Interview: Woran ich glaube

Dies ist das Interview, das die „Fictional Post“ mit mir angesichts von Weihnachten über meinen Glauben an Gott geführt hat.

FP: Herr Brinkmann, nach außen geben Sie den gläubigen Christen, heute wollen wir uns einmal das Innenleben ansehen, ich frage daher, woran glauben Sie?

AB: Ich glaube an Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und…

FP: Sie haben vor, das Glaubensbekenntnis zu rezitieren?

AB: Da steckt alles drin.

FP: Können wir aber alle selber nachlesen, daher bitte in ihren eigenen Worten.

AB: Verstehe, in dem Fall wäre zunächst einmal interessant, wessen ich mir gewiss bin, denn auf irgendeinem Sockel muss der Glaube ja stehen. Was also leuchtet ein, ohne es weiter begründen zu müssen? Ich würde sagen, nur zwei Dinge: dass ich bin und dass ich gut sein soll.

FP: Jemand wie Nietzsche würde letzteres bezweifeln, er würde sagen, dass Moral nur ein soziales Konstrukt ist, geschaffen von den Schwachen, um die Starken niederzuhalten.

AB: Ich sehe, Sie haben Ihren Zarathustra gelesen, dennoch würde ich an beiden festhalten, da das eine das andere bedingt: Um gut zu sein, muss ich sein und um zu sein, muss ich gut sein. Das Böse steckt bekanntlich im Nenner. Je größer das Böse, desto kleiner das Sein, das weiß man nicht erst seit Auschwitz.

FP: Und daraus, dass der Mensch gut sein soll, schließen Sie, dass es einen Gott gibt?

AB: Zunächst einmal gilt die alte Regel: Von Nichts kommt nichts. Allein also, dass ich bin, deutet auf einen Gott hin.

FP: Aber, wenn alles eine Ursache hat, wer hat Gott geschaffen?

AB: Niemand. Eine Ursache bringt eine Möglichkeit zur Wirklichkeit. Da Gott aber aus sich selbst heraus Wirklichkeit ist, muss er keine Ursache haben.

FP: Verstehe. Sie sagen also, es gibt Gott, weil von Nichts nichts kommt und dieser Gott ist gut, weil wir gut sein sollen?

AB: Von irgendwoher muss uns dieser Imperativ treffen. Da „gut“ ein personaler Begriff ist, muss Gott, wenngleich er viel mehr als das ist, mindestens Person sein. In Bezug auf die Dreieinigkeit Gottes ist an dieser Stelle übrigens interessant, dass sich Personalität stets interpersonal vollzieht. Wenn Gott vor aller Schöpfung Gott ist, dann muss ihm eine personale Vielheit innewohnen.

FP: Das führt an dieser Stelle allerdings zu weit, die Aufmerksamkeit der Leser ist begrenzt. Viel lieber würde ich daher auf ihren persönlichen Glauben zurückkommen.

AB: Alles der Reihe nach. Wenn Gott also eine Person ist und Liebe der Stoff ist, der Personen dazu bringt, sich interpersonal zu verwirklichen, dann kann ich es nachvollziehen, dass Johannes in seinem Evangelium schreibt: Gott ist Liebe! Lieben kann ich aber keine Gruppe, sondern immer nur Einzelpersonen. Und daher sagt der Gott der Bibel von sich auch nicht, dass er der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist, sondern er sagt, dass er der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs ist. Für jeden persönlich, immer derselbe, aber niemals der Gleiche.

FP: Wenn er niemals der Gleiche ist, könnte man dann aber nicht auch sagen, dass er der Gott eines Christen, der Gott eines Moslems und der Gott eines Andersgläubigen ist, je nachdem, wie er Menschen begegnet?

AB: Ich habe aber auch gesagt, immer derselbe. Nicht die Weise der Begegnung bestimmt seine Art, sondern seine Art bestimmt die Weise der Begegnung. Ist Gott von seiner Art her Liebe, dann macht es nach alledem, was ich über Liebe weiß, Sinn, dass sich Gott zum Menschen macht (die Engel würden vermutlich sagen, zum Affen), um diesem auf Augenhöhe zu begegnen. Kierkegaard sagt, Gott ist der ganz Andere, er steht so weit über mir, dass ich eigentlich nichts von ihm wissen kann. Nikolaus von Kues sagt, Gott ist der Nicht-Andere, er ist mir so nah, dass ich ihn gar nicht wahrnehme. Beide haben Recht, aber echte Begegnung kann nur stattfinden, wenn Gott auch der Andere ist, der also, der mir in meinem Menschsein gleich ist.

FP: Das passt ja jetzt sehr schön zu Weihnachten: Gott wird Mensch! Aber passt dies auch zu der Vorstellung, dass Gott Mensch wird, um, wie man so sagt, die Welt zu retten?

AB: Ich gehöre zu denen, die sagen, dass die Inkarnation sowieso stattgefunden hätte, denn das ist die Klimax des menschlichen Lebens: Der unvergängliche Same, der in das vergängliche Leben gesät wird und darauf folgend die finale Hochzeit von Himmel und Erde. Aber gerade deswegen, weil die Welt auf die Vergänglichkeit zusteuert, ist es notwendig, dass sie gerettet wird. Heute abend, habe ich gelesen, läuft der Film Titanic im Fernsehen. Wenn das Schiff, das sich Leben nennt, auf einen Eisberg zusteuert, dann muss jemand an Bord kommen, der den Willen und die Kraft hat, das Steuer umzureißen.

FP: Nun ist die Zeit fast um und ich warte immer noch auf ein persönliches Bekenntnis, daher zum Schluss noch einmal die Frage, glauben Sie das wirklich alles, was Sie sagen?

AB: Ich befürchte, um das zu erörtern, müssen wir das Gespräch zu gegebener Zeit fortsetzen. Für heute vielleicht nur so viel: Man kann für nichts, was man zu wissen glaubt, 100% Gründe haben. Wissen beruht immer auf einem Für und Wider, eine Entscheidung dagegen auf einem Entweder Oder. Für eine Person, egal ob Gott oder Mensch, entscheidet man sich aber nicht nur aus rationalen Gründen, sondern, weil man von dieser Person auf einer existentiellen Ebene, die das gesamte Denken, Handeln, Fühlen und Hoffen berührt, im wahrsten Sinne des Wortes hingerissen ist.

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