Über den Utilitarismus und fettige Fritten

Danach gefragt, welche die führende Moralphilosophie dieser Zeit  ist, würde ich sagen, hoch im Kurs steht momentan eine Mischung aus Utilitarismus und Kontraktualismus.

Laut Utilitarismus ist alles gut und erlaubt, was nützlich ist, wobei etwas nützlich ist, wenn es das persönliche und gesamtgesellschaftliche Glück fördert. Dieses Glück, und das war klassischen Moralphilosophen wie Jeremy Bentham oder John Stuart Mill, die den Utilitarismus überhaupt erst aus der Taufe gehoben haben, sehr wichtig zu betonen, ist aber kein „Schweineglück“, sondern von der Sorte Glück, die auf Tugend und Vernunft aufbaut. Dauerhaft glücklich macht also demgemäß nicht das, was naheliegt, sondern das, was sich der Mensch erarbeiten muss. Nicht also das Sofa, sondern das Laufband;  nicht RTL2, sondern vielleicht eher 3Sat; und auch nicht One-Hit-Wonder-Radio-Gedudel, sondern meinetwegen Steven Wilson; Musik also, für die man sich Zeit nehmen und die man sich erst einmal mühevoll aneignen muss.

Warum aber Leute dennoch sagen, RTL2 macht viel mehr Spaß als 3Sat, dazu würde Mill sagen, dass jemand, der auf Frauentausch gepolt ist, das Glück einer wirklich guten Dokumentation überhaupt nicht nachvollziehen kann und daher unwillkürlich davon ausgehen muss, dass Frauentausch das Maß aller Dinge ist.

Vergleiche ich nun aber die Quote von RTL2 mit der Quote von 3Sat oder die Auflage von BILD mit der Auflage von FAZ oder SZ, dann würde ich an diesem Punkt behaupten wollen, dass der Utilitarismus, so wie ihn ein John Stuart Mill geprägt hat, nicht mehr ganz den Puls der Zeit trifft, da der Trend jetzt irgendwie doch in Richtung Schweineglück geht.

Und an dieser Stelle kommt nun auch der Kontraktualismus ins Spiel, der die Moral, bzw. das, was man tun und lassen soll, nicht von irgendwelchen gesamtgesellschaftlichen Normen abhängig macht, sondern es den situationsbedingten zwischenmenschlichen Vereinbarungen überlässt, was richtig und falsch ist. Einigen sich also zwei Leute darauf, dieses oder jenes zu tun, und vollzieht sich die Einigung nicht unter Zwang, sondern freiwillig, und kommt auch kein Dritter zu Schaden, dann könnte man das, was die beiden vorhaben, moralisch absegnen. Oder wenigstens könnte man das laut Kontraktualismus; ich selber habe da so meine Zweifel, insbesondere daran, inwiefern der Mensch überhaupt zurechnungsfähig ist und es vermag, die Folgen seines Handelns für sich und andere richtig einzuschätzen. Und daher, und weil ich mir denke, dass der Mensch ein Herdentier ist, halte ich den Kontraktualismus sogar für ein ziemlich gefährliches Moralsystem, denn letztlich ist es wie es ist: bei McDonalds schmeckt`s halt prima und wenn sich alle das Zeug reinpfeifen, kann es so ungesund schon nicht sein.

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Hegel und etwas Medienkritik

Ich nutze die feierabendlichen Stunden im Fitnessstudio, um noch etwas in Jörg Spletts Vorlesung zu Hegel reinzuhören. Die Entwicklung des Menschen betreffend spricht letzterer von einer menschenspezifischen Fähigkeit zur Reflexion, die Dinge nicht nur „für mich“, sondern „an sich“ zu erkennen. D.h. der Mensch sagt nicht mehr nur „Die Sonne ist ein gelber, warmer Ball“, sondern er ist dazu imstande, von sich selbst Abstand zu nehmen und z.B. festzustellen, dass die Sonne an sich aus Wasserstoff und Helium besteht. Da aber auch dieses Wissen nur Stückwerk ist und alles auch ganz anders sein kann, geht Hegel dann doch nicht so weit zu sagen, dass der Mensch die Dinge „an sich“ erkennt, sondern lediglich „an sich für mich“. D.h. der Mensch kann die Dinge zwar einordnen und bewerten, aber immer nur aus seiner Perspektive und auch nur mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln.

Sind nun echte und aufrichtige Wissenschaftler am Werk, dann sind sie in aller Regel bescheiden genug, dies anzuerkennen und z.B. wie der englische Gelehrte N.T. Wright zuzugeben, sich zwar darüber im Klaren zu sein, dass die Hälfte von alledem, was er zu sagen hat, falsch ist, er aber dummerweise nicht weiß, welche Hälfe dies betrifft.

Werden nun die wissenschaftlichen Erkenntnisse der breiten Masse zugänglich gemacht, dann passiert das größtenteils über die Medien. Weil es aber deren Aufgabe ist, die meist sehr komplexen Erkenntnisse irgendwie verständlich zu machen, werden diese üblicherweise zunächst einmal auf ein geistiges Minimum heruntergekocht. Schwachpunkte einer Erkenntnis oder gegensätzliche Meinungen werden dabei im Sinne der Einfachheit gerne ignoriert. Und weil die Medien zudem auch nicht unvoreingenommen an die Wissenschaft herantreten, sondern sich in der Regel nur diejenigen Erkenntnisse herauspicken, die ihre hausinterne Ideologie untermauern, werden eigentlich vage und vorläufige Ergebnisse schnell zur allgemeinen Norm erhoben. Diese findet dann dank viraler Verbreitung Einlass ins gesellschaftliche Miteinander und weil es der Einzelne auch nicht besser weiß, beugt er sich dem viralen Druck und integriert Dinge in sein Weltbild, die eigentlich noch auf Überprüfung warten. Aus der ehrlichen Weise, die Dinge „an sich für mich“ zu sehen, wird ein gefährliches „Die Dinge sind an sich so wie ich sie sehe!“, wobei die Möglichkeit, dass die Dinge auch völlig anders sein könnten, gar nicht mehr in Betracht gezogen wird.

So verlockend es daher für uns Herdentiere auch ist, sich einem gesellschaftlichen Konsens anzuschließen, stehen wir damit nicht zwangsläufig auf der richtigen Seite, sondern ich würde sogar ganz im Gegenteil den Verdacht äußern, dass hinter der (medialen) Vehemenz, mit der ein gesellschaftlicher Konsens vorangetrieben wird, meistens ganz andere Motive stecken als die reine Wahrheitsliebe.

Staatslehre: Auf dem Weg in eine gerechte Gesellschaft

Thomas Hobbes hatte den Leviathan seinerzeit geschrieben, um dadurch die Monarchie zu stützen, in der es einen Souverän gibt, der für das Wohl aller anderen verantwortlich ist. Er begründet dies sozialpsychologisch. Da nämlich alle Menschen von Natur aus nach Selbsterhaltung und Lustgewinn streben, versucht sich jeder auf Kosten der anderen zu verwirklichen. D.h. je mehr Macht und Güter man anhäuft, desto bessere Chancen hat man, sich selbst zu erhalten, bzw. desto größer fällt der Lustgewinn aus. Daraus erwächst natürlich eine unzähmbare Gier, die dazu führt, dass die Starken immer mehr und die Schwachen immer weniger besitzen. Da die Schwachen aber ebenso wie die Starken nach Selbsterhaltung und Lustgewinn streben, lassen sie sich die Missstände nicht einfach gefallen, sondern schlagen zurück, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Wozu das alles führt, das fasst Hobbes in seinem wohl berühmtesten Satz zusammen: „Homo homini lupus“ – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf! Staatslehre: Auf dem Weg in eine gerechte Gesellschaft weiterlesen

Gott und Moral

Mindestens zwei Dinge fallen mir auf Anhieb ein, die a priori feststehen, ohne dass man sie noch groß begründen müsste. Das eine ist, dass aus Nichts nichts werden kann. Und das andere, dass der Mensch ein moralisches Wesen ist.

Ersteres ist selbstevident und bedarf daher keiner weiteren Erklärung, denn wenn ich daran zweifeln würde, dass auch Nichts nichts werden kann, dann muss ich auch gleichsam an meiner Logik zweifeln. Wenn ich aber erst einmal soweit bin, an meiner zuverlässigsten Denkmethode zu zweifeln, dann muss ich eigentlich gar nicht mehr nachdenken und dann ist auch egal, ob aus Nichts nichts oder doch etwas werden kann.

Hinsichtlich zweiterem könnte man zwar immer noch fragen, warum man moralisch sein soll, doch weil man, indem man die Frage stellt, bereits nicht mehr moralisch ist, da man nach Gründen sucht, welche die Moral rechtfertigen, erübrigt sich auch diese Frage. D.h. moralisch bin ich nur dann, wenn ich einsehe, dass man einen anderen Menschen per se nicht töten darf. Wenn ich anfange, nach Gründen zu suchen und z.B. sage, ich darf ihn nicht töten, weil ich dann eingesperrt werde, bin ich in dem Fall schon nicht mehr moralisch.

Wenn also zum Ersten aus Nichts nichts werden kann, dann muss das Universum – müssen wir – aus irgendetwas hervorgegangen sein. Weil aber das, woraus wir hervorgegangen sind, größer sein muss als wir sind, muss Gott, weil wir moralisch sind, mindestens auch moralisch sein. Weil Moral aber eine personale Eigenschaft ist, muss Gott mindestens Person sein.
Insofern aber zum Zweiten der Mensch a priori einsieht, sich moralisch verhalten zu sollen, aber es in vielen Fällen nicht tut, gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was der Mensch sein soll und dem, was der Mensch ist. Weil aber Gott es ist, der die Moral in den Menschen hineingelegt hat, gibt es somit auch eine Diskrepanz zwischen Mensch und Gott.

Das Dilemma dabei ist, dass es dem Menschen unmöglich ist, seinen eigenen Schaden zu reparieren. Gott wäre es zwar möglich, aber von außen kann er nicht viel tun. D.h. er könnte den Menschen zwar dazu zwingen, moralisch zu sein, doch weil der Mensch somit einen Grund hätte, moralisch sein zu müssen, wäre er schon nicht mehr moralisch. Oder er könnte auch den Menschen so ummogeln, dass er gar nicht anders kann als moralisch zu sein, aber weil Moral immer ein freiwilliger Akt ist, auch moralisch sein zu wollen, wäre er damit auch nicht mehr moralisch (ebenso wenig wie eine Maschine moralisch wäre, die sich moralisch verhält).
Weil sich der Mensch aber lediglich dazu entscheiden kann, moralisch sein zu wollen, aber nicht dazu, es auch zu sein (ein Alkoholiker kann zwar mit dem Trinken aufhören wollen, aber er kann nicht mit dem Trinken aufhören), ist die wahre freie Entscheidung, die er zu fällen hat, nicht die, zwischen „moralisch falsch“ und „moralisch richtig“, sondern die, für oder gegen einen moralischen Gott, der ihn dazu befähigt, das moralisch Richtige nicht nur zu wünschen, sondern auch zu wählen.

Ist der Mensch gut oder böse?

Auch wenn ich weder Lust noch Zeit habe, die Frage an dieser Stelle abschließend zu erörtern, glaube ich dennoch, dazu wenigstens das Folgende sagen zu können: Selbst wenn ein Mensch offensichtlich „gut“ handelt, kann man nie wissen, ob es auch wirklich gut gemeint ist. Wenn ein Mensch dagegen offensichtlich „böse“ handelt, kann man sich ziemlich sicher sein, dass auch seine Absichten böse sind. Ist der Mensch gut oder böse? weiterlesen

Von Gott reden in der Postmoderne

Noch 1999 hat Dietrich Schwanitz geschrieben, die Gottesvorstellung abendländischer Kulturen sei so stark von dem Gott der Bibel geprägt, dass immer dann, wenn die Leute von Gott reden, sie IHN meinen und nicht Zeus. Tatsächlich glaube ich, dass man das im Mittelalter, bzw. bis ins 16.Jahrhundert hinein, noch so hätte formulieren können. Seitdem Gott aber zu einer interdisziplinären Angelegenheit geworden ist – man sich also nicht mehr nur ausschließlich in der Theologie Gedanken über Gott macht, sondern z.B. auch in der allgemeinen Philosophie, Natur- und Kulturwissenschaft – ist es aufgrund der unterschiedlichen Strömungen gar nicht mehr so einfach, von dem einen Gott zu reden. Erschwerend kommt hinzu, dass in einer pluralistischen Gesellschaft jeder selbst für sein Gottesbild verantwortlich zu sein scheint, welches er sich aus dem reichhaltigen Angebot unterschiedlicher Ideologien zusammenbastelt – und dies idealtypisch zwar nach bestem Wissen und Gewissen, aber in der Praxis leider nur so, wie es ihm gerade am besten gefällt. Von Gott reden in der Postmoderne weiterlesen