich ausleuchtet.

Glaubt man nun, dass die vier Evangelisten beim Schreiben vom Heiligen Geist inspiriert waren, dann ist Wahrheit nicht nur eine Frage der Historizität, sondern auch eine Frage der Geschichtsdeutung. D.h. wie beim Unfall ergibt sich Wahrheit nicht allein daraus, dass man etwas, das man hört oder sieht, aufschreibt, sondern Wahrheit entsteht, wenn man das, was man hört und sieht, verstehen will und hierfür in einen größeren Interpretationsrahmen einordnet. Genauso also wie der Kriminalbeamte danach fragt, wer die Unfallbeteiligten sind und was dem Unfall vorausgegangen ist, interpretieren die vier Evangelisten das Kreuzgeschehen auf das hin, was sie über Jesus und seine Vorgeschichte wissen und weitergeben wollen.

Indem Matthäus nun den Satz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ herausgreift, interpretiert er das Kreuzgeschehen im Rahmen von Psalm 23 und legt den (theologischen) Schwerpunkt darauf, dass Jesus als Mensch und stellvertretend für die Menschen stirbt. Besteht die Schuld des Menschen also darin, dass er sich von Gott abwendet und folgt daraus, dass der Mensch das Leben alleine händeln muss, dann erfährt Jesus, indem er am Kreuz stellvertretend für die Menschen stirbt, am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, von den Feinden überwältigt zu werden, ohne dass Gott eingreift.

Weil es (auch aus didaktischen Gründen) für die Textredaktion wichtig ist, in dem einmal gewählten Interpretationsrahmen zu bleiben, ist die Frage „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ der letzte (artikulierte) Satz, den Jesus im Matthäusevangelium von sich gibt. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Jesus den Lukas-Satz „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ gar nicht gesagt hat, sondern lediglich, dass Matthäus ihn aus narrativen Gründen auslässt. Indem man also wie Matthäus (oder Markus, Lukas oder Johannes) einen Text auf das subjektiv Wesentliche verkürzt, nimmt man in Kauf, dass man andere objektiv wichtige Passagen ausklammert und demzufolge Passagen aneinanderreiht, obwohl dazwischen eigentlich noch etwas passiert.

Im Gegensatz zu Matthäus bezieht sich Lukas mit dem Satz „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ aus den Psalm 31 und betont damit, dass Gott, obwohl sich der Mensch von ihm abwendet, am Ende doch der ist, auf den man sich auch in der selbst verschuldeten Not verlassen kann. Während Matthäus also die Schuld des Menschen betont, für die und infolge derer Jesus stirbt, betont Lukas die Treue Gottes, auf die man sich am Ende verlassen kann.

Auch wenn es gute (didaktische) Gründe dafür gibt, die Not zu betonen, die Jesus am Kreuz erleidet, heißt dies allerdings nicht, dass Matthäus Jesus hoffnungslos sterben lässt. Denn laut dem katholischen Religionsphilosophen Jörg Splett ist es in der jüdischen Erzähltradition scheinbar üblich, den Anfang eines Psalms zu zitieren und damit den ganzen Psalm anzudeuten. Insofern Jesus im Matthäusevangelium also den (hoffnungslosen) Anfang von Psalm 22 zitiert, klingt darin bereits das unbedingte Vertrauen auf Gott an, mit dem der Psalm endet.

Jesus am Kreuz: Was hat das mit mir zu tun?

Ein Vortrag des Theologieprofessors Hans-Joachim Eckstein hat mich gerade noch einmal darin bestätigt, dass mein letzter Beitrag „Wollte Gott, dass Jesus geopfert wird?“ schon in die richtige Richtung geht, wenngleich er natürlich wenig konkret ist. Daher halte ich es für angemessen, noch einmal kurz auf das jüdische Opferverständnis einzugehen.

Bei dem klassischen Schuldopfer war es nämlich so, dass dem zu schlachtenden Tier die Hand aufgelegt wurde, wobei dadurch symbolisch die Schuld oder man könnte besser sagen die Last – das also, was den Menschen belastet – auf das Opfertier überging. Stirbt Jesus in diesem Sinne als Schuldopfer, dann trägt er unsere Last – dann überträgt sich unsere Last, der ganze Müll, den wir mit uns herumtragen und anderen nachtragen, auf ihn.

Einmal im Jahr war es darüber hinaus allerdings so, dass das Blut vom Opfertier aufgefangen und in die Stiftshütte, in das Allerheiligste, gebracht wurde – an den Ort, wo nach jüdischem Verständnis Himmel und Erde sich berühren und Gott gegenwärtig ist. Dies geschah, damit Gott das Blut heiligt, bzw. weil das Blut ein Symbol für Leben ist, damit Gott das Leben heiligt, es also von Schuld und anhaftendem Müll befreit.

Warum aber, könnte man nun fragen, musste Jesus erst sterben, damit Gott das Leben heiligen kann? Dazu würde ich zunächst einmal feststellen wollen, dass Heiligung immer dann nötig ist, wenn etwas nicht mehr heilig ist, bzw. Heilung nötig ist, wenn etwas krank ist. Schuld ist so gesehen so etwas ähnliches wie ein Geschwür, das nach und nach immer mehr Besitz vom Menschen – von der Menschheit – ergreift und ihn – und sie – schlussendlich umbringt.

Nun bin ich kein Arzt, aber ich würde meinen, dass man ein Geschwür am besten behandelt, wenn man die Medizin direkt ins Geschwür hineinspritzt – dort also hinein, wo die Krankheit am Schlimmsten ist. Wäre ich nun Gott und ich hätte ein Gegengift gegen das Böse, dann würde ich dieses idealerweise direkt in dessen Epizentrum hineinspritzen – dort also hinein, wo die Schuld am Größten ist. Wenn das höchste Gut aber das Leben ist, dann ist die größte Schuld, jemandem das Leben zu nehmen. Ist Gott aber das Leben in Reinform, dann ist er das allerhöchste Gut und die allerschlimmste Tat, die ein Mensch jemals begehen könnte, wäre, Gott selbst umzubringen.

Das Kreuz markiert daher den absoluten Tiefpunkt der Menschheit, denn noch tiefer, als Gott selbst umzubringen, kann der Mensch gar nicht sinken. Weil sich der Mensch aber somit nicht alleine am Tiefpunkt befindet, sondern Gott als Opfer mit hineinzieht, ist es dann auch Gott, der diesen tiefsten Punkt des Menschen in einen Wendepunkt verwandelt und im Epizentrum des Bösen seine heilende Kraft verströmt, die den todkranken und sich am Ende befindlichen Menschen wieder neu belebt.

Warum musste Jesus sterben?

Das Thema ist wichtig, daher auf in eine neue Runde. Wenn jemand umgebracht wird, dann ist es als Detektiv, der ich nicht bin, wahrscheinlich notwendig, sich die vorausgehenden Ereignisse mal etwas genauer anzusehen. Im Fall von Jesus hat er am Abend vor seiner Hinrichtung noch mit seinen Jüngern das Passahmahl gefeiert. Und das natürlich nicht ohne Grund, er tut es, um deutlich zu machen, dass man seinen bevorstehenden Tod nur im Lichte von Passah vernünftig beurteilen und einordnen kann. Warum musste Jesus sterben? weiterlesen

Der strafende Gott oder der Kartenspielmacher

Ich hoffe, ich deprimiere keinen, wenn ich ständig von Gott im Zusammenhang mit Furcht, Angst und Strafe rede, aber da es so manchem doch Schwierigkeiten bereitet, den liebenden Gott mit dem strafenden Gott zusammenzubringen, ist das ein wichtiges Thema, das der Erklärung bedarf.

Wenn in der Bibel also davon die Rede ist, dass Gott Menschen bestraft, dann passt das Bild eines Gottes, der Menschen beobachtet, um Fehlverhalten direkt und unmittelbar zu sanktionieren, eigentlich nicht zu einem allmächtigen und allwissenden Gott. Denn solch ein Gott, der sich zudem außerhalb von Raum und Zeit befindet, weswegen für ihn alles, was jemals passiert ist und passieren wird, nur ein einziger Moment ist, solch ein Gott hat es weder nötig, Menschen zu beobachten, noch muss er sich spontan überlegen, wie er auf das menschliche Ergehen und Vergehen reagiert.

Wenn ich insofern an einen strafenden Gott denke, dann denke ich an ein Kartenspiel, in dem die „Strafe“ bereits von vornherein feststeht. D.h. der Kartenspielmacher, der sich das Kartenspiel ausgedacht hat, der hat sich schon im Vorfeld überlegt, mit welchem Blatt man gewinnt und mit welchem man verliert. Angenommen also, man gewinnt das Spiel mit den Königen, dann lautet die Spielregel: Schnapp‘ dir so viele Könige wie du kriegen kannst! Verliert man dagegen mit den Buben, dann ist es natürlich ratsam, denen aus dem Weg zu gehen. Ist jemand aber nun ganz verliebt in die Buben, weswegen er sich einen nach dem anderen auf die Hand holt, dann muss er sich nicht wundern, nach nur wenigen Runden aus dem Spiel zu fliegen. Streng genommen ereilt ihn in diesem Fall die Strafe des Kartenspielmachers, aber nicht, indem dieser persönlich vorbeikommt und ihn vom Stuhl zerrt, sondern, indem dieser in den Spielregeln Wenn-Dann-Bedingungen festgelegt hat, welche die Spielsituation regeln.
Was ist aber nun, wenn der Kartenspielmacher gar nicht wollen würde, dass bei diesem Spiel überhaupt irgendjemand verliert? Eine Möglichkeit wäre, die Spielregeln zu ändern, was allerdings insofern keine gute Idee ist, als dass dadurch die ganze Spielidee in sich zusammenbrechen würde. Will er also weder jemanden verlieren sehen noch das ganze Spiel ruinieren, dann bleibt ihm eigentlich nur die Möglichkeit, selbst an dem Spiel teilzunehmen und sein gutes Blatt mit den sich vor dem Aus befindlichen Spielern zu tauschen.

Oder wie es die Bibel ausdrückt: „Dabei war es unsere Krankheit, die er auf sich nahm; er erlitt die Schmerzen, die wir hätten ertragen müssen. Er wurde für uns bestraft – und wir? Wir haben nun Frieden mit Gott!“

Was der strafende Gott mit Tom und Jerry zu tun hat

Es ist im alten Testament immer das gleiche Spiel. Gott nimmt sich Israel an. Israel wendet sich von Gott ab. Gott „bestraft“ Israel, indem er zulässt, dass Israel von seinen Feinden überrannt wird. Was der strafende Gott mit Tom und Jerry zu tun hat weiterlesen

Der Tod von Jesus aus rechtsphilosophischer Sicht

Vor über 2000 Jahren ist Jesus am Kreuz hingerichtet worden. Warum, auch darüber gibt es seit 2000 Jahren Antworten. Die Mehrheitliche lautet, dass Jesus stellvertretend für die Schuld der Menschen gestorben ist. Denn da alle in ihrem Leben schuldig geworden sind, müssen konsequenterweise auch alle bestraft werden. Um das zu umgehen, wird einer für alle bestraft.
Daneben mehren sich die Stimmen, die die Vorstellung, dass Gott seinen eigenen Sohn bestraft (siehe z.B. Jesaja 53) aus wohl humanistisch ethischen Gründen ablehnen und es zudem ganz schrecklich finden, dass überhaupt jemand bestraft werden muss. Denn wie – so ist wohl das Argument dahinter – kann eine böse Tat (die Kreuzigung) andere böse Taten wieder gut machen? Stattdessen bieten sie die folgende Alternative: Jesus hat das Böse dieser Welt dadurch besiegt, indem er es bis zur letzten Konsequenz (Kreuzigung) erduldet hat, ohne Widerstand zu leisten. D.h. indem er dem Bösen nichts Böses, sondern Gutes entgegengesetzt hat (siehe z.B. sein Ausruf am Kreuz: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“), hat er uns einen Weg offenbart, das Böse aus der Welt zu schaffen.

Das ist natürlich ein schöner Gedanke und er ist im gewissen Sinne auch wahr, denn tatsächlich sind wir dazu aufgefordert, auf Böses mit Gutem zu reagieren. Doch glaube ich auch, dass man ihn auf keinen Fall gegen die erstgenannte Vorstellung der stellvertretenden Strafe ausspielen sollte. Denn wenn Jesus einfach nur Vorbildcharakter gehabt hätte, ohne wirklich Gerechtigkeit wieder herzustellen, dann wäre das meines Erachtens zu wenig gewesen, um das Schicksal dieser Welt nachhaltig zu verändern.

Was ich meine, wird vielleicht am besten in Analogie zum deutschen Strafrecht deutlich. Hier geht es, wenn ein Straftäter verurteilt wird, nicht nur um den Präventionsgedanken, die Gesellschaft vor dem Straftäter zu beschützen und auch nicht nur darum, dass der Straftäter seine gerechte Strafe erhält sondern auch noch um etwas Drittes: Die Strafe dient dazu, die durch die Straftat verletzte Norm wieder herzustellen. Oder um es mit dem Rechtsphilosophen Merkel zu sagen: „Würde der Staat als Garant des Rechts den Normbruch ohne strafende Reaktion hinnehmen, so würde er der Erosion der Norm Vorschub leisten. Die Strafe ist also vorrangig die Reparatur der verletzen Norm…und damit die Sicherung ihres Fortbestandes in der Zukunft“.

Das ist der Grund, warum es z.B. richtig war, die NS-Verbrecher im Nürnberger Prozess zu bestrafen, selbst wenn Gutachter in Angesicht der totalen Niederlage eine Wiederholungsgefahr verneint hätten und daher der Präventionsgedanke nicht gegriffen hätte.
Und das ist meiner Meinung auch der Grund (oder etwas schwächer: einer der Gründe), warum man am Stellvertretertod festhalten muss. Denn wenn man auch niemals ganz begreifen wird, warum Jesus sterben musste, so ist es dennoch wohl richtig zu sagen, dass am Kreuz die von Gott gegebene und von den Menschen gebrochene Norm, wie wir uns zu verhalten haben, damit Leben möglich ist, endgültig wieder hergestellt wurde.

Das aber war dringend nötig, wenn man bedenkt, dass Jesus mit seiner Auferstehung drei Tage später die Tür ins Ewige aufgeschlossen hat. Denn hätte er zuvor die verletzte, aber doch so überlebenswichtige, weil lebensgarantierende Norm Gottes nicht wieder repariert, dann wäre diese Altlast wohl mit ins neue, ewige Leben eingegangen – und daher auch dieses von Vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen.

Freiheit: Der Weg Gottes zum Menschen

Man möge mich nicht auf den Wortlaut festnageln, aber wenigstens der Richtung nach hat Hegel einmal so etwas gesagt wie, dass Freiheit der Wille zur Endlichkeit ist. Weniger geschwollen ausgedrückt meint er damit eigentlich nur, dass man sich entscheiden muss. D.h. wer Obst essen möchte, der darf an der Theke nicht nach Obst verlangen, sondern nach einem Apfel oder einer Birne. Oder es hilft auch nichts, wenn man Frauen an sich mag, aber sich nicht für eine bestimmte, meinetwegen Brunhilde, entscheiden kann. Freiheit: Der Weg Gottes zum Menschen weiterlesen