Der barmherzige Atheist

Ein Mann liegt am Straßenrand, blutverschmiertes Gesicht, wahrscheinlich zusammengeschlagen worden.
Ein Hindu kommt des Weges.
„Hilfe!“ wimmert der Verletzte.
Der Hindu bleibt stehen, überlegt kurz und sagt: „Tut mir leid, mein Freund, aber dir ist am besten geholfen, wenn ich dir nicht helfe. Da musst du jetzt ganz alleine durch, dein Karma abarbeiten, dann wird im nächsten Leben alles besser.“
Der Hindu lächelt noch mitleidig und geht weiter.
Nur wenig später kommt ein Moslem des Weges.
„Hilfe!“ wimmert der Verletzte.
Der Moslem mustert ihn eindringlich. Dabei entdeckt er das Brandmal auf der Hand, mit dem Diebe markiert werden.
„Das ist die gerechte Strafe“, faucht er den Verletzten an. „Und guck nicht so unschuldig, du weißt ganz genau wofür!“
Zur Bekräftigung spuckt er noch auf den Boden und geht weiter.
Nur wenig später kommt ein Christ des Weges.
„Hilfe!“ wimmert der Verletzte.
Obwohl es der Christ eilig hat, verlangsamt er seinen Gang. „Hab keine Angst, Bruder!“ sagt er sanft. „Jesus wird dir helfen. Dank meiner Gebete wird Jesus dir helfen!“
Dann streicht er ihm im Vorübergehen noch durchs Haar und nimmt wieder Tempo auf.
Nur wenig später kommt ein Atheist des Weges.
„Hilfe!“ wimmert der Verletzte.
„Das ist ja wieder typisch!“ ruft der Atheist dem nur einen Steinwurf entfernten Christen hinterher. „Im Beten ganz groß, aber bloß nicht die Finger schmutzig machen!“
Der Christ dreht sich um und sieht den Atheisten, wie er fürsorglich neben dem Verletzten kniet. Ich kann mich doch von einem Atheisten nicht beschämen lassen, denkt er sich, und hastet zurück.
Als er die beiden erreicht, versäumt er es nicht, sich ebenfalls hinzuknien.
„Ich wollte ja nur kurz den Moslem vor mir fragen, ob er nicht auch helfen kann“ sagt der Christ nun wie selbstverständlich. Und dann laut den Weg entlang: „Aber das ist natürlich typisch, dass der Moslem einfach weitergeht!“
Der Moslem ist noch in Reichweite. Er dreht sich um, und sieht den Christen, wie er dem Verletzten  mildtätig den Kopf tätschelt. Ich kann mich doch von einem Christen nicht beschämen lassen, denkt er sich, und hastet zurück.
Als er sie erreicht, versäumt er es nicht, den Verletzten ebenfalls zu tätscheln.
„Aua!“ sagt er Verletzte.
„Ich wollte ja nur kurz den Hindu vor mir fragen, ob er nicht auch helfen kann“, sagt der Moslem nun wie selbstverständlich. Und dann laut den Weg entlang: „Aber der Hindu ist natürlich viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt als anderen zu helfen!“
Der Hindu dreht sich um und sieht in der Ferne, wie der Moslem dem Verletzten tröstend im Arm hält. Ich kann mich doch von einem Moslem nicht beschämen lassen, denkt er sich, und hastet zurück.
Als er sie erreicht, versäumt er es nicht, den Verletzten ebenfalls fest an sich zu drücken.
„Aua, aua!“ sagt der Verletzte.
„Ich wollte ja helfen“, sagt der Hindu nun wie selbstverständlich, „aber dann habe ich den Moslem hinter mir gesehen, und da dachte ich mir, ich schenke ihm die gute Tat! Doch ihr habt natürlich Recht, ohne mich wird es nicht gehen.“
Nach einer kurzen Weile betretenen Schweigens, begleitet von dem sonoren Stöhnen des Verletzten, meldet sich der Atheist wieder zu Wort. „Alles schön und gut“, sagt er „aber bemüht euch nicht. Dort hinten ist ein Gasthaus, da bringe ich den Verletzten hin, dann kann ihn der Gastwirt gesund pflegen.“
„Musst du nicht“, erwidert der Christ, „ich habe es nicht eilig, ihr könnt alle gehen, ich bringe ihn dahin!“
„Mach dir keine Umstände“, erwidert der Moslem, „mein Termin hat sich verschoben, ich bringe ihn dahin!“
Nicht nötig“, erwidert der Hindu, „ich habe gar keinen Termin, ich bringe ihn dahin!“
Der Christ zögert nicht lange und versucht den Verletzten zu schultern. Der Moslem und der Hindu zögern auch nicht lange und versuchen ihrerseits, ihn davon abzuhalten.
„Aua, aua, aua!“ sagt der Verletzte.
Von dem ganzen Gezeter angelockt, eilt ein weiterer Passant herbei. Die Männer kennen ihn, es ist Salomo, einer der Dorfweisen.
„Kann ich helfen?“ fragt Salomo, der in der Hand einen Spazierstock hält. Aber nein, es ist gar kein Spazierstock, es ist eine Säge!
Die Männer schauen sich an.
„Nein, mir geht schon wieder viel besser, danke!“ sagt der Verletzte.
„Maul halten, Dieb!“ sagt der Moslem und verpasst ihm einen Tritt.
„Wir kommen zurecht!“ sagt der Christ.
„Liebe Grüße an die Familie!“ sagt der Atheist.
„Von mir auch!“ tönt es im Chor.
Nachdem Salomo weg ist, fällt ihnen auf, dass der Verletzte mittlerweile ohnmächtig ist.
Der Atheist spricht ein Machtwort. „Wir bringen ihn jetzt gemeinsam ins Gasthaus! Der Christ und Moslem greifen ihn unter Steiß und Beine, der Hindu und ich unter Rücken und Kopf, und dann vorsichtig!“
„Gute Idee, für einen Atheisten!“ sagt der Moslem.
„Hätte von mir sein können!“ sagt der Christ.
Am Gasthaus empfängt sie bereits der besorgte Wirt.
„Legt ihn dort auf die Bank, ich kümmere mich um ihn!“ weist er die Männer an.
Die Männer tun, was der Wirt sagt und legen anschließend noch etwas Geld für die Versorgung des Verletzten zusammen. Nachdem alles geregelt ist, machen sie sich wieder auf den Weg.
Keine zehn Minuten vergehen, da klopft es an der Tür. Der Wirt öffnet, vor ihm steht der Christ.
„Ist der Verletzte immer noch ohnmächtig?“ fragt er.
„Ja“, sagt der Wirt.
„Ich gebe dir weitere 50 Taler, wenn du ihm sagst, dass der Christ ihn hierher gebracht hat.“
„Gut“, sagt der Wirt.
Zehn Minuten später klopft es wieder an die Tür. Es ist der Moslem.
„Was wollte denn gerade der Christ von dir?“ fragt er den Wirt.
„Er hat mir 50 Taler gegeben, damit ich dem Verletzten sage, der Christ habe ihn hierher gebracht!“ antwortet der Wirt wahrheitsgemäß.
„Das ist doch wohl das Letzte!“ schimpft der Moslem. „Ich gebe dir 100 Taler, wenn du dem Verletzten sagst, der Moslem habe ihn hierher gebracht.“
„Gut“, sagt der Wirt.
Weitere 10 Minuten später steht der Hindu vor der Tür.
„Was wollte denn gerade der Moslem von dir?“ fragt er den Wirt.
„Er hat mir 100 Taler gegeben, damit ich dem Verletzten sage, der Moslem habe ihn hierher gebracht!“
„Dieses scheinheilige Lügenmaul!“ flucht der Hindu. „Ich gebe dir 200 Taler, wenn du dem Verletzten sagst, der Hindu habe ihn hierher gebracht.“
„Aber musst du dem Verletzten denn  nicht sein Karma abarbeiten lassen?“
„Das spielt doch keine Rolle mehr Mann, hier geht’s  um meine Ehre!“
Als auch der Hindu weg ist, geht der Wirt zurück in die Stube. Er beugt sich über den Verletzten, der immer noch regungslos auf der Bank liegt. Doch er ist ja gar nicht ohnmächtig, er schnarcht! Der Wirt schüttelt ihn. „Wach endlich auf, du Penner!“
Der Verletzte öffnet die Augen. „Und?“ fragt er den Wirt gespannt.
Der Wirt muss grinsen. „Es hat schon wieder geklappt. 30 Taler von allen zusammen und dann nochmal 350 obendrauf.
Jetzt muss auch der Verletzte grinsen.
„Wasch dir die rote Farbe aus dem Gesicht“, befiehlt der Wirt, „und dann geh und bring dem Atheisten seinen Anteil!“

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