Darf man lügen?

Langweiliger Originaltitel: Wahrheit und Ordnung

Nun ist es ja nicht so, dass ich über Wahrheit noch nie etwas geschrieben hätte, und doch zuckt ein weiterer Gedanke im Kescher, bzw. im Kurzzeitgedächtnis, weswegen ich mich beeilen will, ihn auszuschreiben. Vorwegschicken würde ich aber trotzdem gerne ein Wort von Nietzsche, der einmal meinte, dass alle Philosophie sich am Leben messen muss. Und das gilt natürlich auch für die Wahrheit als Hauptinteresse der Philosophie. Mit dem Leben ist es aber so eine Sache, denn es gibt solches und solches. Es gibt Leben, das in Ordnung und sich daher gut anfühlt, und es gibt Leben, das in Unordnung ist und sich daher schrecklich anfühlt.

Letzte Woche war ich im KZ Buchenwald, Menschen zum Erdrosseln an Haken aufzuhängen ist ganz sicher Leben, das nicht in Ordnung ist, bzw. möglicherweise die Grenze dessen, was man als Leben bezeichnen kann, schon längst überschritten hat. Zu viel Unordnung bringt den Tod; einen Entzündungsherd kann der Körper vertragen, aber ist der ganze Körper entzündet, stirbt er irgendwann.

Ist Ordnung also eine Grundbedingung des Lebens, könnte man vielleicht sagen, dass es die wesentliche Funktion von Wahrheit ist, Ordnung herzustellen, das Leben also zu ordnen. Grammatik ist dabei insofern wahr, wenn sie das Verhältnis der Satzteile logisch ordnet. Sprache ist insofern wahr, wenn sie das Verhältnis der Dinge logisch ordnet.

Wahrheit ist aber nun nicht nur ein logischer Begriff, sondern vor allem ein moralischer, wobei das Prinzip vermutlich gleich ist. Das heißt, ebenso wie Sprache dient auch Moral dazu, die Wirklichkeit zu ordnen und damit das Leben zu fördern. Und ebenso wie die Sprache muss auch die Moral in Ordnung sein (also so gesehen eine moralische Grammatik besitzen), um überhaupt die Wirklichkeit ordnen zu können. Was passiert, wenn sie es nicht ist, sieht man beispielsweise im erwähnten KZ Buchenwald oder aktuell an den Machenschaften des IS.

Wenn Wahrheit aber dazu da ist, das Leben in Ordnung zu bringen, dann würde ich Kant widersprechen, dass man auf gar keinen Fall lügen darf, also auch nicht, wenn man in Nazideutschland Juden versteckt hält und diesbezüglich die Gestapo anlügt. Streng genommen würde man, wenigstens nach meiner Logik, sogar die Wahrheit sagen, bzw. zwar lügen, aber im Sinne der Wahrheit, da man Unrecht und damit Unordnung aufhalten und folglich das Leben fördern würde. Hinter dem Satz „Nein, ich habe keine Juden versteckt“ stünde also die Illokution (Intention): „Ja, ich habe Juden versteckt, aber um das Leben zu beschützen, werde ich dir Arschloch dies nicht verraten.“

Ist nun Jesus die Wahrheit in Person, dann ist er selbst in Ordnung und nur daher auch in der Lage, die Welt in Ordnung zu bringen. Sagt Platon lange vor Jesus, dass in einer ungerechten Welt der Gerechte unweigerlich aufgeknüpft wird, dann musste Jesus sterben, weil eine Welt, die sich an die Unordnung bereits so sehr gewöhnt hat, dass sie Unordnung mit Ordnung verwechselt, von einem Menschen, der in Ordnung ist, denken muss, dass er nicht in Ordnung ist und somit nur Chaos stiftet.

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