Auf der Suche nach Wahrheit

Dass es mit der Wahrheit so eine Sache ist, sieht man ja schon daran, dass ich sagen könnte, der Mensch ist eine Fett-Eiweiß-Verbindung und damit zwar Recht hätte, aber den Punkt irgendwie auch nicht richtig treffen würde; mal ganz davon abgesehen, welchen Ärger ich mir damit bei gewissen Frauen einheimsen könnte: „Was soll ich sein? Eine Fett-Verbindung? Du Arschloch!“ Und Klatsch. Wobei, im Fitnessstudio, unter den Jungs, käme so was wahrscheinlich sogar ganz gut an. „Alter im Ernst, ne` Eiweiß-Verbindung? Is` ja geil. Dann mal ran an die Geräte!“

Es wird deutlich, dass sich bei der Suche nach Wahrheit mindestens zwei Probleme auftun. Erstens hängt das, was hinten rauskommt, immer davon ab, was man vorne reinsteckt (auf einmal habe ich Hunger), die Antwort also davon ab, welche Frage man stellt. Und zweitens hört man sowieso nur das, was man hören will oder kann. Bestünde die Antwort auf alles also aus einer mathematischen Formel, würde ich als Mathe-Noob nur wohlwollend nicken können, aber, insofern andere Zeichen als Plus und Minus im Spiel sind, wahrscheinlich kein Wort verstehen.

Erschwerend kommt bei der Suche nach Wahrheit hinzu, dass man schon alles bedenken und hierfür alles wissen müsste, um überhaupt eine adäquate Antwort zu geben. Ansonsten bleibt es bei Popper und der Mensch kann immer nur sagen, was Wahrheit nicht ist, nicht aber, was Wahrheit ist.

Alles bedenken und alles wissen, das aber kann nur einer, Gott, und insofern wäre er die Wahrheit schlechthin. Das Problem ist nur, Gott ist absolut und der Mensch tut sich als relatives Wesen gewöhnlich ziemlich schwer damit, das Absolute zu denken. Wenn nun aber Jesus daherkommt und sagt „Ich bin die Wahrheit“, dann unterstreicht dies nicht nur seinen göttlichen Ursprung, sondern dann will er damit wohl auch betonen, dass er ist es, der Gott und Mensch verbindet; die ewigen Wahrheiten also auf unser endliches Niveau herunterbricht.

Und noch etwas will er wahrscheinlich sagen: Er ist es, dessen Antwort angemessen ist; die also genau die richtige Passgröße hat. Denn Wahrheit ist nichts, was man mit der Gießkanne ausschüttet, sondern wahr ist eine Antwort immer nur, wenn sie die subjektive Frage beantwortet. Und hierfür ist etwas mehr nötig als Wissen und Vernunft; darüber hinaus nämlich auch die Fähigkeit einer größtmöglichen Empathie, um sich in den anderen hineinversetzen und somit überhaupt die Frage und deren subjektive Intention erfassen zu können. Und zusätzlich natürlich eine größtmögliche moralische Integrität, denn genauso wie der Mensch nicht nur ein rationales, sondern auch ein moralisches Wesen ist, so ist Wahrheit nicht nur eine rationale, sondern auch eine moralische Größe, die dem Guten verpflichtet ist. Das heißt, weil wir in einem moralischen Universum leben, ist es schon intuitiv nicht wahr, dass Hitler gut und Mutter Theresa böse ist. Und so gesehen muss auch eine Antwort, will sie wahr sein, es auch immer gut mit dem Fragesteller meinen.

Hat die eigene Frau also um Weihnachten herum 5kg zugenommen, dann lautet die adäquate Antwort auf die Frage „Wie sehe ich aus?“ eben nicht „Du bist ganz schön fett geworden!“, sondern vielleicht eher „Ich liebe dich und je mehr es von dir gibt, desto besser!“ Aber auch diese Antwort wäre tatsächlich nicht adäquat, denn durch Schmeicheln lösen sich die Kilos zu viel ja nicht in Luft auf. (Ich merke gerade, ich bewege mich auf ganz dünnem Eis). Wenn also jemand dank übermäßigem Süßigkeitenkonsum, sagen wir, 100kg zunimmt und schon kurz vorm Herzinfarkt steht, dann hilft es nichts zu sagen: „Ich liebe dich, mach genauso weiter!“, sondern dann wäre es angemessen, die Person in aller Liebe auf das gesundheitliche Risiko hinzuweisen.

Die Betonung dabei liegt allerdings auf „In aller Liebe“, denn es gibt einen großen Unterschied zwischen „Etwas Liebes sagen“ und „Etwas in Liebe sagen“. Und genauso gibt es einen Unterschied zwischen „Etwas Wahres sagen“ und „Etwas in Wahrheit sagen“. Und wieder einmal bin ich bei Erich Fromm, denn Liebe und und Wahrheit, die kann man nicht einfach besitzen, sondern das sind Seinszustände, in die man hineinwachsen muss. Wenn also der Mensch ohne Gott verloren geht, dann wäre es lieblos, das nicht zu erwähnen, aber auf einem anderen Blatt steht, wie man es sagt. Und in diesem Sinne wäre es, egal, ob sich das wirklich so zugetragen hat oder nicht, dann auch nicht besonders hilfreich, wenn der Pastor bei der Beerdigung auf den Sarg klopft und in die Runde ruft: „Hört ihr, er brennt schon!“

Hängt, wie gesagt, die Wahrheit aber nicht nur von der Angemessenheit der Antwort, sondern auch von der Angemessenheit der Frage ab und ist der Mensch im Allgemeinen nicht besonders gut darin, angemessene Fragen zu stellen, dann würde ich vermuten, dass sich Gott gar nicht groß von unseren Fragen abhängig macht, sondern selbst die Initiative ergreift und uns die eine wesentliche Frage stellt, auf die wir zu antworten haben. Und die eine wesentliche Frage, auf die wir zu antworten haben und in deren Beantwortung sich Wahrheit heraus kristallisiert, ich würde meinen, diese Frage lautet: „Petrus, oder wer auch immer, der Name ist austauschbar, liebst du mich?“

Advertisements

2 Gedanken zu „Auf der Suche nach Wahrheit“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s