Antifragilität und Gott

Noch eine Ergänzung zum letzten Beitrag. Laut dem Philosophen Karl Jaspers ist das Leben auf eine ganz existentielle Weise immer mit Schuldgefühlen verbunden, da man nicht leben kann, ohne zu verdrängen. Das heißt, wenn ich einen Weg asphaltiere, verdränge ich die Natur. Wenn sich ein Arbeitgeber für mich entscheidet, verdränge ich die Mitbewerber. Ebenso, wenn sich eine Frau für mich entscheidet. Und selbst, wenn ich nur hier sitze und schreibe, verdränge ich Naturressourcen wie Sauerstoff und Energie. Und das ganze Spiel geht früh los, denn zwar kann ich dankbar sein, die Eizelle als Erster erreicht zu haben, aber ein bisschen leid für die Mitstreiter tut es mir doch.

Bei allem Mitgefühl ist es aber laut Nassim Nicholas Taleb (Autor von „Antifragilität“) so, dass gerade diese Verdrängungsprozesse das Leben voranbringen und besser machen. Denn bin ich mir der Tatsache bewusst, dass ein Job oder eine Frau auch von anderen umworben wird, muss ich mich extrem anstrengen, ihn oder sie zu bekommen. Und führe ich ein eigenes Unternehmen, oder bin beispielsweise an einem Versandhandel für Boxspringbetten beteiligt, ist die Konkurrenz extrem groß und ich muss immer mein bestes geben, um nicht verdrängt zu werden, wovon letztendlich der Kunde profitiert.

Habe ich nun im letzten Beitrag erwähnt, dass dem Leben Ordnung zugrunde liegt und sage ich jetzt, dass es auf Verdrängung beruht, dann schließt sich das nicht unbedingt aus, sofern man Verdrängung als ordnendes Prinzip begreift. Wobei ich an dieser Stelle aufpassen muss, nicht missverstanden zu werden, denn natürlich kann Verdrängung auch Unordnung stiften. Das heißt, wenn ein Kunde bei uns sein Bett kauft und nicht bei der Konkurrenz, weil wir ihm ein gutes Bett zum fairen Preis verkaufen, dann ist das, obwohl ich einen Konkurrenten verdrängt habe, in Ordnung. Wenn er dagegen bei uns kauft, weil wir ihm Ramsch zum Billigpreis verkaufen, dann bringt das auf lange Sicht die ganze Branche in Unordnung. Letztlich ist also immer die Frage, ob Verdrängung stattfindet, weil sich jemand für den Kunden / den Partner / den Menschen / das Leben einsetzt und somit Ordnung stiftet oder gegen den Kunden / den Partner / den Menschen / das Leben handelt und somit Unordnung anrichtet.

Wie ist Verdrängung als Prinzip aber mit einem Gott in Einklang zu bringen, der das Beste für jeden Menschen will? Denn letztlich drängt jede Verdrängung irgendwen ins Unglück, zum Beispiel denjenigen, der seinen Job verliert.

Vielleicht kann man so sagen: Wer unglücklich ist, der leidet an einem Verlust, z.B. den des Jobs oder eines Menschen oder von Gesundheit. Jeder Verlust ist aber der Verlust von Beziehung (zum Job, zu einem anderen Menschen, zu sich selbst, zu seinem Körper oder zu Dingen). Da sich aber unsere Identität aus Beziehungen speist, ist ein Verlust von Beziehung gleichzeitig ein Verlust von Identität. Ist es nun aber so, dass unsere Identität im Kern durch unsere Beziehung zu Gott bestimmt wird, dann kann Verdrängung auch bedeuten, nicht ins Unglück gedrängt zu werden, sondern zu Gott hin gedrängt zu werden, um in dessen Gegenwart seine eigentliche Identität zu finden. Diese Identität wäre aber nun wiederum in diesem Sinne identitätsstiftend, als dass durch die Beziehung zu Gott alle anderen Beziehungen neu angeordnet werden.

Letztlich hat der Mensch also zwei Identitäten, eine in der Natur und eine in Gott. Während erstere allerdings vom Leben getötet und vom Tod begraben werden kann, ist zweite sicher bei Gott verwahrt. Mit Nassim Nicholas Taleb gesprochen ist das Leben in diesem Sinne tatsächlich antifragil, also nicht fragil, weil es weder vom Leben noch vom Tod zerstört werden kann, aber auch nicht stabil, weil es zwar unzerstörbar, aber nicht unantastbar ist, sondern ganz im Gegenteil sogar angetastet (beschnitten) werden muss, um überhaupt wachsen zu können.

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