Auferstehung

Als ich gestern in der Stadt war, ist etwas Merkwürdiges passiert. Ein Mann schleicht von hinten an mich heran. Er klopft mir auf die Schulter und fragt, ob ich Lust auf ein Abenteuer hätte? Da ich von Natur aus ein abenteuerlustiger Mensch bin, bejahe ich dies. Er führt mich zwei Straßen weiter in einen Hinterhof, dort eine schmale Treppe hinunter, hinein in ein Kellerverlies, bis wir endlich vor einer gusseisernen Tür stehen. Als er sie aufschließt, staune ich nicht schlecht. Der Raum ist vollgestopft mit allerlei technischem Gerät, es blinkt und blitzt überall. In der Raummitte steht eine Art Raumsonde. Der Mann klärt mich auf, dass dies eine Zeitmaschine sei. Er benötige Freiwillige, die sie testen. Ich wäre nicht der Erste. Sie würde auch einwandfrei funktionieren. Ob ich Lust hätte und wo es denn hingehen soll? Ich muss natürlich nicht lange überlegen, denn so eine Gelegenheit bietet sich wahrscheinlich nie wieder. Auch das Ziel habe ich vor Augen. Gerade erst hatte ich im Internet von einem Historiker gelesen, dem es gelungen war, die Todesnacht Christi auf den Tag genau zu berechnen. Dort wolle ich hin, sage ich dem Mann, um mit eigenen Augen zu sehen, wie der Auferstandene aus dem Grab steigt. Ich gebe ihm mein Handy, damit er anhand der Internetseite die richtigen Parameter für Raum und Zeit einstellen kann. Nachdem er das getan hat, öffnet er die Sonde und bittet mich, einzusteigen. Der Sitz ist eng und nicht sehr bequem. Der Mann sagt, dass sei nicht so schlimm, die Überfahrt würde nicht lange dauern. Er schließt die Sonde und durch die Plastikhaube sehe ich zu, wie das Zimmer schwindet und sich vor mir erst Dunkelheit und dann Bäume und Sträucher auftun. Nach wenigen Augenblicken meldet sich eine Computerstimme. „Sie haben Ihre Destination erreicht!“ Die Haube öffnet sich und kalte Waldluft strömt hinein. Ich erhebe mich und setze einen ersten Schritt in die Nacht. Das Mondlicht, das durch die Baumkronen leuchtet, zeichnet den Umriss eines dünn besiedelten Waldes. Langsam taste ich mich vorwärts, um die Umgebung zu erkunden. Nach ein paar Schritten bleibe ich stehen, da ich Stimmen vernehme. Ich folge ihnen und erblicke die Silhouette zweier Soldaten, die eine Art Höhle bewachen, deren Eingang ein schwerer Stein verschließt. Um nicht entdeckt zu werden, verstecke ich mich hinter einem dicht gewachsenen Busch. Es scheint tatsächlich geklappt zu haben, schießt es mir durch den Kopf, während ich versuche, möglichst leise eine bequeme Sitzposition einzunehmen. In Kürze würde ich Zeuge dessen, was ich immer schon geglaubt hatte. Aus der Dunkelheit heraus würde es hell aufblitzen. Engel würden erscheinen. Die Soldaten vor Schreck fliehen. Der Stein würde weggerollt und der auferstandene Christus in strahlend weißer Gestalt aus der Höhle heraustreten, eben noch tot und jetzt lebendiger als je zuvor. Mein Herz schlägt mir plötzlich bis zum Hals. Nervös riskiere ich durch das Blattwerk hindurch einen Blick, um zu sehen, ob sich schon etwas tut. Aber die Soldaten stehen immer noch da und unterhalten sich. Ihr armen Narren, denke ich. Das, was ihr bewacht, ist stärker als der Tod, euer Schwert wird euch nichts nützen, euer Kaiser euch nicht retten können, denn die Mächte dieser Welt sind besiegt! Ich spüre, dass der große Moment kurz bevorsteht. Fast bin ich geneigt, die letzten Sekunden herunter zu zählen. Zehn, neun, acht und bei eins gleißendes Licht, aus dem neues Leben hervorbricht. Gespannt starre ich in Richtung Höhle. Minuten vergehen, aber nichts tut sich. Nach einer gefühlten Stunde ziehe ich den Kopf zurück. Mein Oberschenkel schmerzt, sodass ich nochmals die Sitzposition wechsele. Während ich warte, kommen mir andere Gedanken in den Sinn: Was ist, wenn das Grab verschlossen bleibt? Wenn keine Engel erscheinen? Wenn es Morgen wird und die Welt immer noch die Selbe ist? Ich frage mich, ob ich das überhaupt wissen will oder ob es nicht viel besser wäre, wieder in meine Zeitmaschine zu steigen und weiter in Hoffnung und Glauben, statt in Gewissheit zu leben. Und selbst wenn Jesus aus dem Grab steigen würde, ja, selbst wenn er mich berührt, woher weiß ich, dass ich, wenn ich zurück bin, all dies nicht nur geträumt hätte? Mit diesen Gedanken überkommt mich schlagartig die Angst, von den Soldaten erwischt zu werden. Vermutlich würden sie mich auf der Stelle töten oder wenigstens verhaften, sodass ich den Rest des Lebens in einer römischen Zelle zubringen müsste, fernab jeder Hoffnung auf Rettung. Da ich nicht weiß, wie spät es ist, beschließe ich, augenblicklich zur Zeitmaschine zurückzukehren, um noch vor der Morgendämmerung die Heimreise anzutreten. Ganz langsam robbe ich über den Waldboden, mit jeder Bewegung darauf bedacht, bloß keine Geräusche zu machen. Erst als ich wieder in der Sonde sitze und sich über mir die Haube schließt, atme ich auf. Mit immer noch zitternden Händen drücke ich die Return-Taste. Der Wald verschwimmt vor meinen Augen und nur wenig später befinde ich mich zurück im Kellerverlies des Fremden. Wie die Reise gewesen wäre, fragt er mich neugierig. „Eindrücklich“, sage ich. Da ich den Drang nach Tageslicht verspüre, verabschiede ich mich relativ zügig. Draußen blinzele ich in die Sonne, die immer noch am Himmel steht. Von Weitem höre ich Glockenläuten, es erinnert mich an ein altes Kirchenlied: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern, so sei nun Lob gesungen, dem hellen Morgenstern! Menschen wuseln eilig um mich herum. An der Ecke sitzt ein Bettler. Was ist Traum und was ist Wirklichkeit? Was ihr den Geringsten unter euch getan habt, das habt ihr mir getan! Ich mache mich auf den Weg und tauche neu ein in die Realität des Lebens.

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Interview: Woran ich glaube

Dies ist das Interview, das die „Fictional Post“ mit mir angesichts von Weihnachten über meinen Glauben an Gott geführt hat.

FP: Herr Brinkmann, nach außen geben Sie den gläubigen Christen, heute wollen wir uns einmal das Innenleben ansehen, ich frage daher, woran glauben Sie?

AB: Ich glaube an Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und…

FP: Sie haben vor, das Glaubensbekenntnis zu rezitieren?

AB: Da steckt alles drin.

FP: Können wir aber alle selber nachlesen, daher bitte in ihren eigenen Worten.

AB: Verstehe, in dem Fall wäre zunächst einmal interessant, wessen ich mir gewiss bin, denn auf irgendeinem Sockel muss der Glaube ja stehen. Was also leuchtet ein, ohne es weiter begründen zu müssen? Ich würde sagen, nur zwei Dinge: dass ich bin und dass ich gut sein soll.

FP: Jemand wie Nietzsche würde letzteres bezweifeln, er würde sagen, dass Moral nur ein soziales Konstrukt ist, geschaffen von den Schwachen, um die Starken niederzuhalten.

AB: Ich sehe, Sie haben Ihren Zarathustra gelesen, dennoch würde ich an beiden festhalten, da das eine das andere bedingt: Um gut zu sein, muss ich sein und um zu sein, muss ich gut sein. Das Böse steckt bekanntlich im Nenner. Je größer das Böse, desto kleiner das Sein, das weiß man nicht erst seit Auschwitz.

FP: Und daraus, dass der Mensch gut sein soll, schließen Sie, dass es einen Gott gibt?

AB: Zunächst einmal gilt die alte Regel: Von Nichts kommt nichts. Allein also, dass ich bin, deutet auf einen Gott hin.

FP: Aber, wenn alles eine Ursache hat, wer hat Gott geschaffen?

AB: Niemand. Eine Ursache bringt eine Möglichkeit zur Wirklichkeit. Da Gott aber aus sich selbst heraus Wirklichkeit ist, muss er keine Ursache haben.

FP: Verstehe. Sie sagen also, es gibt Gott, weil von Nichts nichts kommt und dieser Gott ist gut, weil wir gut sein sollen?

AB: Von irgendwoher muss uns dieser Imperativ treffen. Da „gut“ ein personaler Begriff ist, muss Gott, wenngleich er viel mehr als das ist, mindestens Person sein. In Bezug auf die Dreieinigkeit Gottes ist an dieser Stelle übrigens interessant, dass sich Personalität stets interpersonal vollzieht. Wenn Gott vor aller Schöpfung Gott ist, dann muss ihm eine personale Vielheit innewohnen.

FP: Das führt an dieser Stelle allerdings zu weit, die Aufmerksamkeit der Leser ist begrenzt. Viel lieber würde ich daher auf ihren persönlichen Glauben zurückkommen.

AB: Alles der Reihe nach. Wenn Gott also eine Person ist und Liebe der Stoff ist, der Personen dazu bringt, sich interpersonal zu verwirklichen, dann kann ich es nachvollziehen, dass Johannes in seinem Evangelium schreibt: Gott ist Liebe! Lieben kann ich aber keine Gruppe, sondern immer nur Einzelpersonen. Und daher sagt der Gott der Bibel von sich auch nicht, dass er der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist, sondern er sagt, dass er der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs ist. Für jeden persönlich, immer derselbe, aber niemals der Gleiche.

FP: Wenn er niemals der Gleiche ist, könnte man dann aber nicht auch sagen, dass er der Gott eines Christen, der Gott eines Moslems und der Gott eines Andersgläubigen ist, je nachdem, wie er Menschen begegnet?

AB: Ich habe aber auch gesagt, immer derselbe. Nicht die Weise der Begegnung bestimmt seine Art, sondern seine Art bestimmt die Weise der Begegnung. Ist Gott von seiner Art her Liebe, dann macht es nach alledem, was ich über Liebe weiß, Sinn, dass sich Gott zum Menschen macht (die Engel würden vermutlich sagen, zum Affen), um diesem auf Augenhöhe zu begegnen. Kierkegaard sagt, Gott ist der ganz Andere, er steht so weit über mir, dass ich eigentlich nichts von ihm wissen kann. Nikolaus von Kues sagt, Gott ist der Nicht-Andere, er ist mir so nah, dass ich ihn gar nicht wahrnehme. Beide haben Recht, aber echte Begegnung kann nur stattfinden, wenn Gott auch der Andere ist, der also, der mir in meinem Menschsein gleich ist.

FP: Das passt ja jetzt sehr schön zu Weihnachten: Gott wird Mensch! Aber passt dies auch zu der Vorstellung, dass Gott Mensch wird, um, wie man so sagt, die Welt zu retten?

AB: Ich gehöre zu denen, die sagen, dass die Inkarnation sowieso stattgefunden hätte, denn das ist die Klimax des menschlichen Lebens: Der unvergängliche Same, der in das vergängliche Leben gesät wird und darauf folgend die finale Hochzeit von Himmel und Erde. Aber gerade deswegen, weil die Welt auf die Vergänglichkeit zusteuert, ist es notwendig, dass sie gerettet wird. Heute abend, habe ich gelesen, läuft der Film Titanic im Fernsehen. Wenn das Schiff, das sich Leben nennt, auf einen Eisberg zusteuert, dann muss jemand an Bord kommen, der den Willen und die Kraft hat, das Steuer umzureißen.

FP: Nun ist die Zeit fast um und ich warte immer noch auf ein persönliches Bekenntnis, daher zum Schluss noch einmal die Frage, glauben Sie das wirklich alles, was Sie sagen?

AB: Ich befürchte, um das zu erörtern, müssen wir das Gespräch zu gegebener Zeit fortsetzen. Für heute vielleicht nur so viel: Man kann für nichts, was man zu wissen glaubt, 100% Gründe haben. Wissen beruht immer auf einem Für und Wider, eine Entscheidung dagegen auf einem Entweder Oder. Für eine Person, egal ob Gott oder Mensch, entscheidet man sich aber nicht nur aus rationalen Gründen, sondern, weil man von dieser Person auf einer existentiellen Ebene, die das gesamte Denken, Handeln, Fühlen und Hoffen berührt, im wahrsten Sinne des Wortes hingerissen ist.

Der barmherzige Atheist

Ein Mann liegt am Straßenrand, blutverschmiertes Gesicht, wahrscheinlich zusammengeschlagen worden.
Ein Hindu kommt des Weges.
„Hilfe!“ wimmert der Verletzte.
Der Hindu bleibt stehen, überlegt kurz und sagt: „Tut mir leid, mein Freund, aber dir ist am besten geholfen, wenn ich dir nicht helfe. Da musst du jetzt ganz alleine durch, dein Karma abarbeiten, dann wird im nächsten Leben alles besser.“
Der Hindu lächelt noch mitleidig und geht weiter.
Nur wenig später kommt ein Moslem des Weges.
„Hilfe!“ wimmert der Verletzte.
Der Moslem mustert ihn eindringlich. Dabei entdeckt er das Brandmal auf der Hand, mit dem Diebe markiert werden.
„Das ist die gerechte Strafe“, faucht er den Verletzten an. „Und guck nicht so unschuldig, du weißt ganz genau wofür!“
Zur Bekräftigung spuckt er noch auf den Boden und geht weiter.
Nur wenig später kommt ein Christ des Weges.
„Hilfe!“ wimmert der Verletzte.
Obwohl es der Christ eilig hat, verlangsamt er seinen Gang. „Hab keine Angst, Bruder!“ sagt er sanft. „Jesus wird dir helfen. Dank meiner Gebete wird Jesus dir helfen!“
Dann streicht er ihm im Vorübergehen noch durchs Haar und nimmt wieder Tempo auf.
Nur wenig später kommt ein Atheist des Weges.
„Hilfe!“ wimmert der Verletzte.
„Das ist ja wieder typisch!“ ruft der Atheist dem nur einen Steinwurf entfernten Christen hinterher. „Im Beten ganz groß, aber bloß nicht die Finger schmutzig machen!“
Der Christ dreht sich um und sieht den Atheisten, wie er fürsorglich neben dem Verletzten kniet. Ich kann mich doch von einem Atheisten nicht beschämen lassen, denkt er sich, und hastet zurück.
Als er die beiden erreicht, versäumt er es nicht, sich ebenfalls hinzuknien.
„Ich wollte ja nur kurz den Moslem vor mir fragen, ob er nicht auch helfen kann“ sagt der Christ nun wie selbstverständlich. Und dann laut den Weg entlang: „Aber das ist natürlich typisch, dass der Moslem einfach weitergeht!“
Der Moslem ist noch in Reichweite. Er dreht sich um, und sieht den Christen, wie er dem Verletzten  mildtätig den Kopf tätschelt. Ich kann mich doch von einem Christen nicht beschämen lassen, denkt er sich, und hastet zurück.
Als er sie erreicht, versäumt er es nicht, den Verletzten ebenfalls zu tätscheln.
„Aua!“ sagt er Verletzte.
„Ich wollte ja nur kurz den Hindu vor mir fragen, ob er nicht auch helfen kann“, sagt der Moslem nun wie selbstverständlich. Und dann laut den Weg entlang: „Aber der Hindu ist natürlich viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt als anderen zu helfen!“
Der Hindu dreht sich um und sieht in der Ferne, wie der Moslem dem Verletzten tröstend im Arm hält. Ich kann mich doch von einem Moslem nicht beschämen lassen, denkt er sich, und hastet zurück.
Als er sie erreicht, versäumt er es nicht, den Verletzten ebenfalls fest an sich zu drücken.
„Aua, aua!“ sagt der Verletzte.
„Ich wollte ja helfen“, sagt der Hindu nun wie selbstverständlich, „aber dann habe ich den Moslem hinter mir gesehen, und da dachte ich mir, ich schenke ihm die gute Tat! Doch ihr habt natürlich Recht, ohne mich wird es nicht gehen.“
Nach einer kurzen Weile betretenen Schweigens, begleitet von dem sonoren Stöhnen des Verletzten, meldet sich der Atheist wieder zu Wort. „Alles schön und gut“, sagt er „aber bemüht euch nicht. Dort hinten ist ein Gasthaus, da bringe ich den Verletzten hin, dann kann ihn der Gastwirt gesund pflegen.“
„Musst du nicht“, erwidert der Christ, „ich habe es nicht eilig, ihr könnt alle gehen, ich bringe ihn dahin!“
„Mach dir keine Umstände“, erwidert der Moslem, „mein Termin hat sich verschoben, ich bringe ihn dahin!“
Nicht nötig“, erwidert der Hindu, „ich habe gar keinen Termin, ich bringe ihn dahin!“
Der Christ zögert nicht lange und versucht den Verletzten zu schultern. Der Moslem und der Hindu zögern auch nicht lange und versuchen ihrerseits, ihn davon abzuhalten.
„Aua, aua, aua!“ sagt der Verletzte.
Von dem ganzen Gezeter angelockt, eilt ein weiterer Passant herbei. Die Männer kennen ihn, es ist Salomo, einer der Dorfweisen.
„Kann ich helfen?“ fragt Salomo, der in der Hand einen Spazierstock hält. Aber nein, es ist gar kein Spazierstock, es ist eine Säge!
Die Männer schauen sich an.
„Nein, mir geht schon wieder viel besser, danke!“ sagt der Verletzte.
„Maul halten, Dieb!“ sagt der Moslem und verpasst ihm einen Tritt.
„Wir kommen zurecht!“ sagt der Christ.
„Liebe Grüße an die Familie!“ sagt der Atheist.
„Von mir auch!“ tönt es im Chor.
Nachdem Salomo weg ist, fällt ihnen auf, dass der Verletzte mittlerweile ohnmächtig ist.
Der Atheist spricht ein Machtwort. „Wir bringen ihn jetzt gemeinsam ins Gasthaus! Der Christ und Moslem greifen ihn unter Steiß und Beine, der Hindu und ich unter Rücken und Kopf, und dann vorsichtig!“
„Gute Idee, für einen Atheisten!“ sagt der Moslem.
„Hätte von mir sein können!“ sagt der Christ.
Am Gasthaus empfängt sie bereits der besorgte Wirt.
„Legt ihn dort auf die Bank, ich kümmere mich um ihn!“ weist er die Männer an.
Die Männer tun, was der Wirt sagt und legen anschließend noch etwas Geld für die Versorgung des Verletzten zusammen. Nachdem alles geregelt ist, machen sie sich wieder auf den Weg.
Keine zehn Minuten vergehen, da klopft es an der Tür. Der Wirt öffnet, vor ihm steht der Christ.
„Ist der Verletzte immer noch ohnmächtig?“ fragt er.
„Ja“, sagt der Wirt.
„Ich gebe dir weitere 50 Taler, wenn du ihm sagst, dass der Christ ihn hierher gebracht hat.“
„Gut“, sagt der Wirt.
Zehn Minuten später klopft es wieder an die Tür. Es ist der Moslem.
„Was wollte denn gerade der Christ von dir?“ fragt er den Wirt.
„Er hat mir 50 Taler gegeben, damit ich dem Verletzten sage, der Christ habe ihn hierher gebracht!“ antwortet der Wirt wahrheitsgemäß.
„Das ist doch wohl das Letzte!“ schimpft der Moslem. „Ich gebe dir 100 Taler, wenn du dem Verletzten sagst, der Moslem habe ihn hierher gebracht.“
„Gut“, sagt der Wirt.
Weitere 10 Minuten später steht der Hindu vor der Tür.
„Was wollte denn gerade der Moslem von dir?“ fragt er den Wirt.
„Er hat mir 100 Taler gegeben, damit ich dem Verletzten sage, der Moslem habe ihn hierher gebracht!“
„Dieses scheinheilige Lügenmaul!“ flucht der Hindu. „Ich gebe dir 200 Taler, wenn du dem Verletzten sagst, der Hindu habe ihn hierher gebracht.“
„Aber musst du dem Verletzten denn  nicht sein Karma abarbeiten lassen?“
„Das spielt doch keine Rolle mehr Mann, hier geht’s  um meine Ehre!“
Als auch der Hindu weg ist, geht der Wirt zurück in die Stube. Er beugt sich über den Verletzten, der immer noch regungslos auf der Bank liegt. Doch er ist ja gar nicht ohnmächtig, er schnarcht! Der Wirt schüttelt ihn. „Wach endlich auf, du Penner!“
Der Verletzte öffnet die Augen. „Und?“ fragt er den Wirt gespannt.
Der Wirt muss grinsen. „Es hat schon wieder geklappt. 30 Taler von allen zusammen und dann nochmal 350 obendrauf.
Jetzt muss auch der Verletzte grinsen.
„Wasch dir die rote Farbe aus dem Gesicht“, befiehlt der Wirt, „und dann geh und bring dem Atheisten seinen Anteil!“

EM-Special: Gott bei Kierkegaard auf Fußballerdeutsch

Das Leben ist wie Fußball, sagt Hegel. Wichtig ist das Spiel. Oder besser gesagt, die Idee vom Spiel, die von der Mannschaft auf den Rasen getragen wird. Alles Quatsch, sagt dagegen Kierkegaard. Wichtig ist nicht das Spiel, sondern wichtig ist der Spieler. Es geht im Leben nicht um eine abstrakte Idee, sondern um die konkrete Existenz. Um das konkrete Spiel am Ball.

Im Gegensatz zu Hegel hat Kierkegaard nun allerdings ein Problem, denn die konkrete Existenz, das konkrete Spiel am Ball, gestaltet sich am Fuß weitaus schwieriger als im Kopf. Theorie und Praxis klaffen auseinander. Boateng soll hinten alles dicht machen, aber dann entwischt ihm der Gegner doch. Gomez soll vorne den Ball reinmachen, aber er köpft daneben.

Da die Spieler in der ersten (ästhetischen) Phase des Spiels aber einfach nur Lust haben, Fußball zu spielen, fällt diese Diskrepanz zwischen Idealität und Realität (zwischen Anspruch und Wirklichkeit) kaum auf.

Fallen dann aber die ersten Gegentore, schlägt in einer zweiten (ethischen) Phase die Euphorie schnell in Frustration um. Den Spielern dämmert, dass ihr Rumgebolze mit Fußball wenig zu tun hat. Im Kopf weiß Müller zwar wie man Tore schießt, aber er kriegt die Idee nicht auf den Rasen, sie wird nicht Teil seiner konkreten Existenz. Und Götze weiß im Kopf auch, dass man eigentlich nicht über den Ball stolpern darf, aber er tut es doch, und das wurmt ihn ungemein, dieser Widerspruch zwischen Sein und Sollen.

Hegel ruft hinein, das sei alles gar nicht so schlimm, denn es geht ja nicht um die Spieler, sondern um das Spiel an sich, das die Mannschaft (in einem dialektischen Prozess) schon irgendwann lernen wird; und wenn nicht diese Mannschaft, dann die nächste oder zumindest die letzte Mannschaft, die jemals das Spielfeld  betreten wird.

Kierkegaard allerdings schüttelt vehement den Kopf. Nicht um das Spiel, es geht um den Spieler, seine subjektive Existenz und das ihm je eigene Universum.

Kant mischt sich auch ein, klopft Kierkegaard väterlich auf die Schulter, meint, man müsse dann halt einsehen, dass der Spieler – dass der Mensch – aus krummen Holz geschnitzt sei, aber das hilft Kierkegaard auch nicht weiter.

Das ganze Spiel, meint Kierkegaard, macht gar keinen Sinn, wenn die Spieler etwas spielen sollen, wovon sie zwar eine Idee im Kopf haben, aber mangels Vermögen nicht spielen können.

Und deshalb, so fügt er hinzu, wird den Spielern in einer dritten (religiösen) Phase dann auch klar, dass sie dieses Dilemma alleine nicht lösen können. Sie sind auf eine höhere Instanz angewiesen, die das Vermögen hat, den Widerspruch zwischen Sein und Sollen aufzuheben. Allerdings ohne die Spieler von oben mit Forderungen zu erdrücken. Nicht also die Fifa, sondern ein Fußballgott ist gefragt, der, ganz Gott und ganz Fußballer, die Spieler von unten auf das geforderte Niveau hinaufhebt. Ein Fußballgott, in dessen Geiste die Spieler die Grenze des Möglichen durchbrechen.

Denn das haben ja auch schon ganz andere große Fußballer erkannt: Wer will, den befähigt Gott, zu können – und die Wahrheit ist immer auf dem Platz.

Was ist im Himmel anders?

Mit einem selbst, mit seinen ganzen Vorstellungen, Einstellungen und Handlungsmotiven ist es ja im Grunde so ähnlich wie mit einer Badewanne: Lässt man 50° Grad warmes Wasser ein, dauert es nicht lange und das Wasser hat wieder Raumtemperatur. Entropie ist das Problem. Um aber trotzdem bei konstant 50° Grad zu baden, muss man immer wieder heißes Wasser nachlaufen lassen. Und um der zu sein, der man sein will, muss man sich konstant anstrengen, um nicht die Temperatur von Umfeld und Gesellschaft anzunehmen. Liegt nun die moralische Idealtemperatur bei, sagen wir, 30° Grad, dann unterscheiden sich Himmel und Erde wohl darin, dass es auf der Erde nur 10° Grad warm ist, so dass man immer Badewasser nachlaufen lassen muss, um nicht abzukühlen, wohingegen die Temperatur im Himmel bei exakt 30° Grad liegt und man sich überhaupt nicht anstrengen muss, das moralische Niveau zu halten. Da das Himmelreich aber bereits angebrochen hat, sollte die Aufgabe der Kirche eigentlich darin bestehen, die Atmosphäre im Hier und Jetzt bereits ein wenig aufzuheizen. 30° Grad sind natürlich utopisch, dafür ist der Gegenwind zu stark, aber selbst 11° Grad macht schon einen Unterschied.

Antifragilität und Gott

Noch eine Ergänzung zum letzten Beitrag. Laut dem Philosophen Karl Jaspers ist das Leben auf eine ganz existentielle Weise immer mit Schuldgefühlen verbunden, da man nicht leben kann, ohne zu verdrängen. Das heißt, wenn ich einen Weg asphaltiere, verdränge ich die Natur. Wenn sich ein Arbeitgeber für mich entscheidet, verdränge ich die Mitbewerber. Ebenso, wenn sich eine Frau für mich entscheidet. Und selbst, wenn ich nur hier sitze und schreibe, verdränge ich Naturressourcen wie Sauerstoff und Energie. Und das ganze Spiel geht früh los, denn zwar kann ich dankbar sein, die Eizelle als Erster erreicht zu haben, aber ein bisschen leid für die Mitstreiter tut es mir doch.

Bei allem Mitgefühl ist es aber laut Nassim Nicholas Taleb (Autor von „Antifragilität“) so, dass gerade diese Verdrängungsprozesse das Leben voranbringen und besser machen. Denn bin ich mir der Tatsache bewusst, dass ein Job oder eine Frau auch von anderen umworben wird, muss ich mich extrem anstrengen, ihn oder sie zu bekommen. Und führe ich ein eigenes Unternehmen, oder bin beispielsweise an einem Versandhandel für Boxspringbetten beteiligt, ist die Konkurrenz extrem groß und ich muss immer mein bestes geben, um nicht verdrängt zu werden, wovon letztendlich der Kunde profitiert.

Habe ich nun im letzten Beitrag erwähnt, dass dem Leben Ordnung zugrunde liegt und sage ich jetzt, dass es auf Verdrängung beruht, dann schließt sich das nicht unbedingt aus, sofern man Verdrängung als ordnendes Prinzip begreift. Wobei ich an dieser Stelle aufpassen muss, nicht missverstanden zu werden, denn natürlich kann Verdrängung auch Unordnung stiften. Das heißt, wenn ein Kunde bei uns sein Bett kauft und nicht bei der Konkurrenz, weil wir ihm ein gutes Bett zum fairen Preis verkaufen, dann ist das, obwohl ich einen Konkurrenten verdrängt habe, in Ordnung. Wenn er dagegen bei uns kauft, weil wir ihm Ramsch zum Billigpreis verkaufen, dann bringt das auf lange Sicht die ganze Branche in Unordnung. Letztlich ist also immer die Frage, ob Verdrängung stattfindet, weil sich jemand für den Kunden / den Partner / den Menschen / das Leben einsetzt und somit Ordnung stiftet oder gegen den Kunden / den Partner / den Menschen / das Leben handelt und somit Unordnung anrichtet.

Wie ist Verdrängung als Prinzip aber mit einem Gott in Einklang zu bringen, der das Beste für jeden Menschen will? Denn letztlich drängt jede Verdrängung irgendwen ins Unglück, zum Beispiel denjenigen, der seinen Job verliert.

Vielleicht kann man so sagen: Wer unglücklich ist, der leidet an einem Verlust, z.B. den des Jobs oder eines Menschen oder von Gesundheit. Jeder Verlust ist aber der Verlust von Beziehung (zum Job, zu einem anderen Menschen, zu sich selbst, zu seinem Körper oder zu Dingen). Da sich aber unsere Identität aus Beziehungen speist, ist ein Verlust von Beziehung gleichzeitig ein Verlust von Identität. Ist es nun aber so, dass unsere Identität im Kern durch unsere Beziehung zu Gott bestimmt wird, dann kann Verdrängung auch bedeuten, nicht ins Unglück gedrängt zu werden, sondern zu Gott hin gedrängt zu werden, um in dessen Gegenwart seine eigentliche Identität zu finden. Diese Identität wäre aber nun wiederum in diesem Sinne identitätsstiftend, als dass durch die Beziehung zu Gott alle anderen Beziehungen neu angeordnet werden.

Letztlich hat der Mensch also zwei Identitäten, eine in der Natur und eine in Gott. Während erstere allerdings vom Leben getötet und vom Tod begraben werden kann, ist zweite sicher bei Gott verwahrt. Mit Nassim Nicholas Taleb gesprochen ist das Leben in diesem Sinne tatsächlich antifragil, also nicht fragil, weil es weder vom Leben noch vom Tod zerstört werden kann, aber auch nicht stabil, weil es zwar unzerstörbar, aber nicht unantastbar ist, sondern ganz im Gegenteil sogar angetastet (beschnitten) werden muss, um überhaupt wachsen zu können.

Darf man lügen?

Langweiliger Originaltitel: Wahrheit und Ordnung

Nun ist es ja nicht so, dass ich über Wahrheit noch nie etwas geschrieben hätte, und doch zuckt ein weiterer Gedanke im Kescher, bzw. im Kurzzeitgedächtnis, weswegen ich mich beeilen will, ihn auszuschreiben. Vorwegschicken würde ich aber trotzdem gerne ein Wort von Nietzsche, der einmal meinte, dass alle Philosophie sich am Leben messen muss. Und das gilt natürlich auch für die Wahrheit als Hauptinteresse der Philosophie. Mit dem Leben ist es aber so eine Sache, denn es gibt solches und solches. Es gibt Leben, das in Ordnung und sich daher gut anfühlt, und es gibt Leben, das in Unordnung ist und sich daher schrecklich anfühlt.

Letzte Woche war ich im KZ Buchenwald, Menschen zum Erdrosseln an Haken aufzuhängen ist ganz sicher Leben, das nicht in Ordnung ist, bzw. möglicherweise die Grenze dessen, was man als Leben bezeichnen kann, schon längst überschritten hat. Zu viel Unordnung bringt den Tod; einen Entzündungsherd kann der Körper vertragen, aber ist der ganze Körper entzündet, stirbt er irgendwann.

Ist Ordnung also eine Grundbedingung des Lebens, könnte man vielleicht sagen, dass es die wesentliche Funktion von Wahrheit ist, Ordnung herzustellen, das Leben also zu ordnen. Grammatik ist dabei insofern wahr, wenn sie das Verhältnis der Satzteile logisch ordnet. Sprache ist insofern wahr, wenn sie das Verhältnis der Dinge logisch ordnet.

Wahrheit ist aber nun nicht nur ein logischer Begriff, sondern vor allem ein moralischer, wobei das Prinzip vermutlich gleich ist. Das heißt, ebenso wie Sprache dient auch Moral dazu, die Wirklichkeit zu ordnen und damit das Leben zu fördern. Und ebenso wie die Sprache muss auch die Moral in Ordnung sein (also so gesehen eine moralische Grammatik besitzen), um überhaupt die Wirklichkeit ordnen zu können. Was passiert, wenn sie es nicht ist, sieht man beispielsweise im erwähnten KZ Buchenwald oder aktuell an den Machenschaften des IS.

Wenn Wahrheit aber dazu da ist, das Leben in Ordnung zu bringen, dann würde ich Kant widersprechen, dass man auf gar keinen Fall lügen darf, also auch nicht, wenn man in Nazideutschland Juden versteckt hält und diesbezüglich die Gestapo anlügt. Streng genommen würde man, wenigstens nach meiner Logik, sogar die Wahrheit sagen, bzw. zwar lügen, aber im Sinne der Wahrheit, da man Unrecht und damit Unordnung aufhalten und folglich das Leben fördern würde. Hinter dem Satz „Nein, ich habe keine Juden versteckt“ stünde also die Illokution (Intention): „Ja, ich habe Juden versteckt, aber um das Leben zu beschützen, werde ich dir Arschloch dies nicht verraten.“

Ist nun Jesus die Wahrheit in Person, dann ist er selbst in Ordnung und nur daher auch in der Lage, die Welt in Ordnung zu bringen. Sagt Platon lange vor Jesus, dass in einer ungerechten Welt der Gerechte unweigerlich aufgeknüpft wird, dann musste Jesus sterben, weil eine Welt, die sich an die Unordnung bereits so sehr gewöhnt hat, dass sie Unordnung mit Ordnung verwechselt, von einem Menschen, der in Ordnung ist, denken muss, dass er nicht in Ordnung ist und somit nur Chaos stiftet.

Warum lässt Gott das Leid zu?

Frage-Ich: Alexander

Antwort-Ich: Ja.

F: Es ist Sonntag.

A: Ja.

F: Es ist wieder soweit!

A: Was?

F: Ich habe Fragen.

A: Schon wieder?

F: Leider ja.

A: Und dein Thema diesmal?

F: Leid. Warum lässt Gott Leid zu?

A: Lies meinen Blog!

F: Keine Lust. Vielleicht können wir das Wesentliche nochmals gemeinsam zusammentragen.

A: Meinetwegen.

F: Dann los, warum lässt Gott Leid zu?

A: Darauf gibt es keine wirklich befriedigende Antwort.

F: Versuchen wir es mit den Unbefriedigenden. Ich frag vielleicht mal so herum, welche Arten von Leid gibt es überhaupt?

A: So wie ich das sehe, hauptsächlich zwei, das von Menschen verursachte Leid, siehe Auschwitz oder Verkehrsunfälle, und das durch die Natur verursachte Leid, siehe Erdbeben oder Naturkatastrophen. Und dann natürlich Mischformen wie die meisten Krankheiten.

F: Beispiel?

A: Naja, macht sich gerade ein Virus breit, werde ich möglicherweise krank, die Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn mir jemand in der Bahn direkt ins Gesicht niest.

F: Eklig.

A: Ja.

F: Mit dem von Menschen verursachten Leid habe ich persönlich nicht ganz so viele Probleme, da der Mensch ja streng genommen selbst dran Schuld ist. Wolfgang Niedecken von BAP hat das kürzlich in einer Talkshow mal ganz schön auf den Punkt gebracht: Nicht Gott sollte sich bei uns entschuldigen, sondern wir sollten uns für den ganzen Scheiß, den wir bauen, bei Gott entschuldigen.

A: Und dennoch könnte man natürlich fragen, ob Gott den Menschen nicht auch hätte anders schaffen können, friedlicher, vernünftiger.

F: Wir kommen darauf zurück. Lass uns dennoch erst einmal über das von der Natur verursachte Leid reden. Warum also ist die Natur nicht auch etwas friedliebender, etwas weniger gefährlich?

A: Eine aktuell beliebte Antwort darauf lautet: Die Natur ist so wie sie ist, weil sie den Menschen hervorgebracht hat. Ausgangspunkt ist das anthropische Prinzip, welches besagt, dass unter den gegebenen Naturgesetzen die Natur gar nicht anders konnte als auf kurz oder lang ein höher entwickeltes und vernunftbegabtes Wesen wie den Menschen zu evolvieren. Alternativ könnte man sich zwar eine Welt denken, die auf anderen Naturgesetzen beruht und daher friedlicher ist, aber weil andere Naturgesetze zu anderen Ergebnissen führen, wäre diese Welt eben nicht von Menschen bewohnt. Theologen sprechen diesbezüglich auch gerne von einem so genannten „Package Deal“, das heißt, weil die Naturgesetze sowohl für den Menschen als auch für das Leid verantwortlich sind, ist der Mensch nur unter den uns bekannten leidgeprüften Bedingungen zu haben, wenn ich das so formulieren darf.

F: Darfst du. Gibt es andere, vielleicht weniger evolutive Ansätze?

A: Man könnte natürlich auch sagen, dass eine Welt, die von mehr als einem Einwohner bewohnt wird, eine gewisse Eigendynamik haben muss, um allen Einwohnern gerecht zu werden. Mal also angenommen, ich wäre das einzig existierende Lebewesen und würde mich als Zusatzannahme immer vorhersehbar verhalten, dann wäre eine Welt denkbar, die auf mich hin zugeschnitten ist und mir daher optimale Lebensverhältnisse bietet, so dass die Sonne scheint und Regen fällt, so wie es für mich gerade das beste ist. Da dies aber nicht der Fall ist und die Welt von vielen Lebewesen bewohnt wird, die auch noch alle miteinander interagieren, muss die Natur ständig an den bestehenden Lebensverhältnissen herumdoktern, immer auf der Suche nach neuen, noch besser angepassten Lebensnischen. Wo aber gehobelt wird, da fallen Späne, und wo viel versucht wird, da gibt es auch viele Fehlversuche, die sich dann leider in Gendefekten oder anderen Fehlentwicklungen niederschlagen.

F: Weil also in der Natur viele Einzelakteure mehr oder weniger frei agieren und interagieren, muss auch die Natur mehr oder weniger frei sein, um die Freiheit der Einzelakteure überhaupt ermöglichen zu können?

A: Gut erkannt. Wobei es in Bezug auf die Natur vielleicht besser wäre, von Flexibilität als von Freiheit zu reden. Das heißt, schwimmen kann ich beispielsweise nur, weil sich Wasser verdrängen lässt, was wiederum für die Ameise am Beckenrand eine mittelschwere Katastrophe bedeutet.

F: Stichwort Schmetterlingseffekt.

A: Ja.

F: Trotzdem bin ich nicht sicher, ob sich damit alles erklären lässt, was ist mit Meteoriteneinschlägen?

A: Weiß ich auch nicht, trotzdem bleibe ich dabei, dass man Meteoriteneinschläge oder andere Naturkatastrophen nur in einer statisch geordneten Welt ausschließen könnte, nicht aber in einer Welt, in der eine dynamische Natur brodelt.

F: Du klingst leicht genervt, dann lass uns lieber einen Schritt weitergehen.

A: Gerne.

F: Die Bibel erweckt ja den Eindruck als sei der Mensch an allem Schuld, auch an dem von der Natur verursachten Leid.

A: Wie kommst du darauf?

F: Ich denke an das Bild vom Sündenfall. Alles ist gut. Der Mensch sündigt. Alles wendet sich zum Schlechten.

A: Ist das so? Wenn ich mich recht entsinne, ist im Paradies alles gut, dem Ort also, wo Gottes Gegenwart greifbar ist, während außerhalb des Paradieses bereits einige harte Ackerböden darauf warten, vom Menschen umgepflügt zu werden.

F: Und doch, hätte der Mensch nicht gesündigt, wäre ihm dieses Schicksal wohl erspart geblieben.

A: Dann müssen wir uns an dieser Stelle wohl fragen, was es mit dem Sündenfall auf sich hat. Der rote Faden, der sich durch die ganze Bibel zieht, ist meines Erachtens die Rede vom Bund: Ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein! Der Sündenfall macht deutlich, dass der Mensch das nicht will und stattdessen viel lieber selbst Gott spielen möchte. Denn nichts anderes bedeutet es ja, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, oder besser übersetzt, Schlechten zu essen: Nicht Gott soll entscheiden, was für den Menschen gut und schlecht ist, sondern der Mensch will es selbst entscheiden; er will sein eigener Herr sein.

F: Wenn ich kurz dazwischen dürfte, für mich hört sich das eher so an, als strebe der Mensch nach Mündigkeit, wogegen ja eigentlich nichts zu sagen ist.

A: Berechtigter Einwand, aber Mündigkeit würde bedeuten, aus dem Guten heraus das Richtige zu tun. Der Mensch handelt aber nicht aus dem Guten heraus, sondern er tritt aus dem Guten heraus, um dann zu handeln, so wie er es selbst und für sich selbst als richtig empfindet.

F: Und als Strafe der Rauswurf aus dem Paradies und ein anstrengendes und leidgeplagtes Leben auf dem Acker?

A: Ich sehe das so: Gott schafft die Welt, und zwar nach hebräischem Schriftverständnis und übrigens auch ganz im Einklang mit der modernen Naturwissenschaft so, dass sich das bestehende Chaos langsam in Ordnung verwandelt. Meteoriteneinschläge und Naturkatastrophen könnte man diesem Verständnis nach dem noch zu verwandelnden Restchaos zuschreiben, aber das nur am Rande. Auf jeden Fall sagt Gott nach getaner Arbeit, dass alles gut ist. Es wäre möglich, dass er damit nicht nur einem ästhetischen Gefühl nachgibt, sondern, wie soll ich das formulieren, eine Inanspruchnahme geltend macht. Wenn ich also sage, der 911er ist ein gutes Auto, dann meine ich damit nicht nur, dass er gut aussieht, sondern ich bringe meinen Wunsch zum Ausdruck, ihn zu fahren und bei 300 Sachen die 500 Pferde zu spüren. Sagt Gott dasselbe über die Welt, dann bringt er damit meines Erachtens seinen Wunsch zum Ausdruck, sie in Besitz zu nehmen und in ihr wohnen zu wollen. In diesem Sinne veranschaulicht das Bild vom Paradies, was es heißt, wenn Gott die Welt mit seiner Gegenwart erfüllt. Dagegen veranschaulicht das Bild vom Acker, was es heißt, sich auf einmal abseits der Gegenwart Gottes wiederzufinden.

F: Ich ahne, wo die Reise hingehst, vielleicht jetzt die Pointe.

A: Die Pointe lautet: Wenn Gott gegenwärtig ist, wenn er unser Gott ist und wir sein Volk sind, dann wird alles gut. Die Welt ist dafür geschaffen, von Gott durchdrungen zu werden. Die Natur ist dynamisch, aber ebenso wie ein Pferd gezügelt werden muss, damit es nicht ausbricht, muss Gott die Natur zügeln, damit sie nicht ins Chaos abdriftet.

F: Und weil Gott der Herr der Natur ist, würde der Mensch, wenn er Gott als seinen Herrn anerkennt, nicht mehr von den Naturgewalten, sondern von Gott abhängig sein?

A: So ungefähr. In der Bibel heißt es ja: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an!“ Betritt Gott unseren Lebensraum, dann wird es hell und die Finsternis und das Leid muss weichen.

F: Das klingt gut, wenngleich das Leben immer noch sehr nach Acker, nach Leid und Schmerz schmeckt, ich frage daher ganz konkret, wann hat das Warten auf Gott ein Ende?

A: Eine wichtige Frage, so wichtig sogar, dass ich sie zum Kern meiner Theodizee erklären würde. Man kann also fragen, warum Gott Leid zulässt, jedoch wird die Antwort aufgrund der menschlichen Begrenztheit immer unbefriedigend ausfallen. Man kann auch fragen, wozu Gott das Leid zulässt, allerdings besteht die große Gefahr, das Leid damit zu bonisieren, ihm also etwas Gutes abzugewinnen, was in Anbetracht von Auschwitz schnell zynisch wirkt. Natürlich ist es andererseits auch wahr, dass man im Leiden viel lernen kann und der Glaube geschärft wird, aber das ist noch lange kein Grund, es als etwas per se Gutes oder gar Gottgewolltes zu begreifen. Und daher, weil das Leid im Kern weder begreiflich noch sinnvoll ist, teile ich die Ansicht des Theologen Jürgen Moltmann, dass die Frage „Wie lange noch?“ eigentlich am meisten Früchte trägt, da sie einen Dialog mit Gott eröffnet, der sowohl Raum für Klage als auch für Hoffnung lässt.

F: Schön. Wie lange also noch?

A: Christen hoffen darauf, dass am Ende der Zeit, wenn der letzte Vorhang fällt, der Autor die Bühne betritt, um diese Welt ins Unvergängliche und somit Leidlose zu verwandeln, wie auch immer das aussehen wird. Christen glauben aber auch, dass der Same hierfür schon längst gelegt ist, beziehungsweise Gott in menschlicher Gestalt mit uns auf dem Acker steht, um das Zukünftige im Hier und Jetzt vorzubereiten; den Acker also zu lockern und den Samen zu gießen. Dass Gott aber bereits unter uns weilt, zeigt sich daran, dass in seiner Gegenwart die Dinge bereits jetzt schon anfangen sich zu verwandeln; auf dem Acker also bereits Pflanzen durchbrechen, Lahme gehen, Blinde sehen können und damals wie heute Zeichen und Wunder geschehen. Obwohl also trotz allem schlimme Dinge auf der Welt passieren, weicht die Angst einer gewissen, von seiner Gegenwart beseelten Vorfreude.

F: Das kann man, auch in Anbetracht der Zeit, sicherlich so stehen lassen, dann also jetzt noch in aller Kürze die Frage nach Auschwitz und dem von Menschen verursachten Leid. Warum kann Gott den Bösen nicht einfach davon abhalten, Böses zu tun?

A: Mit dem Theologen Klaus von Stosch gesprochen, weil Gott die Freiheit des Menschen so hoch schätzt, dass er ihn machen lässt, selbst wenn Schlimmes dabei herumkommt. Ist Gott also Liebe, dann zwingt er uns zu nichts, sondern wirbt um uns mit Mitteln der Liebe. Weil Gott aber durch Menschen um Menschen wirbt, liegt es an uns, dem liebenden Werben Gottes Gehör zu verschaffen. Ein Pfarrer hatte zu Nazizeiten einmal einen Traum, in welchem Adolf Hitler vor Gott steht und Gott ihn fragt, warum er so viel Übel über die Menschen gebracht hat. Hitlers Antwort war: Weil keiner mir gesagt hat, dass du mich liebst!

F: Ein guter Schlusspunkt, ich danke für das Gespräch. Hast du noch Literaturempfehlungen für mich?

A: Ich empfehle von Klaus von Stosch „Theodizee“, von Philip Yancey „Von Gott enttäuscht“ und von C.S. Lewis „Über den Schmerz“.

Warum ich an Gott glaube – ein Interview

Wieder einmal war es an der Zeit, mich mit mir zusammenzusetzen, diesmal, um über den Glauben an Gott ins Gespräch zu kommen.

Frage-Ich: Alexander, lass uns über deinen Glauben reden.

Antwort-Ich: Schwierig.

F: Wieso schwierig?

A: Es ist schwierig, das Unfassbare in Worte zu fassen.

F: Du kannst nicht in Worte fassen, woran du glaubst?

A: Ich kann Gründe angeben. Aber hinter all den Gründen verbirgt sich etwas, das nur mir, und das auch nur in seltenen Momenten zugänglich ist; ein Sehen ins Unsichtbare hinein, wenn man so will; ein Gefühl von Mehr, von Ewigkeit, davon, dass Gott da ist und ich in ihm aufgehoben bin.

F: Und dieses Gefühl ist selten?

A: Leider ja, leider gibt es so viele Gewohnheitsgefühle, die dem Außergewöhnlichen den Platz rauben; Hunger zum Beispiel, Müdigkeit, Stress, Trägheit oder das Gefühl, dass Dortmund doch noch Meister wird.

F: Das heißt, der Alltag steht dem Glauben im Weg?

A: So würde ich das nicht ausdrücken, ich würde eher sagen, dass wir uns an das Leben gewöhnt haben und die Macht der Gewohnheit uns dazu zwingt, es einfach hinzunehmen, abzuarbeiten, aber nicht mehr zu hinterfragen und auch im Alltäglichen offen für das Ungewöhnliche zu sein.

F: Dann lass uns jetzt, wo wir hier beim sonntäglichen Tee so gemütlich beieinander sitzen, die Gelegenheit nutzen, das Ungewöhnliche doch noch zu fassen zu kriegen, ich frag daher noch einmal konkret, woran glaubst du?

A: Ohne dir das Heft aus der Hand nehmen zu wollen, vielleicht sollte man zunächst einmal fragen, unter welchen Bedingungen ich überhaupt bereit bin, an etwas zu glauben.

F: Meinetwegen, unter welchen Bedingungen bist du bereit, überhaupt an etwas zu glauben?

A: Oder noch besser, vielleicht sollte man damit anfangen zu fragen, unter welchen Bedingungen ich nicht glauben würde.

F: Wie du meinst, also?

A: Also was?

F: Unter welchen Bedingungen würdest du nicht glauben?

A: Schön, dass du fragst, zum Beispiel unter denen, dass Gott nur das abstrakte Resultat einer Denkanstrengung oder eines Gefühls wäre, das ich in mir trage. Das wäre mir zu wenig, um darauf mein Leben aufzubauen. Zudem mein Denken und meine Gefühle mich oft genug in die Irre leiten. Nein, wenn es einen Gott gibt, an den ich glauben soll, dann kommt er um eine Selbstoffenbarung nicht herum.

F: Aber angenommen, Gott würde sich uns tatsächlich offenbaren, dann erleben wir dies, mit Kant gesprochen, ja nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar über unsere Sinne, Gedanken und Gefühle. Das heißt, wir sind auch in diesem Fall von unseren Gedanken und Gefühlen abhängig, die uns täuschen können.

A: Das ist richtig, jedoch ist es ein Unterschied, Gott lediglich zu denken ober über Gott nachzudenken. Das heißt, erst wenn sich Gott offenbart, steht eine konkrete Wahrheit im Raum, die ich mit meinen Mensch gegebenen Mitteln überprüfen kann. Ebenso ist es ja auch ein Unterschied, an UFOs zu glauben oder plötzlich ein notgelandetes UFO im Garten stehen zu haben und entscheiden zu müssen, ob dieses untertassenförmige Gebilde tatsächlich ein UFO ist.

F: Verstehe. Nur mit UFOs ist es ja meistens so, dass UFO-gläubige Personen nur irgendein flackerndes Licht am Himmel sehen müssen und schon davon überzeugt sind, wieder einmal eine Begegnung der dritten Art gehabt zu haben. Es hängt also vom Interpretationsrahmen ab. Glaube ich an UFOs, dann sehe ich überall UFOs. Glaube ich an Gott, dann sehe ich überall Gott.

A: Da muss sich natürlich jeder selbst fragen, wie überzeugend die eigenen Überzeugungen und Vorannahmen sind. Bezogen auf Gott würde ich schon sagen, dass es nicht nur gute Gründe dafür gibt, dass Gott existiert, sondern auch gute Gründe, dass Gott, sofern er existiert, an einer Selbstoffenbarung gelegen ist.

F: Und welche Gründe wären das?

A: Zunächst einmal würde ich mit Karl Rahner sagen: Von nichts kommt nichts. Weil die Natur aber nicht nur sächlich, sondern auch personal ist und somit Eigenschaften wie Vernunft und Liebe beinhaltet, würde ich induktiv annehmen, dass die Natur nicht nur von einem Gott geschaffen ist, sondern dass dieser Gott ebenso ein personales Wesen ist. Egal also, wer Gott ist, wenn er die Welt geschaffen hat, darf er nicht weniger sein als die Welt; nicht weniger also als Person, Vernunft und Liebe.

F: Und weil du davon ausgehst, dass Gott Person ist und dass der Mensch Person ist, schließt du daraus, dass Gott und Mensch „beziehungskompatibel“ sind und die Welt daher auf eine Selbstoffenbarung Gottes ausgelegt ist.

A: So könnte man das ausdrücken, ja; vielleicht mit dem Zusatz, dass Gott meinem Verständnis nach ja nicht nur Person, sondern Liebe ist, also Liebe in Person, wobei Liebe nie für sich bleibt, sondern immer die Nähe des Anderen, des Geliebten sucht.

F: Wie aber soll ich mir vorstellen, dass Gott sich selbst offenbart? Denn wenn ich das richtig sehe, hat er, wenn er die Welt geschaffen hat, und die Ursache größer ist als die Wirkung, keinen Platz in der Welt, ebenso wenig wie der Eiffelturm hier in diesem Zimmer Platz finden würde. Wo und wie findet also die Selbstoffenbarung statt?

A: Nun, hat Gott die Welt geschaffen, dann hat er auch die Endlichkeit geschaffen und ist somit selbst unendlich. Definiert man den Menschen als endliches Wesen aber so, dass es etwas gibt, das ihn begrenzt, dann gibt es für Gott als unendliches Wesen nichts, das ihn begrenzt. In diesem Sinne steht er als Schöpfer einerseits über der Schöpfung, aber durchdringt sie andererseits auch, da auch die Schöpfung ihn nicht begrenzt. Einen Zuschauergott, wie ihn der Deismus annimmt, kann es also so gesehen nicht geben. Wenn er aber alles durchdringt, dann kann er sich auch theoretisch in allem offenbaren.

F: Das heißt, Gott offenbart sich in der Schöpfung, in der Natur?

A: Die Schöpfung zeugt von einem Schöpfer, aber wenn sich Gott explizit offenbart, dann findet, weil er Person ist, eine Ansprache statt. In der Bibel finden sich hierfür Bilder wie zum Beispiel der brennende Dornbusch oder der rauchende Berg, aus oder auf dem Gott spricht.

F: Und wenn Gott spricht?

A: Es hat wahrscheinlich seinen Grund, dass die Ansprache Gottes in der Bibel oft mit einem „Du sollst!“ verbunden ist. Denn ist Gott wirklich an einer Beziehung zum Menschen gelegen, und beruht Beziehung auf einer gegenseitigen freiheitlichen Entscheidung füreinander, dann muss Gott den Menschen zunächst einmal zur Freiheit befähigen. Dies tut er, indem er Gebote aufstellt, die der Mensch befolgen soll, und ihn dadurch zur Mündigkeit erzieht. Frei handelt der Mensch also nicht, wenn er so darf wie er will, denn dann wäre er Sklave seiner selbst. Frei handelt er auch nicht, indem er so muss wie Gott will, denn dann wäre er Sklave Gottes. Wirklich frei handelt er, wenn er etwas tut, was er vielleicht gar nicht tun will, aber insgeheim weiß, dass er es tun sollte.

F: Verstehe ich nicht, bitte noch einmal.

A: Naja, wärst du nicht ein zugegebenermaßen äußerst attraktiver Mann, sondern eine attraktive Frau, und wir hätten eine Beziehung, dann könnte das nur funktionieren, wenn einer den anderen weder zu etwas zwingen noch für seine eigenen Zwecke ausnutzen würde. Moral hilft uns dabei, den Blick von unserem eigenen Nabel ab- und dem Anderen zuzuwenden, auch wenn man sich möglicherweise viel lieber um die eigene Achse drehen würde.

F: Alles klar. Wenn Gott uns aber zwar durchdringt, uns jedoch aufgrund seiner Wesensverschiedenheit verborgen bleibt, besteht dann nicht die Gefahr, Gott und Moral miteinander zu verwechseln, so dass sich die Qualität der Beziehung alleine dadurch definiert, dass man moralisch lebt und sich somit im Einklang mit Gott befindet, ohne dass Gott ein echtes Gegenüber und Ansprechpartner ist?

A: Das würde ich ähnlich formulieren, und daher gipfeln der christliche und somit ja auch mein Glaube darin, dass Gott Mensch wird und dadurch eine echte Beziehung auf Augenhöhe stattfinden kann. Oder um es trinitarisch auszudrücken: Gott wacht als Vater über den Menschen, Gott wohnt als Geist in den Menschen, Gott lebt aber auch als Bruder unter den Menschen. Das heißt, indem Gott Mensch wird, wird er buchstäblich begreifbar; Gott der Vater umgreift uns, aber Gott, den Sohn, kann der Mensch umgreifen.

F: Und im Hier und Jetzt, was bedeutet das für deinen persönlichen Glauben?

A: Ich denke, ohne die Person Jesus würde es mir generell schwer fallen, überhaupt an Gott zu glauben. Es macht für mich Sinn, dass Gott, sofern ihm an einer Beziehung zu uns gelegen ist, sich auf unser Niveau herablassen muss. Es ist aber auch klar, dass Gott sich nicht auf unser verkommendes moralisches Niveau herablassen kann, sondern ganz im Gegenteil, uns auf sein moralisches Niveau heraufziehen will. Und deswegen wird Gott ja auch nicht nur Mensch, um dem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sondern Gott wird Mensch, um die Welt in Ordnung zu bringen, beziehungsweise, Ostern steht vor der Tür, in der Kraft seiner Auferstehung die Tür zu einer Ordnung mit Ewigkeitsqualität aufzustoßen.

F: Und noch einmal gefragt, was heißt das für dich persönlich?

A: Glauben heißt für mich einerseits, in diese Geschichte, dass Gott Mensch wird, einzutauchen. Diesbezüglich kann man die Bedeutung der Bibel wohl nicht hoch genug hängen, die mich in die vergangenen Großereignisse mit hineinnimmt und sie mir gleichzeitig aufschließt. Glauben heißt für mich andererseits aber auch, die Geschichte fortzuschreiben, indem ich meinen Teil dazu beitrage, die Welt unter die Ordnung Gottes zu bringen. Und wiederum trinitarisch formuliert, heißt Glauben für mich schließlich und zusammenfassend, die Gegenwart Gottes über mir, in mir und neben mir Wirklichkeit werden zu lassen, was zugegebenermaßen ein wohl lebenslanges Unterfangen ist.

F: Warum?

A: Ich würde sagen, weil unabhängig von menschlichen Zweifeln und Unzulänglichkeiten weder ich noch die Geschichte vollendet sind und daher Glauben immer auch bedeutet, auf eine Vollendung der Dinge in der Zukunft zu hoffen.

F: Ich danke für das Gespräch.

(Weitere) Gedanken zur Trinität Gottes

Die Trinität Gottes leite ich mir, wie bereits erwähnt und ganz im Sinne der sozialen Trinitätslehre so her, dass Gott einerseits vollkommen und andererseits Liebe ist, also so gesehen vollkommene Liebe. Da nun Gott nicht von seiner Schöpfung abhängig ist, muss man ihn auch für sich genommen, ohne Schöpfung, denken können. Ist er aber seinem Wesen nach vollkommene Liebe, dann ist er auch für sich genommen, ohne Schöpfung, vollkommene Liebe. So gesehen kann er ein Einzelner deswegen nicht sein, weil eine nur auf sich selbst konzentrierte Liebe weit von dem Idealbild einer vollkommenen, sich selbst verschenkenden Liebe entfernt ist. Würde er aber aus diesem Grund nicht eine, sondern zwei Personen in sich vereinen, dann wäre seine Liebe zwar immerhin nicht mehr nach innen gekehrt, sondern auf ein Gegenüber gerichtet, jedoch entspräche dies auch nicht dem Idealbild vollkommener Liebe, da zwei, die sich gegenüber stehen, erst eins werden, indem sie sich gemeinsam auf etwas Drittes ausrichten. In einem ewigen Wechselspiel der Liebe würden sich also demnach Gott Vater und Gott Geist um Gott Sohn drehen, Gott Sohn und Gott Geist um Gott Vater und Gott Vater und Gott Sohn um Gott Geist.

So weit, so gut, das Problem ist natürlich jetzt, dass eine Vorstellung, die Gott in drei Personen unterteilt, in großer Gefahr steht, die Einheit Gottes auf eine nicht mehr mit dem Monotheismus vereinbare Weise zu unterlaufen.

Nun sollte man mit allzu menschlichen Bildern immer vorsichtig sein, wenn man von Gott spricht, aber um trotzdem an der Trinitätslehre festzuhalten, würde ich einen Vergleich zum menschlichen Bewusstsein ziehen wollen, das ja nicht einfach da ist, sondern auf einer einzigartigen neuronalen Struktur sattelt. Demgemäß kann ich mir vorstellen, dass auch Gott zwar keine neuronale, aber eine wie auch immer geartete einzigartige Wesensstruktur besitzt, aus der allerdings nicht nur eine, sondern drei Bewusstseinsformen hervorgehen. Ähnlich vielleicht einer Software, die auf Notebook, Tablet und Handy zum Einsatz kommt, wobei sie durch die unterschiedlichen Geräte hindurch dazu imstande ist, mit sich selbst zu kommunizieren.